Sylvia Hahn
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/ 13. April 2020

Viele nicht-österreichische StaatsbürgerInnen arbeiten in sogenannten systemrelevanten Berufen. Die Bezahlung ist schlecht, gleichzeitig sind diese Berufe unverzichtbar für unser Leben. Doch statt die Menschen in diesen Jobs besser zu bezahlen, klatscht man für sie, sagt Migrationshistorikerin Sylvia Hahn. Sie erklärt, welche Rolle AusländerInnen in der Corona-Krise einnehmen.


Viele systemrelevante Branchen haben einen hohen Anteil an Menschen, die keine österreichische Staatsbürgerschaft besitzen. Welche Rolle nehmen diese in der Corona-Krise ein?

Nicht-österreichische Staatsbürger nehmen ja nicht nur in der Corona-Krise, sondern auch im normalen Arbeitsalltag eine große Rolle ein. Jetzt merkt man das natürlich besonders. Ich habe in den letzten Jahren viele Vorträge über Migration gehalten und habe immer gesagt: Ich wünsche mir, dass man den ÖsterreicherInnen zeigen könnte, was mit unserer Wirtschaft passiert, wenn alle MigrantInnen Österreich verlassen würden. In einer gewissen Art und Weise ist die ja nun eingetreten.

Tatsache ist, dass in Österreich seit Jahrzehnten Zugewanderte in vielen Bereichen tätig sind. Wenn man sich die Statistiken ansieht, gibt es nur wenige Branchen, wo sie nicht mindestens rund 20 Prozent und mehr einnehmen. Im Hotel- und Gastgewerbe stellen MigrantInnen mit 50 Prozent den größten Anteil an Ausländern. Oder: Sieht man sich etwa die MitarbeiterInnen auf den Stationen eines Krankenhauses an, so sind meist die Hälfte der Pflegerinnen, Krankenschwestern und zunehmend auch Ärzte Menschen mit Migrationshintergrund. In Wellness- oder Reha-Zentren im Burgenland wiederum sind die meisten PhysiotherapeutInnen TagespendlerInnen aus Ungarn. Dieses System bricht zusammen, wenn sie nicht mehr nach Österreich einreisen dürfen. Ganz zu schweigen von den Altenpflegerinnen aus den osteuropäischen Staaten.


Dort merkt man das ja jetzt sehr klar.

Hier hat man plötzlich das Geld, dass man die PflegerInnen einfliegt (MOMENT berichtete). Noch vor einem Jahr hat man ihnen soziale Leistungen, wie die Kinderbeihilfe, gestrichen, weil sie AusländerInnen sind. Hier wird sehr deutlich, mit welcher Doppelmoral Politik in Österreich betrieben wird. Das waren damals kleine Beträge, mit denen große Politik gemacht wurde.

Auch im Bereich der Landwirtschaft und den ErntearbeiterInnen wird weggeschaut. Niemand will in Wirklichkeit sehen, wer unser Gemüse pflückt. Das machen kaum ÖsterreicherInnen. Das sind größtenteils Zuwanderer aus Osteuropa, die als SaisonarbeiterInnen zu uns kommen; auch werden Arbeitskräfte organisiert in Bussen selbst aus Flüchtlingslagern zum Beispiel zur Weinlese ins Weinviertel gebracht.


Warum gibt es genau in diesen Branchen einen hohen Anteil an MigrantInnen?

Bildungsstand und Erwerbstätigkeit kann man nicht voneinander trennen. Kinder von ÖsterreicherInnen haben seit den 1970er Jahren bessere Bildungschancen erhalten und sind großteils im Dienstleistungsbereich bzw. in besser bezahlten Jobs tätig. Die Tätigkeiten im Niedriglohnbereich werden seit Jahrzehnten überwiegend von MigrantInnen übernommen. Wir neigen einfach dazu, die Augen davor zu verschließen, wer wirklich produktive Arbeit leistet. Auch sehen wir in diesen Tagen, dass genau diese Arbeitskräfte, sehr schlecht verdienen, aber ein wichtiges Backbone unserer Wirtschaft sind. Auch wird uns klar, in welch prekärer Situation wir sind, wenn diese Arbeitskräfte fehlen. Doch statt diese Frauen und Männer besser zu bezahlen, tut man sie mit einem Klatschen ab. Das finde ich absolut peinlich. Kein Manager der Welt würde sich mit Klatschen abspeisen lassen. 


Was bedeutet die Corona-Krise für Flüchtlinge?

Durch die Corona-Krise ist das Thema Flüchtlinge ziemlich ins Abseits gedrängt worden. Selbst Innenminister Nehammer relativiert plötzlich und meint, dass wir keine Angst zu haben brauchen, da es noch nie so wenige Asylanträge wie jetzt gab. Vor einem Jahr klang das alles noch ganz anders. Wirklich problematisch finde ich, dass auch die EU wieder einmal versagt und nationalistische Einzelinteressen obsiegen. Wenn wir uns die Situation in den Flüchtlingslagern in Griechenland ansehen, so ist das ein einziges Drama. Es werden Milliarden für die Unternehmen ausgegeben, um diese zu unterstützen. Das ist gut so und soll so sein. Aber das Problem mit den Flüchtlingen wird erst in der zweiten oder dritten Reihe angesprochen. Wenn in den griechischen Flüchtlingslagern Corona ausbricht, wird das ein Massensterben. Das ist einfach furchtbar. Doch wir als Gesellschaft sehen dabei nur zu. Für die Politik, ob in der EU oder in Österreich, ist das Thema Wirtschaft wichtiger als humanitäre Belange. 


In Pressekonferenzen bezüglich der Corona-Krise wird mit nationalistischen Motiven gespielt. Mit der Ansprache nur an "Österreicherinnen und Österreicher" wird von der ÖVP bewusst eine Gruppe angesprochen, während eine andere unsichtbar gemacht wird. Wieso diese Art der Rhetorik?

Diese Art der Rhetorik wird nicht nur jetzt angewandt. Wenn wir uns zurückerinnern: Als vor nicht einmal einem Jahr die ÖVP noch mit der FPÖ in der Regierung war, hat es auch immer geheißen: 'Österreich zuerst'. Mit der Anrede “Liebe Österreicherinnen und Österreicher” schließt man alle aus, die nicht die Staatsbürgerschaft haben. Es sollten aber alle hier lebenden und arbeitenden Menschen angesprochen werden – ohne Unterschied ihrer Herkunft oder Staatsbürgerschaft. Denn ansonsten sind wieder alle SaisonarbeiterInnen, Erwerbstätige mit Migrationshintergrund – ob selbstständig oder unselbständig – ausgeschlossen: Sie haben wieder einmal keine erste Priorität, obwohl zum Beispiel viele Unternehmer mit ihren kleinen Läden die Infrastruktur in den Städten aufrechterhalten. Viele ehemalige von Österreichern geführte Fleischereien, Bäckereien und kleine Greissler sperrten zu, da ihre Kinder Matura machten, studierten und einen anderen Erwerbszweig einschlugen. Ich befürchte, dass sie als Staatsbürger zweiter Klasse behandelt werden. 


MigrantIn ist nicht gleich MigrantIn. Der amerikanische IT-Fachmann ist gern gesehene Schlüsselkraft, während SystemerhalterInnen mit niedrigen Einkommen kaum Anerkennung bekommen. Wie unterscheiden sich die Erfahrungen von MigrantInnen?

Der Unterschied ist vor allem die soziale und regionale Herkunft. In diesem Sinne sind wir immer noch eine ziemlich starke Klassengesellschaft. Wir wissen, dass Migration fast immer einen sozialen und qualifikationsmäßigen Rückschritt bedeutet. Wenn man in ein anderes Land auswandert, muss man meist einen Job unter seinen Qualifikationen annehmen und sich wieder hinaufarbeiten. Natürlich gibt es auch Ausnahmen, wie etwa die Beamten der Vereinten Nationen. Bei ihnen redet auch niemand über eine Parallelgesellschaft, obwohl sie meist in einer gesellschaftlichen „Blase“ leben und vielfach selbst nach vielen Jahren kaum Deutsch sprechen. Im Gegensatz dazu werden türkischstämmigen Menschen und Muslimen von Politik und Medien das Leben in einer Parallelgesellschaft vorgeworfen.


Ab wann ist man denn ÖsterreicherIn?

Die MigrantInnen mit denen ich Interviews geführt habe, die hier seit vielen Jahr(zehnten) leben und Kinder haben, die fühlen sich hier auch zuhause. Doch der Ort, wo man die Kindheit verbracht hat, wird einen immer prägen; das kann man nicht wegschieben. Das Leben in zwei Kulturen bzw. Gesellschaften war schon in der Antike ebenso üblich wie heute.

Die Kinder von Migranten fühlen sich als Österreicher, werden aber oft wegen ihrem Aussehen oder ihrer Bildung diskriminiert und fühlen sich dadurch auch nicht hier vollkommen angekommen. Ich finde, man sollte sich nicht für ein Entweder-Oder entscheiden müssen. Ich würde es bevorzugen, wenn wir als Gesellschaft die Zugehörigkeiten zu mehreren Kulturen akzeptieren. Und nicht sagen: Ich gehöre zu EINER, zur österreichischen Kultur. Ich bin davon überzeugt, wenn wir aus der langen Geschichte der Migration endlich lernen würden, könnten wir das eindimensionale und nationalistische Denken überwinden.


Die Corona-Krise zeigt auch, wie solidarisch wir als Gesellschaft sein können. Kann die Krise eine Chance für Änderungen mit dem Umgang mit MigrantInnen sein?

Mit Slogans wie, “Wir halten alle zusammen” oder “Wir schaffen das”, was seitens der Regierung propagiert wird, versucht man, die Menschen zu beruhigen und zu solidarisieren. Aber in Wirklichkeit hat diese proklamierte Solidarität ihre Grenzen. Wenn man sich etwa das Bildungssystem und die vielen Kinder aus bildungsfernen Schichten oder aus einem migrantischen Haushalt ansieht, so werden hier sehr viele zurückgelassen. Solidarität heute ist nicht wirklich sozial übergreifend. Ich weiß nicht, ob sich viel ändern wird. Ich befürchte nicht. Unsere Gesellschaft hat ein kurzes Gedächtnis. Die angebliche Solidarität von heute wird übermorgen schon wieder vergessen sein und gewisse Parteien werden bald wieder versuchen aus Fremdenfeindlichkeit politisches Kapital zu schlagen.

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