Zu sahen ist ein Gewächshaus in dem Tomaten gezogen werden. Auf Schienen steht ein Korb in den die ArbeiterInnen die reifen Tomaten legen.

Tausende Menschen wollten bei der Ernte helfen, nur ein Bruchteil wurde tatsächlich vermittelt. Foto: Nijat Gafarson | instagram.com/gafarsonn

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/ 22. Juli 2020

Nijat ist einer von wenigen. Der 27-Jährige Fotograf meldete sich auf der Erntehilfe-Vermittungsplattform "Die Lebensmittelhelfer" des Landwirtschaftsministerium an. Das besondere? Er fand über die Plattform tatsächlich Arbeit. Für ein paar Wochen arbeitete er in einem Wiener Landwirtschaftsbetrieb, erntete Gurken und Tomaten. "Ich habe mich gleich im März angemeldet", sagt Nijat, der mittlerweile nach Istanbul gezogen ist. "Anfang Mai habe ich dann tatsächlich eine Stellenanzeige zugeschickt bekommen. Ich habe gar nicht mehr damit gerechnet."

Beinahe 30.000 Menschen haben sich seit Beginn der Corona-Krise gemeldet, um in der Ernte auszuhelfen. Die Plattform "Lebensmittelhelfer" vermittelte allerdings nur einen Bruchteil von ihnen tatsächlich an landwirtschaftliche Betriebe, nämlich rund 4.000 Personen. Wie viele davon auch angestellt wurden, weiß man nicht. Die Vermittlungsarbeit des Landwirtschaftsministeriums und ihrer "Lebensmittelhelfer"-Website steht zumindest unter potenziellen Arbeitskräften in der Kritik. Bei MOMENT meldeten sich viele Menschen, die allesamt ihre Arbeitskraft für Erntehilfe angeboten hatten, aber nie auch nur eine Antwort erhielten.

"Ich bin selbst aktiv geworden"

Einer davon ist Michael. "Ich war in Kurzarbeit und habe darauf gehofft, mich in dieser schwierigen Zeit sinnvoll einbringen zu können", sagt er. Während er auf eine Antwort wartete, las er, dass die Landwirtschaftskammer ErntehelferInnen aus anderen Ländern einfliegen ließ. "Das hat mich maßlos geärgert. Also bin ich selbst aktiv geworden." Michael schrieb Dutzende Bauern in seiner Nähe an und konnte in zwei Betrieben in der Erntehilfe mitarbeiten. Dafür erhielt er zwischen 8 und 13 Euro die Stunde und kostenlose Verpflegung. "Für mich war die Zeit bereichernd, weil ich einen kleinen Einblick in die Arbeit der Landwirtschaft gewinnen und gleichzeitig meine Lohneinbußen wegen der Kurzarbeit dämpfen konnte. Die Plattform des Landwirtschaftsministeriums hat dazu aber genau null beigetragen."

Einer der Bauern, der Michael beschäftigte, ist Bioobst-Bauer Günther Schreiner. Normalerweise kommen seine ArbeiterInnen aus Bosnien. Wegen der geschlossenen Grenzen konnten diese während des Corona-Lockdowns allerdings nicht einreisen. Also registrierte Schreiner sich auf der Vermittlungsplattform "Lebensmittelhelfer". Eine Bestätigungsmail kam an. Und dann - nichts.

Erntehilfe: Harte Arbeit für wenig Geld

Das Landwirtschaftsministerium wertet nicht aus, wie viele Personen über die Plattform mit Betrieben zusammen gekommen sind. Wie vielen LandwirtInnen es so erging wie Günther Schreiner, lässt sich nicht sagen. Klar ist, dass die Vermittlung nicht reibungslos funktioniert hat: Die Landwirtschaftskammer ließ schon im Mai SaisonarbeiterInnen einfliegen, während Tausende Registrierte vergeblich auf eine Antwort warteten.

Für Nijat war die Arbeit jedenfalls eine wertvolle Erfahrung. "Ich wollte mehr darüber wissen, wie der Prozess vom Anbau bis zum Verkauf im Supermarkt aussieht. Jetzt habe ich unzählige Kisten von Tomaten selbst geerntet. Das ist harte Arbeit", sagt er. "Ich weiß jetzt, dass die ErntehelferInnen sehr wenig verdienen. Etwa 500 Euro habe ich bekommen, dafür fast drei Wochen lang 18 Stunden pro Woche gearbeitet. Für mich war das in Ordnung, ich habe es nicht für das Geld gemacht. Aber die Menschen, die davon leben, sollten gerecht entlohnt werden."

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