Zu sehen ist Katrin Biber, im Hintergrund sind Schlagzeilen zum Mord an ihrer Schwester zu erkennen

Katrin Biber hat 2013 ihre Schwester verloren - sie wurde ermordet. Katrin war nicht darauf vorbereitet, wie sich Medien auf den Femizid stürzen würden.

Foto: SWR, eigene Collage

/ 5. April 2022

"So brutal wurde die schöne Larissa ermordet", titelt die Boulevard-Zeitung ÖSTERREICH vor acht Jahren einen Bericht. Mit grausamen Details beschreibt sie darin, wie die "attraktive junge Frau" Larissa getötet wurde.

Katrin Biber hat versucht, genau solche Artikel zu vermeiden. Larissa ist nämlich ihre Schwester. Katrin verlor sie mit einem Schlag im Jahr 2013, als ihr Partner sie ermordete. Wegen respektloser und voyeuristischer Medienberichte konnte sie nicht einmal in Ruhe trauern.

In der 5. Folge des Podcasts MOMENT: Man tötet nicht aus Liebe spricht Katrin darüber, was Medien falsch gemacht haben, wie das ihre Familie belastet hat und wie es besser gehen kann.

Im September 2013 gibt Katrin eine Party. Mit dabei sind ihre Schwester Larissa und ihr neuer Freund. Die Leute feiern ausgelassen, aber Larissa und ihr Freund streiten. "Er war leicht eifersüchtig", sagt Katrin. "Sie hat gesagt, sie geht mit ihm heim und meldet sich später bei mir."

Doch am nächsten Tag meldet sich nicht Larissa, sondern ihr Freund bei Katrin. Er sagt, Larissa sei in der Nacht gegangen und nicht zurückgekommen. "Da war für mich sofort klar, dass etwas passiert ist."

Zwei Wochen lang dauert die Suche nach Larissa. Auch Medien verbreiten ihre Vermisstenanzeige. Tag und Nacht sind Suchtrupps unterwegs. "Dann ist es herausgekommen. Ihr Freund hat Larissa nach der Party erwürgt und ihren Körper im Inn entsorgt."

Medien schreiben unzählige Artikel über Larissas Tod und den Täter. Was dabei zu kurz kommt: Larissa selbst.

"Larissa war einer der lebenslustigsten Menschen, die ich je kennengelernt habe", sagt Katrin über ihre Schwester. "Carpe Diem", war ihr Lebensmotto. "Sie hat das Leben geliebt."

"Kaum jemand fragt, wer meine Schwester war"

Katrin beschreibt ihre Schwester als sozial, hilfsbereit und offen. Sie hat Larissa dafür bewundert. Gerade der Sommer vor der Tat ist Katrin in Erinnerung geblieben. "Wir haben viel Zeit miteinander verbracht, haben einen Umzug nach Wien geplant, hatten so viele intensive Gespräche und lustige Momente."

Katrin will, dass Larissas Erinnerung am Leben bleibt, auch wenn es schmerzhaft ist, über sie zu sprechen. "Hauptsächlich kommen Fragen nach dem Mörder. Wie hat er ausgeschaut? Was für einen Job hatte er? Aber kaum jemand fragt, wer meine Schwester eigentlich war. Das verletzt mich viel mehr."

Nach Larissas Tod versucht Katrin, Medienberichte über den Mord zu vermeiden. Aber sobald sie das Haus verlässt, wird sie daran erinnert. "Leute haben mich teilweise auf der Straße erkannt und mir gesagt, was sie in der Zeitung gelesen haben. Ich kannte anfangs nicht die Details des Mords und habe sie mitten auf der Straße erfahren müssen." Die Trauer zeigt sich bei Katrin körperlich. Als sie diese Dinge erfährt, schnürt sich ihre Kehle zu, gleichzeitig wird ihr übel.

Die Verantwortung dafür sieht sie auch bei den Medien. "Ich habe nie verstanden, wieso jedes neue Detail der Tat ein Aufhänger für den nächsten Artikel sein muss." Aber es kommt noch schlimmer. Bei Larissas Beerdigung versteckt sich ein Fotograf hinter einem Grabstein und fotografiert Katrin. Das Bild wird groß abgedruckt. Von ihrer Mutter erscheint ein Interview, das sie nie gegeben hat.

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Gleichzeitig vermisst Katrin im Nachhinein eine Einordnung der Tat. Zwar wurde sensationsgierig über den Mord berichtet. Ein Zusammenhang zu Beziehungsgewalt wurde aber nicht hergestellt. So kommt es, dass Katrin den Hintergrund der Tat erst versteht, nachdem sie selbst einer Gewaltbeziehung entkommen ist. "Davor habe ich gedacht, das ist Zufall oder Pech. Mittlerweile beschäftige ich mich viel mit Gewalt an Frauen und rede auch offen darüber, was mir passiert ist."

Das ganze Gespräch mit Katrin Biber hörst du im Podcast MOMENT: Man tötet nicht aus Liebe. Du findest die Folge in deiner Podcast-App, bei Spotify oder Apple, und auf MOMENT.at

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