Die ignorierte Krise

Ich verstehe es. Iran, Ukraine, Gaza. Die explodierenden Preise als Folge der Konflikte. Nachrichten von Machtmissbrauch und Gewalt an Frauen durch Männer. Und das ist nur eine Auswahl der Schlagzeilen der vergangenen Wochen. In jedem Medium, auf jeder Plattform: Krise.
Und im Journalismus noch mehr Krise: Journalist:innen werden gekündigt, Stellen abgebaut. Die Arbeit wird aber eher mehr als weniger, wir sollen ja über all die Krisen berichten. Krise!
Ich verstehe es. Ich verstehe, dass wir nicht noch mehr Krisen wollen. Das Problem ist: nur weil wir nicht mehr drüber reden, ist sie nicht weg. Im Gegenteil. Die Klimakrise ist da und sie droht uns zu entgleiten - und wir reden einfach nicht mehr darüber.
Die wichtigsten ignorierten Nachrichten
Ein paar aktuelle Nachrichten, die du vielleicht verpasst hast: Nordamerika leidet gerade an einer starken Hitzewelle mit Temperaturen bis zu 43,3 Grad Celsius. Weltweit waren die Jahre 2015 bis 2025 die heißesten elf Jahre seit Beginn der Aufzeichnungen 1850. Der CO2-Gehalt in der Luft ist so hoch wie seit zwei Millionen Jahren nicht, und er steigt weiter – auch wegen der anderen Krisen: In den ersten zwei Wochen des Kriegs im Iran wurden fünf Millionen Tonnen CO2 verursacht, insbesondere durch Angriffe auf fossile Infrastruktur. Dabei müssten die Treibhausgasemissionen ganz dringend sinken.
2025 war das drittwärmste Jahr der Messgeschichte. Zum ersten Mal haben wir über drei Jahre hinweg die mittlere Temperatur um 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter überschritten (warum es trotzdem nicht “eh scho wurscht” ist, liest du hier.) Die Erderhitzung hat sich dabei auch noch beschleunigt – von 0,2 Grad Celsius pro Jahrzehnt bis 2015 auf rund 0,35 Grad Zugleich zeigt eine Studie: Die Folgen der Klimakrise könnten bereits bei einer Erwärmung von zwei Grad Celsius so schlimm sein wie bislang erst ab drei oder vier Grad angenommen. Wir sollten also alles tun, um deutlich unter zwei Grad Erderhitzung zu bleiben.
Falsche Richtung, werte Regierung!
Stattdessen kürzt die aktuelle schwarz-rot-pinke Regierung in Österreich das Geld für den Klimaschutz zusammen - von 3 Milliarden Euro auf 0,9 Milliarden Euro. Klimaschädliche Subventionen wie Dieselprivileg oder Pendlerpauschale hingegen wurden nicht gekürzt,im Gegenteil. Schon 2022 zeigte eine WIFO-Analyse, dass wir jährlich bis zu 5,7 Milliarden Euro für klimaschädliches Verhalten ausgeben. Heute ist es also mit ziemlicher Sicherheit noch mehr. Wie viel genau, dazu gibt es keine Zahlen. Zwar hat die Regierung eine „Arbeitsgruppe Kontraproduktive Anreize und Subventionen“ eingerichtet, Ergebnisse liegen aber noch nicht vor.
Wo bereits „Ergebnisse” vorliegen, das ist der Großprozess gegen die Aktivist:innen der ehemaligen Letzten Generation. Dabei werden Menschen kriminalisiert und bestraft, die mit zivilem Ungehorsam friedlich auf genau diese Probleme aufmerksam gemacht haben.
Übrigens: Schafft Österreich es nicht, die Emissionen bis 2030 um 48 Prozent zu verringern, drohen Strafen von bis zu zehn Milliarden Euro. Dann investieren wir das Geld doch lieber in eine bessere Zukunft als es für Strafen auszugeben.
Vergessene Krise
Österreich rast also in die völlig falsche Richtung und dennoch: Wir lesen, hören, sehen fast nichts davon. Das Netzwerk Klimajournalismus* hat die Meldungen der Presseagentur APA ausgewertet und festgestellt, dass die Zahl der Berichte über das Klima 2025 gegenüber dem Höchststand der drei Vorjahre um rund ein Drittel eingebrochen ist.
Am Österreichischen Earth Overshoot Day werden wir lesen, dass wir unser Jahreskontingent an Ressourcen bereits am 2. April aufgebraucht haben. Dass wir vier Planeten bräuchten, würden alle auf der Welt so leben wie die Menschen in Österreich. Und dann? Ich fürchte, dann werden wir die Klimakrise wieder vergessen.
Über’s Klima zu reden, ist jetzt wichtiger denn je
Doch der Kampf gegen die Klimakrise ist jetzt wichtiger denn je. Erstens, weil uns die Zeit davonrennt, um unsere Lebensgrundlage zu schützen. Zweitens, weil die unterschiedlichen Krisen alle zusammenhängen und Klimaschutz auch in anderen Bereichen hilft.
Mit zunehmender Klimakrise schmelzen Gletscher und Eisschilde, der Meeresspiegel steigt und ganze Landstriche werden überflutet. In anderen Regionen wird es so heiß und trocken, dass sie ebenfalls unbewohnbar werden. Wetterextreme wie Hitze, Dürren, Hagel und Hochwasser werden wahrscheinlicher und kosten Menschenleben – auch, weil sie die sichere Versorgung mit Trinkwasser und Lebensmitteln erschweren. Es drohen noch mehr Kriege um Ressourcen. Krise!
Klimaschutz: Noch mehr Krisen vermeiden
Klimaschutz hingegen hilft, sauberes Trinkwasser und die Lebensmittelversorgung zu sichern und so zukünftige Konflikte zu vermeiden.
Gesunde Böden, Wälder und Wiesen nehmen sowohl CO2 als auch Wasser auf. Sie schützen uns vor Hochwasser, liefern Trinkwasser und versorgen uns mit Lebensmitteln. Erneuerbare Energien machen uns unabhängiger von fossilen – die bereits eine große Rolle in Konflikten spielen. Weniger Konflikte würden vor allem bedeuten, dass weniger Menschen sterben. Weniger Konflikte würden auch weniger Energiekrisen und Preis-Schocks an der Zapfsäule bedeuten.
Grünere Städte würden die Luft reinigen und im Sommer kühlen – das bedeutet weniger Hitzetote. Eine Verkehrswende mit einem Ausbau von Öffis, Rad- und Fußwegen sowie Tempolimits für den motorisierten Individualverkehr würde Menschen unabhängiger machen, ebenfalls die Luft besser und Unfälle seltener – es gäbe weniger Verletzte und Verkehrstote.
Wir müssen also weiter über das Klima reden. Damit aus der vergessenen Krise keine absolute Katastrophe wird, sondern eine friedlichere, gesündere, grünere Zukunft. Lasst uns wieder mehr über das Klima reden. Nicht nur am Earth Overshoot Day.
*Transparenzhinweis: Die Autorin ist Mitglied im Vorstand des Netzwerk Klimajournalismus Österreich









