Flugbegleiterin bei der Arbeit

Flugbegleiterin bei der Arbeit. // Photo by Free To Use Sounds on Unsplash.

/ Andreas Bachmann
/ 3. Oktober

Am Flughafen Wien-Schwechat liefern sich mehrere Airlines einen beinharten Verdrängungswettbewerb. Das Personal bekommt es zu spüren: Miese Arbeitsbedingungen, schlechte Bezahlung.

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Am Wiener Flughafen tobt der Kampf der Fluglinien. Von einem "Blutbad" spricht Jószef Váradi, Chef von Wizz Air. Als “Kannibalismus” bezeichnet es eine Flugbegleiterin im Gespräch mit Moment. Einen "defizitären Verdrängungswettbewerb" nennt es Philip Gastinger von der Gewerkschaft vida.

Fünf Fluglinien rittern in Wien-Schwechat um Passagiere: Neben Austrian Airlines haben Eurowings, die von Ryanair übernommene Laudamotion, Level und die ungarische Wizz Air hier einen Stützpunkt. Ausgetragen wird der Konkurrenzkampf über den Preis - und am Rücken des Personals. Von willkürlichen Kündigungen, die "Angst und Schrecken" verbreiteten, berichten Laudamotion-Angestellte dem Magazin Profil.

Löhne unterhalb der Armutsgefährdung

Die MitarbeiterInnen von vier Linien hielten im September erstmals gleichzeitig Betriebsversammlungen ab. Sie fordern einen Kollektivvertrag für die gesamte Branche. Derzeit hat jede Fluglinie einen eigenen - oder gleich gar keinen. "Es ist eine Lohndumping-Spirale nach unten eröffnet", sagt Gewerkschafter Gastinger. Wer bei der AUA oder bei Eurowings beschäftigt ist, hat noch Glück: FlugbegleiterInnen verdienen dort zum Einstieg seit vergangenem Jahr 1.742,50 Euro brutto Grundgehalt im Monat.

Bei anderen Fluglinien ist es viel weniger: Laudamotion garantiert seinen FlugbegleiterInnen lediglich 1.500 Euro, Level 1.200 Euro. "Das ist sogar brutto schon unter der Grenze zur Armutsgefährdung", sagt Gastinger. Zuletzt wurde mit Level darum verhandelt, überhaupt einen Kollektivvertrag abzuschließen. Die Gespräche platzten. Die Fluglinie will monatlich nicht einmal 1.500 Euro brutto Einstiegsgehalt garantieren.

Unter 1.000 Euro Grundgehalt

Noch karger ist der Lohn bei Wizz Air. Die Gewerkschaft geht davon aus, dass hier nicht einmal ein Grundgehalt von 1.000 Euro garantiert ist. Auch hier gibt es keinen Kollektivvertrag. "Dadurch müssen sie sich an keine Spielregeln halten, was das Gehalt angeht", klagt Gastinger. Die Fluglinie spricht gegenüber Moment hingegen von einem "wettbewerbsfähigen Gehalt". Das Kabinenpersonal komme netto auf 1.400 Euro monatlich.

Aber: Das gelte nur für die MitarbeiterInnen, die viel fliegen, so die Gewerkschaft. Denn in der Branche hat es sich durchgesetzt, ein niedriges Grundgehalt zu zahlen. Nach Zahl der Flugstunden erhalten die MitarbeiterInnen dann etwas mehr. Wenn weniger geflogen wird, gibt es weniger Gehalt. "Im Jänner ist das schon einmal nur die Hälfte von dem, was im Juli rauskommt", sagt Gastinger über die Zuschläge für Flugstunden bei Billigairlines. „Da bekommt man Probleme, die Miete zu zahlen.“ Die Flugbegleiterin Susanne (Name geändert) sagt über KollegInnen bei Lowcost Carriern: "Man braucht nur krank werden, schon ist das Gehalt praktisch gekürzt, weil man auf weniger Flugstunden kommt. Das überlegt man sich dann sehr gut."

Wie viel oder wenig die MitarbeiterInnen fliegen, können sie selbst aber gar nicht beeinflussen. Einen Betriebsrat gibt es bei Wizz Air nicht. Somit gibt es auch keine Mitsprache darüber, wie Dienste eingeteilt werden. "Wenn du dort nur das Wort Betriebsrat in den Mund nimmst, bist du deinen Job schnell los", sagt ein Insider zu Moment. Die Fluglinie sieht kein Problem: “Wizz Air ist kein österreichisches Unternehmen und daher nicht verpflichtet, Betriebsräte zu haben oder Teil des österreichischen Tarifvertrags zu sein", heißt es auf Nachfrage zu Moment. Die Gewerkschaft widerspricht: "Bei den dauerhaft hier stationierten Wizz-Air-Kollegen kommt sehr wohl das österreichische Arbeitsrecht zur Anwendung", so vida-Sprecher Hansjörg Miethling.

Am Flughafen verdient kaum jemand weniger als FlugbegleiterInnen. Dabei sind sie es, die im Notfall für das Überleben Hunderter Passagiere verantwortlich sind. “Man vergisst, wofür wir eigentlich da sind: Wir müssen im Notfall in 90 Sekunden das Flugzeug durch die Hälfte aller Notausgänge evakuiert haben”, sagt Susanne. Bei medizinischen Notfällen sind sie es, die Leben retten. Deshalb müssen sie immer hellwach sein. Eine Unkonzentriertheit oder Schwäche kann verheerende Folgen haben. Auf der anderen Seite können FlugbegleiterInnen ihnen zustehende Pausen manchmal nicht nehmen. Teilweise fliegen sie, auch wenn sie körperlich nach einem Tag mit vier Starts und Landungen körperlich schon am Ende sind. “Aus Jobangst heraus mit Schmerzen in den Ohren den Flug noch irgendwie durchzuziehen, das kommt vor”, berichtet die Flugbegleiterin.

In Wien-Schwechat sind zuletzt viele neue Airlines in den Markt gedrängt. Früher waren es zwei, jetzt sind es fünf, darunter einige Billiglinien. “Die liefern sich einen Preiskampf mit absurden Preisen von unter zehn Euro. Das ist kein nachhaltiges Geschäft, die schreiben Verluste”, sagt Gewerkschafter Gastinger. Laudamotion verlor im vergangenen Jahr 120 Millionen Euro. In diesem Jahr hofft der Mutterkonzern Ryanair darauf, dass Defizit auf 50 Millionen Euro zu begrenzen. Im Verdrängungswettbewerb geht es darum, welche Airlines am Standort Wien überleben.

Milliardengewinne und Dumpinglöhne

Hinter ihnen stehen große Muttergesellschaften. “Die machen keine Millionengewinne, sondern Milliardengewinne. Das sind Unsummen“, sagt Gastinger. Die besonders schlecht zahlende Wizz Air freute sich im abgelaufenen Geschäftsjahr 2018/19 über einen Jahres-Rekordgewinn von 292 Millionen Euro. Ryanair erzielte trotz der defizitären Laudamotion eine Milliarde Euro Überschuss. Und die International Airlines Group, unter deren Dach Level fliegt, machte im vergangenen Jahr sogar fast drei Milliarden Euro Gewinn. “Aber in Österreich sind sie nicht bereit, Löhne zu zahlen, die über der Armutsgrenze liegen”, so Gastinger.

Österreichs Wirtschaftskammer spricht dagegen von “überzogenen Forderungen” der MitarbeiterInnen. Sie lehnt außerdem einen branchenweit gültigen Kollektivvertrag weiterhin ab. Man solle “nicht mit dem Säbel rasseln”, warnte Flughafen-Wien-Vorstand Günther Ofner nach den Betriebsversammlungen im September. Aus Sicht von Gewerkschafter Gastinger brauche es aber “hin und wieder einen Aufschrei”. Das Wort Streik will er nicht einfach so in den Mund nehmen. “Ich würde mehr an die Sozialpartnerschaft appellieren. Aber die letzte Maßnahme wird es immer bleiben.”

 

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