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Ungleichheit

Im Schatten der Teuerung: Wenn Wohnen unleistbar wird

Im Schatten der Teuerung: Wenn Wohnen unleistbar wird

Teuerung und keine Mietpreisbremse: Immer mehr Menschen kommen in Bedrängnis, ihre Wohnungen zu bezahlen. Wer mit seinem Einkommen gerade so durchgekommen ist, könnte jetzt in die Wohnungs- bzw. Obdachlosigkeit schlittern. Wie lässt sich das verhindern?
 

9.000 Anrufe sind letzten Winter beim Kältetelefon der Wiener Caritas eingegangen. Das ist ein neuer, trauriger Rekord. Auch in den 39 Wärmestuben, war die Nachfrage so hoch wie noch nie. Seit Anfang November wurden dort mehr als 17.500 Besuche gezählt – das sind beinahe 7.000 mehr als noch im Vorjahr. Laut Caritas werden diese Wärmestuben von wohnungslosen Menschen besucht. Ebenso aber von Menschen, die zwar eine Wohnung haben, aber nicht mehr die Mittel, um diese ausreichend zu heizen.

2020 waren offiziell etwa 20.000 Menschen in Österreich wohnungs- oder obdachlos. Die Dunkelziffer dürfte jetzt schon weit höher liegen. Zuständige bei der Wiener Wohnungslosenhilfe sagen uns gegenüber einen weiteren Anstieg voraus. Sichtbare Obdachlosigkeit ist aber nur die Spitze des Eisbergs. Das eigentliche soziale Problem liegt viel tiefer. 

 
Immer mehr prekäre Wohnsituationen

Frau S. ist 82 und lebt seit mehr als 50 Jahren in derselben Wohnung. 50 Jahre lang konnte sie sich ihr Leben leisten. Im Oktober hat sie sich wegen der Erhöhung der Energie- und Mietkosten zum ersten Mal an die Caritas gewandt. Sie konnte ihre Rechnungen nicht mehr begleichen. 

Bei der Hilfsorganisation konnte man ihr akut helfen. Aber Frau S. sorgt sich wegen der hohen Kosten. An den meisten Tagen bleibt ihre Wohnung kalt. Sie hat kürzlich eine Holztruhe zerhackt, um für ein paar Tage den alten Ofen zu beheizen. „Früher bin ich täglich meine Runde auf der Donauinsel gegangen, die winterliche Kälte hat mir gutgetan. Heute kann ich das nicht mehr machen, denn zu Hause ist es eh schon so kalt.“

Frau S. ist nur ein Beispiel von vielen. Wegen der Teuerung rutschen immer mehr Menschen an oder über die Schwelle zur Armut. Besonders häufig von Armut betroffen sind Ein-Eltern-Haushalte in Österreich. Die Teuerung trifft außerdem die einkommensschwächsten 20 Prozent am häufigsten – weil sie im Verhältnis am meisten für Wohnen und Energie ausgeben.

Die niederschwelligen Angebote der Wiener Wohnungslosenhilfe erhalten deswegen immer mehr Zulauf. Ein Beispiel dafür ist das neunerhaus Café. Hier gibt es täglich einen gesunden und frisch zubereiteten Mittagstisch auf Spendenbasis. Viele Menschen kommen schon jahrelang hierher. Doch mittlerweile kommen auch immer mehr neue Gesichter dazu. Für die neunerhaus-Geschäftsführerin Daniela Unterholzner bedeutet das, dass ein immer breiterer Teil der Bevölkerung von ernsten finanziellen Schwierigkeiten betroffen ist.

Im ersten Quartal 2023 war die Anzahl der Erstberatungen beim neunerhaus um ein Viertel höher als noch zwei Quartale davor. Auch im P7 – einer Erstanlaufstelle für Betroffene gab es 2022 um 63% mehr Erstkontakte. Von den 7.600 Menschen, die beraten wurden, brauchen 73% noch keine Wohnung vermittelt. Sie kommen vor allem, weil sie sich die Energiekosten nicht mehr leisten können.

Immer mehr Menschen werden von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen, weil sie sich diese nicht leisten können. Wer arm und isoliert lebt, ist psychisch doppelt belastet – eine Abwärtsspirale droht. Wer kann, muss außerdem einschneidende Einsparungen bei alltäglichen Dingen vornehmen – zum Beispiel bei gesunden Lebensmitteln. Für viele Menschen gibt es allerdings gar keinen Spielraum mehr zum Sparen. Denn sie bezahlen aktuell bereits 50 Prozent ihres Einkommens für Miet- und Energiekosten.

 
Statistik hängt in der Vergangenheit

Laut den offiziellen Zahlen hat sich die Wohnungs- und Obdachlosigkeit nicht deutlich erhöht. Erfahrungen aus vergangenen Wirtschaftskrisen zeigen aber, dass die Betroffenen erst Monate oder Jahre später in der Statistik auftauchen. Die Einmalzahlungen bei Corona und der Teuerung haben einige noch über Wasser gehalten. Dazu kommt, dass der “Delogierungsstopp” zu Corona-Zeiten die Entwicklung verzögert hat.

Seit er nicht mehr gilt, haben sich die Delogierungsklagen gehäuft, sagt die Geschäftsführerin des neunerhaus, Daniela Unterholzner. Wegen der Teuerung befürchten auch Zuständige bei der Wiener Wohnungslosenhilfe einen starken Anstieg an Delogierungen. Eine Delogierung ist die Zwangsräumung einer Wohnung, die eingeklagt werden kann.

Die Wohnungslosenhilfe der Länder ist das letzte Auffangnetz. Am besten wäre es, wenn Menschen dort gar nicht erst landen. Dazu müssen nicht nur die öffentlichen und privaten Angebote bei drohendem Wohnungsverlust gut genug sein. Staatliche Leistungen wie das Arbeitslosengeld oder die Sozialhilfe müssten armutsfest sein und ausreichen, um vor der Wohnungslosigkeit zu bewahren. All diese strukturellen Maßnahmen brauchen noch große Verbesserungen. 

Strukturelle Maßnahmen?

Was für die Expert:innen der Hilfseinrichtungen fehlt, ist eine einheitliche Strategie zur Bekämpfung von (drohender) Wohnungslosigkeit in Bund und Ländern. Dazu gehört auch, genug leistbaren und für alle zugänglichen Wohnraum zu schaffen. 
Manche der Maßnahmen gegen Wohnungslosigkeit brauchen vorerst mehr Geld. Man sollte sie aber als gesellschaftliche Investition sehen, so Unterholzner. Ein Mensch, der seine Wohnung verliert, muss in der Wohnungslosenhilfe aufgefangen werden. Obdach- und Wohnungslosigkeit ist nicht nur ein traumatisches Erlebnis und enormes Gesundheitsrisiko, es braucht auch Geld und Personal. 
Auf lange Sicht ist es für die Allgemeinheit weit günstiger, wenn niemand seine Wohnung verliert. Passiert das doch, ist es nicht nur ein schlimmes Einzelschicksal, sondern vor allem ein gesellschaftliches Versagen. In den kommenden Monaten und Jahren droht dieses Versagen vermehrt.

 

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