Obdachlosigkeit verhindert: Wie Wolfgang mit Housing First neu anfängt

Für Wolfgang M. war es unfassbar: „Man hat eine Wohnung, aber man ist sich noch nicht ganz bewusst, was da jetzt geschehen ist“, sagt er. „In der Früh war ich überrascht, wo ich bin“, erzählt er vom Aufwachen nach der ersten Nacht in seiner Wohnung. Es ist die erste eigene Wohnung nach zwei Jahren Wohnungslosigkeit. Es waren zwei Jahre leben mit „der Angst, dass man auf der Straße sitzt“, sagt er zu MOMENT.at.
Die Angst, auf der Straße zu sitzen, nicht nur wohnungslos, sondern obdachlos zu sein, wurde Ende September konkret für den 61-Jährigen. Wenn nichts passiert wäre. Doch es passierte etwas. Über das Programm „housing first österreich“ unter Federführung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe fand er mit Hilfe und Vermittlung der Sozialorganisation neunerhaus in Wien eine Genossenschaftswohnung in Wien Simmering. „Zwei Jahre ging überhaupt nichts. Und dann auf einmal ist alles wieder auf die positive Seite gerichtet“, sagt M. „Irreal“, nennt er es.
Gegen Obdachlosigkeit: Was Housing First heißt
Housing First heißt: Wohnungslose und obdachlose Menschen sollen aus der Unsicherheit rauskommen und ihre eigenen vier Wände beziehen können. Mit eigenem Mietvertrag und bezahlt vom Geld auf dem eigenen Konto. Auf diese Weise rechtlich abgesichert, soll auch das Leben daneben neu geordnet werden können. Sozialarbeiter:innen begleiten die neuen Mieter:innen. „Damit sie die Wohnung auch in Krisenzeiten behalten“, sagt Elisabeth Hammer, die Geschäftsführerin von neunerhaus zu MOMENT.at. Offenbar mit Erfolg: 93 Prozent der Mieter:innen seien auch nach drei Jahren noch in ihrer Wohnung.
M. lebte zur Untermiete bei einem Bekannten. Der hatte selbst nur einen befristeten Mietvertrag, der nicht erneuert wurde. Im September musste somit auch M. aus der Wohnung raus. Zuvor war es ein tiefer Fall für ihn. M. betrieb jahrelang ein Beisl in Wien-Landstraße. Danach pachtete er das Dorfgasthaus in einer Gemeinde vor den Toren Wiens. Es lief gut. Lokale Polit-Prominenz feierte dort. Der ÖVP-Politiker und spätere EU-Abgeordnete Lukas Mandl brachte im Wahlkampf einmal den damaligen Kanzler Sebastian Kurz mit zu einer Veranstaltung in seinem Gasthaus. „Das war auch gute Werbung. Da war doch eine Zeit lang viel los“, sagt Wolfgang M.
Dann kamen Corona und danach die Teuerung. „Die Gäste sind immer weniger geworden. Die können sich das Fortgehen auch nicht mehr so oft leisten“, sagt M. Aber es passierte noch mehr: Seine Frau trennte sich von ihm. Sie hatten das Lokal gemeinsam geführt, ohne sie wurde es schwierig. Böses Blut habe es nie gegeben. Dennoch: Er musste das Lokal schließen und Privatinsolvenz anmelden. Da er in dem Haus auch gewohnt hatte, stand er jetzt nicht nur ohne Job da, sondern auch ohne feste Bleibe. Dafür hatte er 100.000 Euro Schulden. „Da hat mich dann ein Freund aufgenommen, vorübergehend, bis ich eine Wohnung finde“, sagt M. Das vorübergehend wurde sehr lang.
Teufelskreis: Kein Job, keine Wohnung, kein Job
Für ihn war es ein Teufelskreis: Wer gibt jemandem einen Job, der kurz vor der Pension steht? Wer stellt einen ein, der in Privatinsolvenz steckt und keine eigene Wohnung hat? Wer gibt einem eine Wohnung, der keine Arbeit hat, aber ein Konkursverfahren am Hals? Und wie soll Wolfgang M. das Geld für die Kaution oder Genossenschaftsanteile einer neuen Wohnung auftreiben, wenn er kein Arbeitseinkommen und hohe Schulden hat? “Selbst wenn ich eine leistbare Wohnung gefunden hätte, hätte ich sie nicht bekommen wegen dem Konkurs”, sagt M.
Resignieren wollte er nicht. Die Pleite des Gasthofs? „Das habe ich hinter mir. Ich bin nicht der einzige, den das getroffen hat. Das gehört zum Geschäft dazu“, sagt er. Und auch: „Anderen Leuten geht’s schlechter. Ich möchte nicht der René Benko sein. Der hat viel mehr verloren.“ Wobei auch er weiß, dass ihn der Verlust der eigenen Wohnung deutlich härter trifft. Der Gründer der Pleite gegangenen Signa-Gruppe wird es verschmerzen können, dass er jetzt nicht mehr im Privatjet fliegen kann. Aber: So zu denken, habe ihm in der schweren Zeit geholfen. Denn Wolfgang M. sagt auch: „Ich weiß nicht, was gewesen wäre ohne meine Kinder. Mich brauchen noch zwei. Und meine Mutter, die braucht mich auch.“
Sein Schuldnerberater gab ihm den Hinweis, bei Organisationen wie dem Verein Wohnen in Niederösterreich oder neunerhaus in Wien anzuklopfen. Es gebe dort immer wieder Wohnungen für Menschen, die in Wohnungsnot geraten sind. M. stellte sich vor und besprach mit den Mitarbeiter:innen, was er für eine Wohnung braucht und was er sich leisten kann. „Zwei Tage später wurde ich angerufen, dass es eine Wohnung gibt im Elften“, sagt M. Sie gefiel ihm.
Aber: „Alleine hätte ich mir die Wohnung nicht leisten können“, sagt M. Denn für die Genossenschaftswohnung muss er vorab einen Anteil zahlen. Sie sind wie auch Kautionen für viele wohnungslose Menschen eine kaum überwindbare Hürde. Diese Finanzierungsbeiträge werden vom Programm „housing first österreich“ übernommen. Finanziert wird das vom Sozialministerium. Bis Ende 2026 stehen gesetzlich gesichert 20 Millionen Euro für Housing First zur Verfügung.
Neunerhaus kümmerte sich um den Antrag bei der Genossenschaft Gesiba. In ganz Wien arbeitet die Sozialorganisation mit verschiedenen Bauträgern zusammen. „In einem Wohnbauprojekt können dann zum Beispiel zehn Wohnungen für Housing First zur Verfügung stehen“, erklärt neunerhaus-Geschäftsführerin Hammer. Die Genossenschaft prüfte den Antrag und gab das Okay. Wolfgang M. konnte einziehen. „Als wir dort waren und den Vertrag unterschrieben haben, ist mir eine große Last von den Schultern gefallen“, sagt er.
Ständige Sorge um ein Dach über dem Kopf
Wie ihm geht es vielen Menschen: Rund 20.000 Menschen sind in Österreich als wohnungslos oder obdachlos erfasst. Hammer schätzt, “dass man diese Zahl noch einmal verdoppeln müsste, um das gesamte Bild zu bekommen”. Mehr als die Hälfte der Betroffenen leben in Wien, im schlimmsten Fall auf der Straße. Sie leben in Notunterkünften, Übergangswohnungen, Frauenhäusern oder kommen bei Bekannten unter. Jedes Dach über dem Kopf ist nur zeitweise und ungewiss.
Die Betroffenen sind abhängig von anderen, haben kaum Rückzugsräume. Und: Wer sich ständig Sorgen machen muss, wo er morgen, nächste Woche oder kommenden Monat unterkommen wird, der hat weniger Kraft übrig, seinen Alltag zu meistern. Wie es Wolfgang ergangen ist bei der erfolglosen Wohnungssuche in den vergangenen Monaten? „Nicht gut“, antwortet er. „Seelisch, körperlich, das war sehr, sehr belastend.“
Seit drei Monaten lebt Wolfgang M. in der 58 Quadratmeter großen Zwei-Raum-Wohnung. Beim Treffen mit ihm, ein paar Wochen nach dem ersten Gespräch, empfängt er einen schon im Hausflur und führt in und durch seine neue Bleibe. Eine blaue Couch im Wohnzimmer, ein kleiner Esstisch an der Fensterseite, ein Schreibtisch, ein Sessel. Die Ersteinrichtung haben ihm seine Mama und der Stiefvater gegeben. „So Weihnachten und Geburtstagsgeschenk schonmal im Voraus“, sagt M. und lacht.
Die Wände sind noch leer. Im Schlafzimmer lehnt ein buntes Gemälde mit Fischen auf die Seite gedreht an der Wand. Sein Sohn habe es einst in Italien gekauft und seinem Papa nun in die Wohnung gestellt. Als nächstes sollen die Bilder und Lampen aufgehängt werden und Vorhänge an die Fenster kommen. „Meine Mutter hat immer gesagt: Ein Zimmer ohne Vorhänge, ist wie ein Gesicht ohne Augenbrauen“, sagt M. Er genießt die neue Normalität.
Eigene Wohnung und neuer Job
Fast gleichzeitig mit der neuen Wohnung, fand M. auch einen neuen Job. Nicht in der Gastro, sondern in der Datenverarbeitung. M. arbeitet jetzt viel mit Excel an Projekten für Kund:innen seines neuen Arbeitgebers. Er hat nicht nur eine gastronomische Ausbildung, sondern schon vor 30 Jahren eine Umschulung gemacht: Lohnverrechnung, Buchhaltung, Kostenrechnung, Steuerrecht. Auch das kann er. Doch einen Job geben wollte ihm lange niemand. „Da war es genauso wie mit der Wohnungssuche. Ich habe 200 Bewerbungen geschickt und war bei vier Vorstellungsgesprächen.“ Geworden ist es nie etwas.
Um Hilfe zu bitten sei ihm nicht leichtgefallen. „Aber mir blieb nichts anderes übrig“, sagt Wolfgang M. Die Sicht auf den Wert von Sozialleistungen ändere sich, „wenn man selbst einmal in die Situation kommt, dass man Hilfe braucht“. Er, der jahrelang selbständiger Unternehmer war, habe sich dafür geschämt. Der erste Besuch bei Sozialorganisationen wie dem Verein Wohnen oder neunerhaus, „das war schon ein schwieriger, harter Weg", sagt er. „Aber man muss ihn tun“.








