Was ich wirklich denke

/ Andreas Bachmann
/ 4. Oktober

Schwierige Arbeitsbedingungen, schlechte Bezahlung. Eine Flugbegleiterin schildert, welchem Druck der Airlines sie und ihre KollegInnen ausgesetzt sind.

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Ihr dramatischster Flug war auch ihr kürzester. Susanne (Name geändert) erlebte einen Zwischenfall, den niemand erleben möchte, auf den die Flugbegleiterin aber immer vorbereitet sein muss. Ein Passagier kollabierte auf mehr als tausend Metern Höhe lebensgefährlich. "Zum Glück waren zwei Ärzte an Bord. Ich assistierte ihnen, bis endlich die Parkposition erreicht war und der Notarzt übernommen hat”, sagt sie im Gespräch mit Moment. “Es war auf einem Kurzstreckenflug, der dann wirklich sehr kurz war. Also in Wien rauf und am nächstmöglichen Flughafen wieder runter.” Aber: “Gut ist es gegangen, nix ist passiert”, sagt sie.

Susanne fliegt seit ihrem 21. Lebensjahr. "Ich arbeite leidenschaftlich gern als Flugbegleiterin", sagt sie. Aber auch: “Ich habe das Gefühl, ich bin schon älter als andere in meinem Alter.” Der Job schlaucht, nicht nur körperlich. Derzeit tobt am Wiener Flughafen ein Konkurrenzkampf der Fluglinien. Ein Vorstand nannte es jüngst ein “Blutbad”. Ausgetragen wird er auch am Rücken der FlugbegleiterInnen (siehe unser Bericht).  Miese Arbeitsbedingungen, schlechte Bezahlung, so lässt sich inzwischen ein Job beschreiben, der früher einen Hauch von Abenteuer und weiter Welt ausstrahlte. “Das Prestige, Flugbegleiterin zu sein, gibt es so nicht mehr”, sagt Susanne. Für Moment berichtet sie, was sie wirklich denkt über ihren Job.
 

“Unsere Arbeit ist Laufen, Laufen, Laufen! Sitzen ist Luxus auf der Kurzstrecke. Nur bei Start und Landung sitzen wir. Aber auch da sind wir extrem angespannt. Innerlich gehen wir immer durch, was zu tun ist, wenn es einen Notfall gibt. Der Job ist eben nicht nur Kaffee und Tee zu servieren. Unser Job ist es, im Notfall da zu sein. Wir müssen im Ernstfall das Flugzeug innerhalb von 90 Sekunden durch die Hälfte aller Notausgänge evakuiert bekommen. Leider wird oft vergessen, wofür wir da sind: Für die Sicherheit der Passagiere.

Dafür werden die Gehälter praktisch immer weiter gedrückt. Momentan quetschen die Airlines alles raus bis zum geht nicht mehr. Optimieren nennen sie das. Die Flieger sollen so kurz wie möglich am Boden bleiben. Die bringen ja nur dann Gewinn, wenn sie in der Luft sind. Pausen sind vorgeschrieben, oft ist das aber gar nicht umsetzbar. An einem Tag mit vier Flügen, die völlig ausgebucht sind und in denen ich zwölf Stunden unterwegs bin, muss ich mich dazwischen entschieden: Will ich Pipi gehen oder will ich was essen?

Als ich begonnen habe, war Jobangst kein Thema. Inzwischen ist es brutal. Das ist Kannibalismus unter den Airlines!

Dazu kommt das schlechte Gewissen. Wir sagen dann eben nicht: Stopp, jetzt nehmen wir uns eine Pause und dann geht der Flug eben später. Das ist eine äußerst unbeliebte Maßnahme, denn es fällt ja auf uns zurück. Die Gäste werden nervös, sie sind verärgert, verpassen ihren Anschlussflug, müssen vielleicht sogar eine Nacht in Wien bleiben. Das lassen sie uns teilweise spüren. Das will man sich nicht antun und das kalkulieren die Airlines auch ein. Sie verlassen sich darauf, dass wir verzichten, aufs Klo zu gehen oder uns eine Auszeit zu nehmen. Es gibt Linien, die sich nicht schämen, Druck auszuüben. Die sagen: Naja, du bist ja noch nicht lange dabei, überleg dir das gut!

Offen aussprechen wird das keiner: Aber es ist Alltag, aus Angst um den Job übers Gesetz zu gehen und trotz Druck und Schmerzen in den Ohren, den Flug noch irgendwie abzuwickeln. Als ich begonnen habe, war Jobangst kein Thema. Inzwischen ist es brutal, gerade hier in Wien mit der Konkurrenzsituation. Das ist Kannibalismus unter den Airlines. Und es betrifft alle, wurscht ob Billigfluglinie oder Premium Airline. Ich habe noch Glück, bei einer Fluglinie zu arbeiten, bei der korrekt nach einem Kollektivvertrag gearbeitet wird. Anderen KollegInnen geht es da weitaus schlechter. Es gibt am Flughafen kaum jemanden, der mit einem Vollzeitjob weniger verdient als sie. Der klassische Tellerwäscher in einem der Cafés hier verdient mehr.

Zu unserem Grundgehalt gibt es Zulagen für die geleisteten Flugstunden. Aber man braucht nur krank werden, schon ist das Gehalt praktisch gekürzt. Das überlegt man sich dann sehr gut. Was üblich ist: Übernimmt die eine Fluglinie eine andere, gilt danach oft das Gehaltsschema der Linie, die weniger zahlt. Die Airlines sagen: Warum sollten wir mehr zahlen, wenn es rundherum jeder noch billiger macht. Wir FlugbegleiterInnen werden bei Billiglöhnen gehalten. Wem das nicht passt, muss gehen und es wird nachgefüttert. So grauslich das klingt. Ich bin mir sicher, dass der interne Jargon in manchen Unternehmen genau so lautet: Nachfüttern. Die Leute fallen raus, neue kommen rein, die dann auch wieder verbrennen.

Was soll ich sonst machen? Stewardess ist kein anerkannter Beruf. Wenn ich aufhöre, bin ich wieder da, wo der Tellerwäscher ist.

Und wer einmal raus ist, hat es schwer als FlugbegleiterIn in Österreich wieder Fuß zu fassen. Wir können uns kaum verbessern. Bei den Billigfluglinien bewegt sich die Gehaltsspirale sogar nach unten. Die Belastung für uns ist extrem. Der Biorhythmus ist gestört. Landen wir verspätet, bin ich mitunter erst um zwei Uhr in der Nacht daheim. Wir müssen täglich zig Kilo Gewicht schleppen: Die Container mit Essen und Getränken, der rund 80 Kilo schwere Servicetrolley, das Gepäck der Passagiere. Aber was soll ich sonst machen? Stewardess ist kein anerkannter Beruf. Wenn ich jetzt aufhöre und in der Gastronomie etwas finde, fange ich ganz vorne an. Ich habe keinen Lehrabschluss. Ich habe meine Matura, das war’s. Da bin ich wieder da, wo der Tellerwäscher ist.”

 

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