Schneller Termin beim Facharzt: nicht lächerlich, sondern essenziell
Kaum ein Tag vergeht ohne neue Beiträge zum Thema Arzttermine. Gleichzeitig vergeht kaum ein Tag, ohne dass jemand erklärt, warum schnelle Termine angeblich unmöglich oder sogar eine schlechte Idee seien. Aktuell übernimmt diese Rolle die Kassenärztliche Bundesvereinigung in Deutschland. Dort wird die Forderung nach raschen Facharztterminen als “Bullshit” abgetan, es müsse schließlich nach medizinischer Dringlichkeit gehen.
Nur: Wie diese Dringlichkeit ohne Arztkontakt seriös eingeschätzt werden soll, bleibt offen. Stattdessen wird Patient:innen lapidar ausgerichtet, dass sie wohl noch Wochen warten können, wenn die Beschwerden schon länger bestehen. Diese Ferndiagnose ohne Kontakt zeigt ein grundlegendes Missverhältnis: Gute medizinische Versorgung wird als Luxus behandelt, nicht als Recht.
Das könnte dir auch interessieren
Die kassenärztlichen Vertretungen agieren dabei bisweilen wie wohlwollende Feudalherren, die Audienzen gewähren. Medizinisch ist das fragwürdig. Aber das Problem geht weit darüber hinaus. Wer Schmerzen hat und nicht behandelt wird, kann auch keine Höchstleistung erbringen. Es entsteht ein volkswirtschaftlicher Schaden, spätestens dann, wenn Menschen zu Recht in den Krankenstand gehen. Noch gravierender ist jedoch etwas anderes: Wenn das Vertrauen ins Gesundheitssystem erodiert, leidet das Vertrauen in das demokratische Zusammenleben insgesamt.
Schnelle Arzttermine: Schlechte Versorgung führt zu politischem Frust
Das Solidarprinzip bedeutet, dass man sich auf die Gemeinschaft verlassen kann, wenn man sie braucht. Krankheit ist genau so ein Moment. Wer dann im Stich gelassen wird oder sich mühsam durch ein System kämpfen muss, verliert dieses Vertrauen. Und wo Vertrauen schwindet, beginnen Verteilungskämpfe.
Wer es sich leisten kann, weicht auf private Angebote aus. Der große Rest bleibt zurück und das sind überdurchschnittlich oft Menschen mit geringeren Einkommen, die ohnehin häufiger krank sind.
Gleichzeitig ist der Mangel ungleich verteilt: Besonders betroffen sind Gynäkologie, Kinderheilkunde und die Jugendpsychiatrie. Es trifft also jene, die ohnehin weniger Lobby haben – und die früh lernen, dass auf sie nicht ausreichend geschaut wird. Der Mangel an Fachärzten und Fachärztinnen ist zudem nicht gleichmäßig, am häufigsten betrifft es Gynäkolog:innen und jede Form von Kinderärzten und - ärztinnen, insbesondere die Jugendpsychiatrie. Das sind dann die Leute, die abgehängt werden und schon von klein auf lernen, dass auf sie leider nicht geschaut wird.
Das ist individuell dramatisch und politisch brandgefährlich. Denn das Gesundheitssystem ist kein Akt der Wohltätigkeit. Es ist eine Versicherungsleistung, finanziert durch Beiträge. Ein funktionierendes System mit zeitnahen Terminen ist kein Bonus, sondern ein Anspruch.
Wo Selbstverständlichkeiten wie Gesundheitsversorgung funktionieren, stabilisiert das die Demokratie. Wo Menschen sich ausgeschlossen und zurückgelassen fühlen, wächst der Frust und mit ihm die Bereitschaft, radikale Parteien zu wählen. Rechtsextreme profitieren nicht aus dem Nichts, sondern aus dem Versagen anderer.
Es ist ein Dienst an der Demokratie, wenn der Alltag der Mehrheit nicht frustbeladen ist, sondern einfach funktioniert. Feudalherrenanwandlungen im Gesundheitssystem hingegen sind Wasser auf die Mühlen jener, die unsere Demokratie beschädigen wollen.
Das könnte dir auch gefallen
- Die ÖVP nutzt die Kriminalitätsstatistik wieder für Hetze – und Medien machen mit
- Ein letztes Schaulaufen für Orbán: Die extreme Rechte versucht, ihr schwächelndes Vorbild zu retten
- Warum die Grünen in Großbritannien plötzlich so erfolgreich sind
- Faktencheck: Mehr Abschiebungen als Asylanträge? Ein Schummelminister gepackt von der Abschiebelust
- Nicht nur Benzin-Preis steigt: Wenn Öl teurer wird, zahlen alle
- Wöginger-Prozess: Die Verteidigung und der ganz normale Sexismus in Österreich
- Warum auch Frauen immer öfter extrem rechts wählen: Ihr Frust steigt
- Erbschaftssteuer: Wie die Besitzenden die Mitte als Schutzschild benutzen