Büroarbeitsplätze
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/ 23. Januar 2020

Je länger wir arbeiten, desto langsamer, unproduktiver und fehleranfälliger werden wir. Der Arbeitsmarktforscher Jan Sauermann hat das untersucht. Seine Empfehlung: "Optimal sind eher kurze Arbeitszeiten."

 

Kürzer zu arbeiten ist für viele Beschäftigte ein großer Wunsch. Auch immer mehr Unternehmen lassen ihre MitarbeiterInnen weniger Stunden arbeiten und zahlen ihnen dennoch ein Vollzeitgehalt. Ihr Argument: Wer kürzer arbeitet, arbeitet konzentrierter und produktiver, ist zufriedener, motivierter und seltener krank. Der Arbeitsmarktforscher Jan Sauermann von der Universität Stockholm hat MitarbeiterInnen eines Call Centers bei ihrer Arbeit beobachtet: Dort "sollte man versuchen, nicht in Vollzeit zu arbeiten, sondern 4 bis 6 Stunden", sagt er im Interview mit MOMENT. Ob kürzere Arbeitszeiten für uns alle funktionieren können sei "eine Frage, die wir gesellschaftlich beantworten müssen."


MOMENT: Forschung und Erfahrungsberichte legen nahe: Weniger arbeiten steigert die Produktivität. Können wir in sechs Stunden schaffen, woran wir sonst acht Stunden arbeiten?

Jan Sauermann: Wenn wir uns anschauen, wie viele Aufgaben ich über die Zeit bearbeiten kann, dann geht die Kurve runter. Beschäftigte in Call Centern haben eine mental sehr anstrengende Arbeit. Nach 6 bis 7 Stunden werden sie langsamer. Das konnten wir feststellen. Andere Studien zeigen: Bei Notarztmitarbeitern, die sehr lange Schichten arbeiten müssen, hat das einen schlimmen negativen Effekt. Denn es wirkt sich auf die geborgenen Opfer aus. Bei meiner Arbeit als Forscher dagegen dauert es oft eine Zeit, bis ich reinkomme. Aber wenn das gelingt, dann läuft es meist gut. Dann bin ich in einem Acht-Stunden-Tag produktiver als in sechs Stunden. Deswegen ist es schwer, eine klare Antwort zu geben im Sinne von: Das stimmt auf jeden Fall oder auf jeden Fall nicht.


MOMENT: Sie haben mit einer Kollegin erforscht, wie sich bei MitarbeiterInnen in Call Centern die Länge der Arbeitszeit auf die Produktivität auswirkt. Wie haben Sie das untersucht?

Sauermann: Wir wollten wissen, was der Effekt von Arbeitszeit auf die Produktivität ist. Bei Call Centern gibt es wegen der Automatisierung und Digitalisierung viele Ansätze, wie man das messen kann. Dennoch ist es schwierig zweifelsfrei zu zeigen, wie Arbeitszeit und Produktivität zusammenhängen. Denn es gibt viele weitere Dinge, die die Arbeitsleistung beeinflussen: Welche Personen welche konkreten Fähigkeiten haben zum Beispiel. Ob sie in Vollzeit oder Teilzeit arbeiten. Daneben muss man berücksichtigen, dass es Personen gibt, die einfach nicht in der Lage sind, Anrufe schneller zu beantworten oder länger als vier Stunden am Tag zu arbeiten. Das herauszufiltern und glaubhaft zu zeigen, wie längere Arbeitszeiten die Produktivität beeinflussen, ist nicht so einfach.

In Call Centern sollte man nicht in Vollzeit arbeiten

MOMENT: In der Studie kamen Sie zum Ergebnis, dass ab einer Arbeitszeit von mehr als 4 Stunden die Leistung der MitarbeiterInnen sinkt. Die Effekte wären noch größer, würden die TelefonistInnen acht Stunden täglich arbeiten, schreiben Sie. Was ist denn die ideale Arbeitszeit?

Sauermann: In einem Call Center sollte man versuchen, nicht in Vollzeit zu arbeiten, sondern eher 4 bis 6 Stunden. In der Firma, die wir uns angeschaut haben, wurde das auch so gemacht. Die werten auch aus, wie ihre MitarbeiterInnen arbeiten und bekommen ein Gefühl dafür, dass Leute irgendwann müder sind. Deshalb haben sie ihre Arbeitsverträge entsprechend angepasst. Optimal sind eher kurze, aber nicht ganz so kurze Arbeitszeiten. Denn dann spielen wieder andere Effekte hinein, gerade wenn ich mit vielen Menschen zusammenarbeite. Bei kürzeren Arbeitszeiten herrscht beispielsweise ein großes Kommen und Gehen, was nicht hilfreich ist, sich zu konzentrieren. Wir können nicht zweifelsfrei sagen, wie viel Prozent des Effektes von sinkender Produktivität an welchen Einflüssen liegen. Müdigkeit ist aber eine plausible Erklärung.


MOMENT: MitarbeiterInnen und UnternehmerInnen sagen, sie gehen anders an die Arbeit heran, wenn sie wissen, sie müssen nur 6 statt 8 Stunden arbeiten. Ist da aus Ihrer Sicht etwas dran?

Sauermann: Da kann ich zumindest anekdotisch von mir sprechen: Seitdem ich zwei Kinder habe, sind meine Tage weniger flexibel als vorher. Jetzt muss ich etwas strikter meine Zeiten einhalten. Und ich würde sagen, ich schaffe nicht weniger als vorher, eher im Gegenteil. In der Studie haben wir das auch gesehen. Längere Arbeitszeiten beeinflussen, wie schnell man arbeitet. Da ist etwas dran. Was ich von Personen in höheren Positionen höre: Wenn ich auch nur 80 Prozent arbeiten kann bei angepasster Bezahlung, dann gehe ich konzentrierter an die Arbeit. Das ist dann kein Effekt der Müdigkeit, sondern der Einstellung: Wenn ich weiß, ich habe acht Stunden Arbeit vor mir, lasse ich schon einmal ruhiger angehen.

Wichtig ist, dass man sich nicht unfair behandelt fühlt, wenn man weniger arbeitet.

MOMENT: Angepasste Bezahlung heißt: Man kann kürzer arbeiten, erhält aber dasselbe Gehalt?

Sauermann: Genau! Wichtig ist, dass man sich nicht unfair behandelt fühlt, wenn man schneller arbeitet und dafür weniger Stunden. Wichtig ist, dass die Personen von der Firma bei Gehalt und sonstigen Benefits gleichbehandelt werden. Sonst kann es einen Teilzeit-Nachteil geben, wenn ich für weniger Stunden einen geringeren Lohn bekomme. Daneben gibt es aber noch andere Faktoren: Menschen, die weniger arbeiten, nehmen seltener an Weiterbildungen teil, eignen sich weniger Kompetenzen an und können damit weniger gut Karriere machen.


MOMENT: 6 statt 8 Stunden pro Tag arbeiten und dafür Vollzeitlohn bekommen und dasselbe schaffen. Ist das aus Ihrer Sicht wirklich drin?

Sauermann: Wenn die Firmen sehen, dass die einzelnen MitarbeiterInnen das tatsächlich schaffen; wenn die MitarbeiterInnen ein Arbeitsumfeld haben, das es ihnen erlaubt, so produktiv zu arbeiten wie sonst in acht Stunden, dann kann man sagen: Schön, dass sie es machen und es funktioniert. Dazu muss man aber auch ein Geschäftsmodell haben, das das erlaubt. Die Frage ist, ob man daraus eine Art Politikempfehlung ableiten will oder kann. Das finde ich eher schwierig. 80 Prozent Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich kosten 20 Prozent mehr. Firmen, die sich das leisten können, sind solche, die besonders qualifizierte Mitarbeiter brauchen. Denn es ist ein Argument dafür, gute Mitarbeiter anzuziehen. Ich bezweifle aber, dass man das generell durchsetzen kann.

Wir müssen die Frage beantworten: Was sind wir bereit, für Leistungen in der Pflege zu zahlen?

MOMENT: Versuche mit kürzerer Arbeitszeit gab und gibt es auch bei körperlich anstrengenden Jobs, etwa in der Pflege. Sind kürzere Schichten sinnvoll, weil die MitarbeiterInnen ausgeruhter sind und weniger Fehler machen?

Sauermann: Da ist was dran. Für BauarbeiterInnen oder PflegerInnen, also körperlich anstrengenden Berufen, wäre es aber schwierig beispielsweise zu sagen: Wir machen weniger Pausen, um kürzer zu arbeiten. Und wenn ich sage, wir arbeiten in der Pflege 20 Prozent weniger, erschwert es die Situation dort weiter. Es gibt schon jetzt einen extremen Mangel an MitarbeiterInnen. Gleichzeitig würden die Kosten steigen. Aus Sicht der öffentlichen Hand ist das nicht so gut.


MOMENT: Man könnte aber auch Effekte kürzerer Arbeitszeiten wie glücklichere und gesündere MitarbeiterInnen und in der Folge weniger Krankheitstage und eine längere Lebensarbeitszeit in die Rechnung mit aufnehmen. Kürzere Arbeitszeiten würden auch zusätzliche Arbeitsplätze schaffen, Sozialausgaben könnten gesenkt werden. Kann das die Mehrkosten kürzerer Arbeitszeit bei gleichem Lohn auffangen?

Sauermann: Wenn man das Thema gesamtwirtschaftlich betrachtet, ist das denkbar. Die Krankenkassen könnten auf diese Weise ein wenig entlastet werden. Es würde die Kosten in jedem Fall abmildern. Aber dass es die Mehrkosten auffangen würde, so weit geht es nicht. Kostenneutral wird es nicht werden. Es ist auch eine Frage, die wir gesellschaftlich beantworten müssen: Was sind wir bereit, für Leistungen in der Pflege zu zahlen? Dann sollte man mehr Leute einstellen und dafür sorgen, dass mehr Menschen diesen Job machen wollen. Etwa indem wir Gehälter erhöhen, das Personal mit Automatisierung und Maschinen körperlich entlasten oder eben Arbeitszeiten verkürzen.

Zur Person:

    Jan Sauermann

    Jan Sauermann ist Arbeitsmarktforscher und Dozent am Swedish Institute for Social Research der Universität Stockholm. Zuvor war er am Research Centre for Education and Labour Market im niederländischen Maastricht.

     

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