Ein Bild von verschiedenen Verhütungsmitteln.
/ 23. August 2022

Sexualkunde ist ein ideologisch umkämpftes Thema. 2018 geriet der fundamental christliche Verein TeenSTAR in den Blick der Medien. Interne Kursunterlagen zeigten, dass der Verein eine rückschrittliche und diskriminierende Sexualmoral vertritt. Bis heute hält der Verein laut eigenen Angaben immer noch Kurse an Schulen ab.

“Es ist besser, keine Verhütungsmittel anzuwenden”, “Selbstbefriedigung ist nicht gesund” oder, “zwei Männer können keine wirkliche Familie gründen.” Eine Mutter aus Regensburg, Bayern, staunte im Juni nicht schlecht, als sie diese Zeilen auf einem Elternabend in einer Broschüre liest. Auf dem Cover der sexualpädagogischen Broschüre klebt ein Sticker: “Ein Geschenk von TeenSTAR.”

Weil in der Klasse ihres Kindes ein Kurs des Aufklärungsvereins TeenSTAR stattfinden sollte, handelt die besorgte Mutter und konfrontiert das Kultusministerium Bayerns auf Twitter mit der Broschüre. Das reagiert prompt mit einem Verbot des Kurses. Die Begründung: “Der TeenSTAR-Kurs steht nicht im Einklang mit den bayerischen Richtlinien zur Familien- und Sexualerziehung.”

Ultrakonservative Sexualpädagogik: Auch in Österreich aktiv

 

Aber was hat ein Kurs an einer Grundschule in Bayern mit Österreich zu tun? Wer sich für das Thema interessiert, wird sich erinnern: Auch hierzulande ist der international agierende Verein TeenSTAR kein unbeschriebenes Blatt. 2018 kam es zum Skandal, als interne Kursunterlagen des Vereins dem Falter und der ZIB2 zugespielt wurden. In diesen Unterlagen: Masturbation als Ich-Bezogenheit, Homosexualität als Störung und natürliche Familienplanung als Verhütung - Sexualkunde aus einem vergangenen Jahrhundert.

Die Rufe nach einem Verbot des christlich fundamentalen Vereins wurden daraufhin laut. Immerhin gilt in Österreich der  “Grundsatzerlass Sexualpädagogik”. Er gibt vor, dass sexuelle Bildung an Schulen „wissenschaftlich gestützte, realistische und nicht verurteilende Informationen weitergeben“ und sich am „Prinzip der Gleichstellung der Geschlechter sowie der Vielfalt der Lebensformen (z.B. sexuelle Orientierung, Geschlechteridentitäten) orientieren“ soll. Die geleakten Unterlagen entsprachen dem nicht.

Das damalige Bildungsministerium unter Heinz Faßmann kündigte an, die Kursunterlagen zu prüfen. Ein ministeriumseigenes Gremium stellte daraufhin fest, dass sie den gesetzlichen Rahmenbedingungen widersprechen. TeenSTAR verstoße gegen das Indoktrinationsverbot, die Kinderrechtskonvention und die Grundsatzerlasse Sexualpädagogik und Reflexive Geschlechterpädagogik und Gleichstellung.

Auch das Bundeszentrum für Sexualpädagogik wurde von Faßmanns Ministerium beauftragt, TeenSTAR zu prüfen. Das Urteil war vernichtend: „Aus Sicht des Bundeszentrums für Sexualpädagogik stellen die Tatsache, dass im Programm von TeenSTAR falsche, massiv tendenziöse und teilweise auch menschenrechtlich bedenkliche Aussagen gemacht werden, den Grund dafür dar, dass TeenSTAR in der vorliegenden Ausrichtung nicht für die schulische Sexualerziehung geeignet erscheint”. Eigentlich sollte der Fall klar sein und der Verein kein weiteres Klassenzimmer mehr betreten dürfen. Aber dann kam alles anders.

TeenSTAR im Klassenzimmer - lange umstritten, aber nie verboten

Anstatt gegen den Verein im Einzelnen vorzugehen, folgte eine Kette an Ereignissen, die mehr dem gesamten Feld der Sexualpädagogik in Österreich als dem fundamental christlichen Verein schadeten. So sendete das Ministerium zunächst ein Rundschreiben aus, das an den Grundsatzerlass Sexualpädagogik anknüpft. Darin steht unter anderem: Sexualpädagogik darf Schulen kein Geld kosten (Schulgeldfreiheit) und Lehrer:innen müssen bei Kursen anwesend sein. Viele Vereine sind nicht nur auf Finanzierung angewiesen, sondern arbeiten auch ohne anwesende Lehrpersonen. "Grundsätzlich sind Vor- und Nachbesprechungen mit dem Lehrpersonal essenziell für Sexualpädagog:innen. Während eines Workshops müssen wir jedoch einen sicheren Raum schaffen, damit Schüler:innen sich ohne ohne Scham, Angst oder Misstrauen äußern können", sagt Daniela Giacomuzzi, ehemalige Koordinatorin des progressiven Aufklärungsvereins achtung°liebe.

Anschließend leitete die türkisblaue Regierung die Debatte in völlig neue Bahnen: ÖVP und FPÖ setzten mit ihrer parlamentarischen Mehrheit einen Antrag durch, der allen externen Aufklärungsvereinen den Zugang zu Schulen verbieten sollte. Mit einem Statement der “Plattform sexuelle Bildung” stemmten sich hunderte Vereine, Institutionen und Bildungsexpert:innen gegen das Verbot.

“Das war damals eine völlige Verschiebung der Diskussion. Anstatt sich um das Problem mit TeenSTAR zu kümmern, kam man mit dem totalen Verbot”, erinnert sich Paul Haller, damals Geschäftsführer der Homosexuellen Initiative Salzburg. Seinem Verein wurden die internen Kursunterlagen von TeenSTAR zugespielt. Laut Haller brauche es mehr und nicht weniger Sexualkunde, immerhin nehme sie auch eine wichtige Rolle bei der Gewaltprävention ein. Dass der Mehrwert von externer Sexualpädagogik nicht erkannt und entsprechend finanziert wird, kritisierten neben Haller viele Expert:innen aus dem Bildungsmilieu aufs Schärfste.

Akkreditierungsverfahren für Aufklärungsvereine: 2019 versprochen, 2022 noch ausstehend

In Folge des Regierungswechsels 2019 verfiel der Antrag - eine Erleichterung für die österreichische Sexualpädagogik. Stattdessen versprach Faßmann fortan, ein Akkreditierungsverfahren einzuführen, das nur mehr geprüfte Vereinen den Zutritt zum Klassenzimmer gewährt. Drei Jahre später lässt das Verfahren allerdings immer noch auf sich warten. Auf eine parlamentarische Anfrage hieß es im Dezember 2020, dass es sich aufgrund der Pandemie verzögere.

Im Juli 2022 hakte MOMENT bei Olaf Kapella vom Österreichischen Institut für Familie nach. Der Koordinator des Verfahrens verwies auf “ein laufendes Projekt” und das Ministerium. Nach mehreren schriftlichen und telefonischen Anfragen von MOMENT verrät eine Mitarbeiterin des Bildungsministeriums schließlich zumindest, dass das Verfahren im Herbst anlaufen soll. “Das hieß es aber schon mehrere Male”, sagt Paul Haller. Wie genau das Verfahren aussieht, wollte die Mitarbeiterin jedenfalls auch nicht verraten. Haller sieht das Akkreditierungsverfahren grundsätzlich kritisch: “Das ist schlicht ein Kontrollinstrument”. Entscheidend sei die Frage, wer nach welchen Kriterien entscheidet und ob die Entscheidungen von unabhängigen Expert:innen getroffen werden. „Lieber wäre mir, wir würden darüber reden, wie wir die Sexualpädagogik insgesamt besser ausstatten können – auch finanziell“, so Haller.

TeenSTAR: nach wie vor an Schulen aktiv

Während das Verfahren jedenfalls weiterhin nur versprochen wird, darf TeenSTAR nach wie vor fleißig an Schulen “aufklären”. Auf MOMENT-Anfrage gibt ein Sprecher, der Homosexualität in sozialen Medien als "Sünde" bezeichnet, an, dass im vergangenen Schuljahr durchaus Kurse an Schulen stattfanden.

Das Unterrichtsmaterial, das in Bayern zum Abbruch eines Kurses geführt hatte, sei aber „nicht aktuell“ und finde in Österreich angeblich keine Verwendung, so der Pressesprecher. MOMENT hat allerdings recherchiert, dass die Broschüre über die Website eines mit TeenSTAR vernetzten Anti-Abtreibungs-Vereins nach wie vor erhältlich ist.

TeenSTAR ist Teil eines ultrakonservativen Netzwerks - Powered by ÖVP

Auch die 2018 geleakten Kursunterlagen sollen laut TeenSTAR gründlich überarbeitet worden sein. Bei einem genauen Blick auf die Online-Präsenz scheint sich bei TeenSTAR ideologisch allerdings wenig geändert zu haben. Daniela Giacomuzzi dokumentiert die Tätigkeiten des Vereins seit Jahren. Gegenüber MOMENT legt sie ihre Recherchen offen: “TeenSTAR ist ein Knotenpunkt in einem Netzwerk aus erzkonservativen Hardlinern, Abtreibungsgegnern und Konversionstherapeuten”, erklärt sie.

Die Website des Vereins verlinkt unter anderem zum “Instituts für Ehe und Familie”, ein Beratungsorgan der Bischofskonferenz Österreich. Das Institut lobt TeenSTAR öffentlich und wirft mit Begriffen wie “Transgenderideologie” um sich. 2019 legte das Institut offen, TeenSTAR mit 25.000 Euro im Jahr zu fördern. Die Bischofskonferenz selbst wird übrigens vom Bundeskanzleramt und vom Ministerium für Frauen, Familie und Jugend unter Susanne Raab gefördert.

Ein weiterer Link von TeenSTAR führt zu den „Prinzipien Sexualpädagogik“, auf die sich TeenSTARs Lehre stützt. Aufgestellt wurden diese von der Theologin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, einer bekennenden Antifeministin und gern geladenen Rednerin auf den queerfeindlichen und AfD-nahen “Demos für Alle” in Deutschland. Die Prinzipien wurden auch von weiteren prominenten Gegnern einer modernen Sexualpädagogik unterzeichnet. Dazu gehört zum Beispiel der Psychiater Christian Spaemann, der „Therapien“ zur „Heilung von Homo- und Transsexualität“ anbietet. Zur feierlichen Präsentation der 2014 vorgestellten Prinzipien lud übrigens ÖVP-Nationalrätin Gudrun Kugler. Vortragende Gäste: Spaemann, Gerl-Falkovitz und Helga Sebernik - seit 2004 TeenSTAR-Obfrau.

Für Giacomuzzi sind die Indizien klar: “TeenStar macht nicht nur schädliche Sexualaufklärung, sondern ist Teil einer politischen Bedrohung, die massive Lobbyarbeit gegen eine moderne und diskriminierungssensible Sexualpädagogik betreibt.” Laut ihr arbeite das Netzwerk sehr subtil: “Die sind ja geschickt, die sagen nicht offen, dass sie queerfeindlich sind. Stattdessen wird das blumig umschrieben.“ Wer zwischen den Zeilen der “Prinzipien Sexualpädagogik” liest, erkennt, dass eine erzkonservative Doktrin hinter Aussagen wie “Der junge Mensch lernt verstehen, dass Sexualität lebensphasenspezifischen psychischen Motivationen unterliegt und sich im Lauf des Lebens verändert” steht: Homosexualität wird als „Phase“ ausgewiesen, die überwindbar sei.

Giacomuzzi bereitet es große Sorgen, dass TeenSTAR immer noch nicht eindeutig aus den Schulen geworfen wurde. Sie spricht von großen Schäden und fatalen Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche, die nicht nach den Normen des Vereins leben können und wollen.

Das Kultusministerium in Bayern reagierte schnell auf diese Bedrohung. In Österreich wird der Verein aus ÖVP-Reihen gefördert - und die ÖVP-geführte Regierung schaut immer noch zu.

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