Personalmangel in Bäckereien: Vitrine in Bäckerei

Bäckereien klagen über Personalmangel: Mehr Gehalt zahlen ist offenbar keine Option. // Foto: Tauralbus, flickr.com (CC BY 2.0)

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/ 15. Juni 2021

Bäckereien klagen in Medien lautstark über Personalmangel. Trotz hoher Arbeitslosigkeit finden sie nicht genug MitarbeiterInnen. Statt mehr Gehalt und bessere Arbeitsbedingungen zu bieten, fordern Unternehmen mehr Druck auf und weniger Geld für arbeitslose Menschen. Kann es das sein?


Erst in Niederösterreich, nun auch in Wien: Sprichwörtlich „händeringend“ suchen Bäckereien jetzt Personal, heißt es in mehreren aktuellen Medienberichten. Aber: Offenbar will niemand so recht in den Filialen der Wiener Bäckerei Szihn oder der Bäckerei Hager in Niederösterreich arbeiten: „Es ist ein Jammer“, klagt deren Firmenchef Wolfgang Hager in den NÖN über den Personalmangel.

Zwei seiner Filialen habe Hager schon schließen müssen, weil nicht genug Personal da sei. Er sei „der Verzweiflung nahe“, schreibt die Zeitung. So verzweifelt, das laut Jobanzeigen angebotene Gehalt zu erhöhen, ist er aber offenbar noch nicht.

Bäckerei bietet 770 Euro brutto Gehalt

Für eine 20-Stunden-Servicekraft bietet Hager ein Mindestgehalt von 770 Euro brutto, „zeitliche Flexibilität im Rahmen unserer Öffnungszeiten“ ist mitzubringen. Von Montag bis Samstag starten die Arbeitszeiten um 6 Uhr, am Sonntag um 6.30 Uhr. Spätester Dienstschluss ist täglich um 18.30 Uhr. Von Zuschlägen für Arbeit am Wochenende steht nichts in der Anzeige. Nur: „Die tatsächliche Vergütung orientiert sich an Qualifikationen, die Sie mitbringen und wird in einem persönlichen Gespräch vereinbart.“

In den Kommentarspalten bei Facebook schlägt Wolfgang Hager wenig Verständnis für seine Verzweiflung entgegen. „Lächerliches Gehalt, jungen Leuten Vollzeit verweigern, verlangte Mehrarbeit ohne Bezahlung, keine Wertschätzung an die Mitarbeiter und nicht mal ordentliches, ungebrauchtes Dienstgewand“, schildert eine Mutter, deren Tochter dort gearbeitet habe, jetzt aber woanders tätig sei.

Kommentar: "Wer gut zahlt hat, hat gutes Personal"

„Unter den Bäckern hat sich herumgesprochen das die Firma ein schlechter Arbeitgeber ist. Gut so!“, kommentiert ein anderer Benutzer. „Wer gut zahlt, hat auch gutes Personal“, schreibt eine Userin.

Für Erwin Kinslechner, Branchensekretär von der Gewerkschaft PRO-GE, ist das Problem klar: „Es kann nicht sein, dass man unter 10 Euro brutto die Stunde Gehalt zahlt. Davon kann keiner leben“, sagt er zu MOMENT. Gehaltssprünge seien kaum drin beim Job im Bäckerladen, schildert Erwin Kinslechner. Dazu kommen ultrakurze Kündigungsfristen, „wo gesagt wird, am Ende der Woche kannst du gehen“.

Personalmangel? Mehr Druck auf Arbeitslose!

Die Bäckerei Szihn in Wien bietet neuen MitarbeiterInnen in der Gastro für 40 Wochenstunden schmale 1.572 Euro Bruttogehalt an, mit dem Zusatz: „Die Bereitschaft zu Wochenend- und (zeitweisen) Frühdiensten ab 5 Uhr setzen wir voraus.“

Kann es also sein, dass Arbeitsbedingungen und Bezahlung einfach nicht gut genug sind, um ausreichend Personal hinter die Bäckertheken zu bringen? Nein, es muss etwas anderes sein, sagen die Bäckereien. Alexandra Szihn von der gleichnamigen Bäckerei sagte im ORF: Der Unterschied zwischen bezahlter Arbeit und keiner Arbeit sei nicht groß genug „und dadurch kein Anreiz für die Person da, eine bezahlte Tätigkeit anzunehmen“.

Forderung: Mindestgehalt von 1.700 Euro für alle

Mario Pulker, Obmann des Fachverbands Gastronomie der Wirtschaftskammer, schlägt vor, die Zumutbarkeitsbestimmungen für beim AMS registrierte Personen zu verschärfen. Sozialleistungen runter, statt Löhne rauf also. Für Erwin Kinslechner sind das zynische Forderungen. „Arbeitslosen noch weniger Arbeitslosengeld zu zahlen und den Druck auf sie weiter zu erhöhen, zeigt, dass die Unternehmen kein Gefühl für die Lebenssituation arbeitsloser Menschen haben“, sagt er. Er fordert den anderen Weg: ein Mindestgehalt von 1.700 Euro brutto für alle in der Branche.

Nicht machbar, argumentiert Bäckerei-Unternehmerin Alexandra Szihn, denn dann müsste sie ihre Produkte teurer machen, die Bevölkerung sei aber nicht bereit, das zu zahlen. Wirklich? Unter dem Artikel der NÖN kommentierte zumindest eine Leserin so: "Die Leute würden auch einige Cent mehr für ihre Ware bezahlen, wenn sie Qualität hat und die Arbeiter gerecht entlohnt werden."

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