/ Moment mal!

Lebensmittel retten? Fix nicht.

/
/ 28. Mai 2021

Lebensmittel retten geht uns alle etwas an. Dabei wissen wir in Österreich nicht einmal, wie viel eigentlich weggeworfen wird. Verlässliche Daten und verbindliche Maßnahmen entlang der Lebensmittelkette sind die Voraussetzung dafür, Lebensmittelverschwendung in den Griff zu kriegen.

Eine saftige Golatsche auf dem Heimweg, frisches Brot für das Abendessen. Die Regale sind zu jeder Tageszeit voll und das hat einen Preis: Am Ende des Tages werden Tonnen davon weggeworfen. Wie viele? Tja. Weiß keiner so genau in Österreich.

Lebensmittel retten? Machen vor allem ärmere Haushalte

Dass da rund um die Uhr das üppige Angebot im Licht der Schaufenster liegt, das hat eine Schattenseite: Bäckereien und Supermärkte produzieren immer mehr Ware, damit alles immer verfügbar ist. Das heißt auch: Ein großer Teil davon wird nach Ladenschluss weggeworfen. Im Mist landet: Alles. Ganz vorne dabei Brot und Gebäck, aber auch Obst und Gemüse, Milch, Käse, Eier und Fleisch. Die Formel dafür ist weltweit gleich: Je reicher ein Haushalt ist, desto mehr  Lebensmittel werden weggeschmissenen. Haushalte, Supermärkte, Restaurants, Kantinen, Bauern: Jeden Tag landen viele Tonnen Essen in der Tonne. Ein Drittel aller Lebensmittel wird weggeworfen. Weltweit. 

Wäre Lebensmittelverschwendung ein Land, dann läge es bei einem Länderranking in Sachen CO2-Verbrauch auf Platz drei hinter China und den Vereinigten Staaten. Hier liegt also ein riesiges Potential, um den Planeten und unser Klima zu schonen. Schon vor 6 Jahren haben sich deshalb Staats- und Regierungschefs darauf geeinigt, bis 2030 die Lebensmittelverschwendung drastisch zu senken. Auch Österreich hat sich mit der Agenda 2030 dazu verpflichtet. Bis 2030 soll die Lebensmittelverschwendung pro Kopf halbiert werden. Sehr gut, das hört sich ambitioniert an.

Lebensmittel retten: Wir kennen die Daten nicht

Zeit für einen Kassasturz: Wo liegen wir denn derzeit? Tja. Wir wissen nicht, wie viel genau in Österreich weggeschmissen wird oder umgekehrt, wie viele Lebensmittel wir retten könnten. Der Rechnungshof hat sich das mal genauer angesehen:  „Aktuelle, systematisch und umfassend erhobene Zahlen durch das Klimaschutzministerium (BMK) über das tatsächliche Ausmaß der Lebensmittelverschwendung fehlen hierzulande.” Der Rechnungshof kann nur schätzen. Und er schätzt, dass wir jedes Jahr 790.700 Tonnen Lebensmittel in die Tonne hauen. Mehr als 2000 Tonnen pro Tag! Das meiste wird dabei in Privathaushalten weggeschmissen. Aber das ist nicht nur ein Problem am Ende dieser - pardon - Nahrungskette! An jeder Station, von der Landwirtschaft über die Produktion und den Handel landen abertausende Tonnen im Müll. Unnötig. 

Gilt Zero Waste nur für private Haushalte?

Insgesamt 70.000 LKW-Ladungen voll. Jedes Jahr. Da zeigen die Supermärkte dann gern auf uns: Wir schmeißen ja privat am meisten weg, viel mehr als die Supermärkte. Was sie nicht dazu sagen: Dass Verschwendung ihr Geschäftsmodell ist: Mit Billigstpreisen und Kauf 2 zahl 1 Rabatten sorgen sie dafür, dass wir soviel kaufen, wie möglich. Ob wir es brauchen? Ist denen doch egal. Hauptsache, wir zahlen es. 

Wie viel genau in Österreich weggeschmissen wird, wissen wir aber eben eh nicht. Die Zahlen des Rechnungshofes sind ein “näherungsweiser Überblick" mit Daten, die zu völlig unterschiedlichen Zeitpunkten erhoben wurden. Hm. Wenn ich gar nicht weiß, wie viel Lebensmittel wir retten könnten, woher werden wir dann wissen, ob wir die Lebensmittelverschwendung 2030 halbiert haben werden? “Daher wird es auch nicht möglich sein zu beurteilen, ob Österreich das Ziel für nachhaltige Entwicklung erreichen wird, bis 2030 die Lebensmittelverschwendung pro Kopf zu halbieren.“

Wer Lebensmittel retten will, braucht Datengrundlage

Wie praktisch. Ziele zu setzen, die ich nicht messen kann, das hört sich nach einem echten Erfolgsrezept an. Dabei hätten wir alle etwas davon, wenn wir das Thema Lebensmittel retten ernsthaft angehen würden. Bis zu 34 Prozent aller Treibhausgasemissionen hängen an unserer Ernährung. Auch weggeworfene Lebensmittel müssen im Vorfeld produziert und transportiert werden – das frisst eine Menge Energie und Ressourcen. Würden wir die Menge des verschwendeten Essens erheblich reduzieren, könnten wir die negativen Auswirkungen auf unser Klima um bis zu 10 Prozent senken. 

Lebensmittel retten wäre gut fürs CO2-Budget; Lebensmittel retten spart uns bares Geld: Würden wir gar nicht erst kaufen, was wir später gar nicht essen, sondern nur weghauen, dann würden wir pro Kopf im Jahr bis zu 116 Euro sparen.

Warten wir nicht auf die Politik allein, fangen wir schon mal an:

  • Auch, wenn der Handel natürlich möglichst viel verkaufen will - egal, ob wir es dann essen oder wegschmeißen. Auch wenn der Handel mit Werbung, Aktionsangeboten und Mengenrabatten als hätten wir daheim eine Großküche, heftig daran arbeitet, dass wir mehr kaufen als wir brauchen: Kaufen wir weniger und überlegter ein, lagern wir die Lebensmittel richtig und verwechseln wir nicht Mindesthaltbarkeit mit Ablaufdatum. Damit können wir Lebensmittel retten.  
  • Aber: Es braucht gescheite Daten und eine Strategie der Politik: Verbindliche Maßnahmenpakete und Reduktionsziele für alle betroffenen Akteure vom Feld bis auf unseren Teller, denn Lebensmittel retten geht eben alle etwas an.
  • Ein Schritt um Lebensmittel zu retten, ist ein Wegwerfverbot für Supermärkte: Was abends nicht verkauft wurde, aber noch gut ist, wird im Sozialmarkt dringend benötigt. Oder kann kurz vor Ladenschluss verbilligt abgegeben werden. 
  • Und: Unterstützen wir Projekte beim Lebensmittel retten: Viele würden gerne mehr Lebensmittelspenden annehmen, brauchen dann aber auch die Infrastruktur, um die Ware zu kühlen und lagern. Daran darf es nicht länger scheitern.

Dir gefällt unsere Arbeit?

Das freut uns! Wir sind unabhängig von Parteien und Konzernen. Unterstütze unsere Arbeit mit deiner SPENDE. Jeder Beitrag, ist er noch so klein, ist wichtig!

Fünf wichtige Themen in nur drei knackigen Minuten. Hol dir deinen täglichen Morgenmoment per E‑Mail!

Ich bin einverstanden, einen regelmäßigen Newsletter zu erhalten. Mehr Informationen: Datenschutz.