Pension mit 67: Arbeite halt einfach länger

In Österreich wird wieder über ein höheres Pensionsalter diskutiert. Der Druck auf eine Pension mit 67 steigt. Moment mal, sagt Barbara Blaha.

Zwei Jahre länger hackeln und am Ende zehntausende Euro weniger Pension bekommen. Genau das bedeutet "Pension mit 67". Besonders für Menschen, die ihr Leben lang wenig verdient haben. 

In Österreich wird wieder über ein höheres Pensionsalter diskutiert. Eine Pension mit 67 ist zwar bisher nicht beschlossen, aber der Druck steigt. AMS-Chef Johannes Kopf hat dazu in der Pressestunde einen bemerkenswerten Satz gesagt: “Irgendwann schlägt Mathematik Ideologie.” Mit der Ideologie ist es offenbar wie mit Mundgeruch. Das haben immer nur die anderen.

Es gibt keine neutrale Politik

Wie lange wir arbeiten müssen und welchen Leuten wir die Pension zusammenkürzen, ist immer eine politische Entscheidung. Natürlich müssen wir rechnen. Aber die Mathematik nimmt uns die Entscheidung nicht ab, wer für eine Reform bezahlt.

Die ideologische Verengung beginnt schon dort, wo wir nur noch fragen: Um wie viele Jahre muss das Pensionsalter steigen? Damit ist die politische Entscheidung bereits gefallen. Andere Möglichkeiten kommen gar nicht mehr auf den Tisch.


Das könnte dir auch interessieren

Etwa mehr Menschen in gut bezahlte Arbeit zu bringen oder große Vermögen stärker an der Finanzierung zu beteiligen. Über diese Wege könnten wir streiten und ihre Folgen berechnen. Wer sie vorab aussortiert und die eigene Lieblingslösung zur mathematischen Notwendigkeit erklärt, hat seine Ideologie längst in eine Rechnung verpackt. Wenn jemand mit dem Taschenrechner wedelt und so tut, als könne man das ganz neutral ausrechnen, sollten die Alarmglocken angehen. 

Zuerst einmal: Wer fordert, dass wir länger arbeiten sollen, sagt in Wirklichkeit: Er will dir deine Pension zusammenkürzen. Warum? Wenn du länger arbeitest, zahlst du länger ein. Dadurch kann deine monatliche Pension steigen. Nur bekommst du sie später. Wer mit 67 statt mit 65 in Pension geht, muss die zwei ausgefallenen Pensionsjahre erst einmal durch höhere Monatsbeträge wieder aufholen. Ob das gelingt, hängt auch davon ab, wie lange du lebst. Stirbst du vorher, ist insgesamt weniger Pension bei dir angekommen. Spoiler: Es gelingt nicht, weil dafür lebst du nicht lange genug. Eine Pensionskürzung lässt sich eben auch über eine kürzere Bezugsdauer organisieren.

Nicht allen wird gleich viel genommen

Na, nehmen wir einen Mann, der seit seinem zwanzigsten Lebensjahr Vollzeit hart körperlich arbeitet und mit 76 stirbt. Wenn er erst mit 67 in Pension darf, verliert er 13 Prozent seines gesamten Pensionseinkommens. Wir streichen ihm fast 50.000 Euro Pensionseinkommen. 

Nehmen wir einen zweiten Mann, der hat sein Leben lang super verdient, im Büro gechillt, der stirbt erst mit 83. Der verliert - logo - auch was, aber nur sechs Prozent seines Pensionseinkommens. Beide sollen zwei Jahre länger arbeiten, aber die Kürzung trifft den mit der kleinen Pension mehr als doppelt so stark.

Und damit sind wir bei diesem großen “Wir”. Wir werden immer älter, heißt es. Im Durchschnitt stimmt das. Aber hinter diesem Durchschnitt verschwinden ziemlich unterschiedliche Leben. Wie lange wir leben und wie lange wir gesund bleiben, hängt auch mit unserem Einkommen und unserer Arbeit zusammen.

Eine Studie zeigt, wie viele 45-Jährige überhaupt mit 65 noch leben und gesund genug sind, um arbeiten zu können. 43 Prozent der männlichen Arbeiter im untersten Einkommensviertel schaffen das nicht. Die sind mit 65 tot oder invalid. Bei männlichen Angestellten im obersten Einkommensviertel sind dagegen noch 90 von 100 noch fit genug um zu arbeiten. 

Hälfte der Arbeiter hat von Pension nichts

Fast die Hälfte der Arbeiter erreicht die heutige Altersgrenze in dieser Rechnung schon nicht mehr lebend und oder in einem Zustand, wo man noch arbeiten gehen kann. Und diesen Menschen erklären wir jetzt, dass wir alle ja immer länger leben, und sie sich nicht so anstellen sollen, wenn wir ihre Pension um zwei Jahre nach hinten schieben? Weil “die Mathematik” es so will? 

In unserem Pensionssystem verteilen wir schon jetzt von unten nach oben um. Wer sein Leben lang hart arbeitet, und von dem bisserl Lohn Monat für Monat brav in die Pensionsversicherung einzahlt, bekommt selbst nur ein paar Jahre Pension wieder heraus. Man stirbt schlicht früher, wenn man sein Leben lang wenig Geld hatte.

Arme und Kranke zahlen, Wohlhabende genießen

Das ist total praktisch, denn wer früh stirbt, hat mit seinen Beiträgen trotzdem den langen Ruhestand der anderen mitfinanziert, die viel bessere Jobs und Einkommen hatten. Das freut die Besseresser, die haben einen langen Lebensabend vor sich. Wir versichern uns alle gemeinsam gegen das Risiko, alt zu werden. Nur ist die Chance auf ein langes Leben sozial völlig ungerecht verteilt. 

Jetzt könnte man sagen: Na gut, weniger Pension insgesamt. Aber dafür verdienen die Leute doch zwei Jahre länger einen Lohn.

Ja. Wenn sie einen Job haben.

Ein höheres Pensionsalter garantiert dir keinen Arbeitsplatz. Wenn dich mit 63 ein Betrieb kündigt und dich niemand mehr einstellt, bedeutet Pension mit 67 erst einmal: Du musst länger auf die Pension warten.

Und das Risiko als älterer Mensch gekündigt zu werden, ist eben auch nicht für alle gleich. Eine Studie über hat untersucht, was passiert ist, als wir den Zugang zur Frühpension nach hinten geschoben haben. Bei den betroffenen Männern stieg die Beschäftigung um knapp zehn Prozentpunkte. Die Arbeitslosigkeit stieg um zwölfeinhalb. Den größten Beschäftigungseffekt gab es bei gesunden Leuten mit hohen Löhnen. Menschen mit wenig Lohn oder schlechter Gesundheit mussten die Zeit häufiger mit Arbeitslosengeld überbrücken. 

Längere Arbeitslosigkeit senkt auch Pension noch weiter

Auch wenn man arbeitslos ist, zahlt man in die Pensionsversicherung ein, ja. Aber die Beiträge sind niedriger als bei Leuten, die einen Lohn bekommen. Wer vor der Pension länger arbeitslos ist, kann deshalb später weniger Pension bekommen, als mit einem Job möglich gewesen wäre.

Der Chef des Arbeistmarktservice AMS, Johannes Kopf, kritisiert übrigens selbst, dass Betriebe ältere Menschen nach einem Jobverlust nicht mehr einstellen. Und da hat er Recht. 

Arbeitsjahre statt Alter?

Dann gibt es noch einen Vorschlag, wir sollen nicht mehr mit einem fixen Alter in Pension gehen können, sondern erst nach 45 Versicherungsjahren. Erst? Wir haben uns alle Leute angeschaut, die letztes Jahr in Pension gegangenen sind. 

Zwei Drittel der Menschen in unserer Auswertung hatten diese 45 Jahre beim Pensionsantritt nicht zusammen. Bei den Frauen waren es sogar 82 Prozent. Wer so eine Voraussetzung einführt, muss erklären, was mit diesen Menschen passieren soll.

Was wir tun können

Aber müssen wir wegen der Alterung etwas tun? Selbstverständlich. Wenn mehr Menschen eine Pension beziehen und das länger, weil wir länger leben, dann muss das finanziert werden. Die entscheidende Frage ist, welche Möglichkeiten wir dafür nutzen. 

Unser Pensionssystem hängt am Arbeitsmarkt. Die laufenden Pensionen werden aus Beiträgen und Steuermitteln bezahlt. Wie viel hereinkommt, hängt davon ab, wie viele Menschen arbeiten und wie gut sie verdienen.

Wenn eine Mutter dank verlässlicher Kinderbetreuung mehr bezahlte Stunden übernehmen kann, zahlt sie auch mehr in die Pensionsversicherung ein. Wenn ein zugewanderter Mensch eine Stelle findet, ebenso. Natürlich erwerben beide damit auch eigene Pensionsansprüche. Genau so funktioniert das System.

Und wenn ältere Menschen einen Arbeitsplatz behalten, zahlen sie weiter ein. Dafür brauchen wir Betriebe, die sie beschäftigen, und Arbeitsbedingungen, unter denen sie gesund bis zur Pension kommen können. Wenn es uns gelingen würde, dass ältere Arbeitnehmer bis zum jetzigen Pensionsantrittsalter arbeiten könnten, dann brächte uns das bis 2035 insgesamt 57 Milliarden Euro ein für die Pensionen.

Bevor wir die Ziellinie weiter nach hinten schieben, sollten wir dafür sorgen, dass Menschen die heutige überhaupt erreichen können. Mit einem Arbeitsplatz. Und mit einer Gesundheit, die ihnen noch etwas vom Ruhestand lässt.

Wer mit 65 noch gesund ist und gern arbeitet, soll das tun können. Wer sich nach Jahrzehnten Arbeit ausruhen möchte, soll das auch tun können. 


Das könnte dir auch gefallen