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Arbeitswelt

Schlechte Chance auf bessere Bezahlung für Pflegerinnen und Co. nach Corona-Krise, erklärt Expertin

Schlechte Chance auf bessere Bezahlung für Pflegerinnen und Co. nach Corona-Krise, erklärt Expertin

Systemerhalterinnen sollen mehr Gehalt bekommen - das lesen wir in den letzten Wochen immer öfter. Katharina Mader erklärt, warum die Chancen nach einer Aufwertung der Berufe nach der Corona-Krise leider schlecht sind.

Seit der Corona-Krise sprechen wir endlich ausführlich über die schlecht bezahlte Arbeit von jenen, die unser gesellschaftliches System erhalten. Berufe, die jetzt nicht aussetzen können und viel Kontakt mit anderen Menschen voraussetzen, machen vor allem Frauen. Forderungen nach mehr Gehalt für Pflegerinnen, Supermarktmitarbeiterinnen und Sozialarbeiterinnen häufen sich in Medienberichten und auf Social Media.

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Doch wie stehen die Chancen, dass diese Arbeit nach der Corona-Krise tatsächlich aufgewertet wird? “Ich denke nicht, dass das passieren wird”, sagt Ökonomin Katharina Mader von der Wirtschaftsuniversität Wien.

Ein Grund für ihre Zweifel ist die Art, wie Arbeit in unserer Gesellschaft bewertet wird. “In der Wirtschaft gehen wir davon aus, dass die Bezahlung mit der Produktivität zusammenhängt”, sagt sie. Das heißt, wenn die Autoindustrie mehr Autos in derselben Zeit produzieren kann, dann zahlt sich eine Gehaltserhöhung aus. Diese Idee lässt sich aber nicht auf soziale und Gesundheitsberufe ummünzen. Pflegerinnen können nicht so viel schneller pflegen, Betreuerinnen nicht schneller wickeln, Pädagoginnen nicht schneller lehren.

 
Schwarz-weiß Foto von Katharina Mader, sie lehnt an einer Backsteinmauer und lächelt in die Kamera.

Ökonomin Katharina Mader über die Auswirkungen der Corona-Krise für Frauen in systemrelevanten und schlecht bezahlten Berufen. Foto: Pamela Rußmann

“Die vermeintlich objektive Idee ist, dass Bezahlung und Anerkennung durch Angebot und Nachfrage entsteht”, sagt sie. Wenn viele Leute eine Arbeit erledigen können, wird das Gehalt niedriger sein als bei Tätigkeiten, die nur wenige Menschen verrichten können. Zusätzliche Faktoren sind die Länge der Ausbildungszeit und das Maß an Verantwortung, das man trägt.

Vom Haushalt zum Job

Bei typischen Frauenberufen wie Pflege oder Kinderbetreuung spielt genau das hinein. Diese sind nämlich aus den Tätigkeiten entstanden, die Frauen ohnehin im Privaten übernommen haben. Aus der traditionellen Rolle der Frau, den Haushalt zu führen, sich um Angehörige und Kinder zu kümmern, wurden Berufe, die diese Tätigkeiten zu einer Ware gemacht haben.

Das hatte gleich einen doppelt positiven Effekt: Frauen konnten beispielsweise als Kindergartenpädagoginnen arbeiten, damit Geld verdienen und gleichzeitig die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass auch die Mütter der Kinder Zeit haben, einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Doch die Bezahlung ist nach wie vor gering. “Die Bewertung dieser Berufe ist stark angelehnt an die Bewertung der unbezahlten Arbeit im eigenen Haushalt”, sagt Mader.

“Wenn es nötig ist, springen Frauen ein”

Die Corona-Krise zeigt nun, was passiert, wenn das Angebot wegbricht, die Schulen und Kindergärten schließen: “Wenn es wirklich nötig ist, springen Frauen ein. Die Betreuungsarbeit wird ins Private verschoben.” Hier sieht Mader sogar die Gefahr, dass sich die Situation nach der Krise noch verschlechtert. Denn das Chaos, dass die Schließungen in manchen Familien ausgelöst hat, ist unsichtbar. Übrig bleibt der Eindruck, dass es ja eh irgendwie gegangen ist.

“Wenn es Frauen gibt, die Betreuungsarbeit unbezahlt machen, dann gibt es keinen Grund, die Bezahlung für die Angestellten dieser Branche zu erhöhen”, fürchtet Mader. “Nach der Krise wird von der Regierung das Totschlagargument kommen: Wir müssen jetzt zusammenhalten und sparen. Die bessere Bezahlung von typischen Frauenberufen wird dann als Luxusthema abgehandelt werden. Die hohe Arbeitslosigkeit macht den Arbeitskampf noch schwieriger.”

Die Verhandlungsposition schätzt Mader nach der Krise als schwach ein. Jetzt gerade sei die Zeit, in der die Angestellten Druck aufbauen könnten, “doch dafür sind sie zu anständig”. Doch die Situation ist nicht hoffnungslos. “Die Sozialpartner haben Spielraum. Wenn sie wollen, können sie bestimmte Berufe durch neue Kollektivverträge einfach aufwerten.” Wir können uns für alle einsetzen, die gerade ihre Gesundheit riskieren, um unsere Gesellschaft am Laufen zu halten und gemeinsam mit ihnen Druck aufbauen – damit ihre Leistungen nicht unter den Teppich gekehrt werden, wenn die Krise vorbei ist.

 

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