Eine Frau mit Schutzmaske
SystermerhalterInnen wurde eine Corona-Zulage versprochen. Doch diese ist an Bedingungen geknüpft, die viele nicht erreichen werden. Credit: Pexels/Polina Tankilevitch
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/ 15. Juni 2020

In der Corona-Krise wurde ihre plötzlich als “systemrelevant” erkannte Arbeit beklatscht: Wer während der Corona-Krise wie Pflegekräfte oder PädagogInnen in direktem Kontakt mit Menschen gearbeitet hat, soll nun einen Corona-Bonus erhalten. Doch viele werden, wenn überhaupt, nur einen kleinen Teil des Geldes sehen.



Anita B. (Name von der Redaktion geändert) ist Freizeitpädagogin und hat während der Corona-Krise Kinder in einer Wiener Volksschule betreut - doch den versprochenen Corona-Bonus wird sie zumindest nicht in voller Höhe bekommen. Per Mail wurde sie von ihrem Betriebsrat informiert, dass nur diejenigen die volle Zulage ausbezahlt bekommen, die in der Zeit von 16. März bis 30. Juni mehr als 220 Stunden unmittelbaren persönlichen und physischen Kontakt zu Kindern, Kunden, KlientInnen oder PatientInnen hatten. Aber immerhin sei man gerade bemüht, innerbetrieblich eine bessere Lösung anzustreben.

 

Corona-Bonus: Erhöhtes Risiko kann nicht an Stunden gemessen werden

“Ich und meine KollegInnen werden nicht auf diese 220 Stunden kommen, denn viele von uns waren in Kurzarbeit, oder wurden nicht gebraucht, weil oft keine Kinder zu betreuen waren,” so die Freizeitpädagogin. Sie hätte sich trotzdem den vollen Bonus erwartet: “Wir hatten zum Beispiel an einem Tag nur zwei Kinder zu betreuen. Doch deren Eltern arbeiteten im Krankenhaus und damit war das Risiko hoch, dass wir uns infizieren.” Schließlich wurde in Italien das Coronavirus vor allem von Krankenhauspersonal übertragen. Die PädagogInnen hatten sehr wohl Bedenken um ihre eigene Gesundheit - haben jedoch trotzdem ihren Dienst getan.

 

Bei Corona-Zulage noch vieles unklar

Ob und wie viel Geld Anita B. nun bekommt, ist noch völlig unklar. Die Details der Corona-Zulage werden gerade ausverhandelt. Selma Schacht, Arbeiterkammerrätin und Betriebsrätin der Bildung im Mittelpunkt GmbH, wünscht sich eine Pauschal-Lösung: “Denn sonst müsste in jedem einzelnen Fall bewiesen werden, dass tatsächlich 220 Stunden gearbeitet wurden und das ist ein irrsinniger bürokratischer Aufwand und teilweise unmöglich.” Im Zweifelsfall müsste dann mit den Arbeitgebern um jede Stunde gefeilscht und gestritten werden. Wie viel von dem Bonus noch übrig bleibt, wenn die 220 Stunden nicht erreicht worden sind, ist ebenfalls noch nicht ausverhandelt.

 

Nicht das erste Mal enttäuscht

Im Februar, kurz vor der Corona-Krise hatten die Pflegekräfte für bessere Arbeitsbedingungen gestreikt. Die wichtigste Forderung: Sie wollten eine Arbeitszeitreaktion von 38 auf 35 Stunden, bei vollem Gehalt. Doch dann die Enttäuschung: Es wurde die Arbeitszeit nur auf 37 Stunden reduziert - und diese Verkürzung tritt erst 2022 in Kraft. Am Verhandlungstisch damals saß auch Selma Schacht, die dieses Ergebnis ablehnte. Doch sie wurde überstimmt. Sie bezeichnet das Ergebnis in ihrem Blog als “Farce” und gibt zu verstehen, dass der HeldInnen-Ruhm ungenutzt blieb und sogar die Chance auf einen Ein-Jahres-Abschluss als Zwischenlösung verspielt wurde: “Dann hätte man bald weiterkämpfen können und nicht einen Abschluss vorgelegt, der auf Jahre hinweg vom Tisch fegt, was die Belegschaften in den Betrieben gemeinsam Stück für Stück aufgebaut haben.”

 

Am Ende wird nur Klatschen übrig bleiben

Das Ergebnis der Verhandlungen wurde medial zwar als Erfolg verkauft, die Betroffenen waren jedoch schwer enttäuscht. Ein Altenpfleger erzählte MOMENT, dass er sich von der Gewerkschaft im Stich gelassen fühlt und wie sehr sich sein Arbeitsalltag in der Corona-Krise erschwert hat, da sich etwa bei Demenz-PatientInnen die Symptome in der Zeit drastisch verschlechtert haben. Er meinte damals sogar, dass er den Corona-Bonus von 500 Euro sogar monatlich für die Dauer der Corona-Krise als angemessen erachten würde. 

Und nun sollen viele der so beklatschten SystemerhalterInnen nicht einmal den gesamten Bonus erhalten. 

Das ist ein Schlag ins Gesicht für diese rund eine Million Menschen, die das Land in dieser Krise am Laufen gehalten haben. Und wie eine aktuelle Untersuchung der Arbeiterkammer ergab, verdienen diese Menschen, bei denen Frauen den größten Anteil stellen, tatsächlich im Vergleich zu anderen Berufsgruppen sehr wenig. Und das bei mitunter sehr belastenden Tätigkeiten, die oft zu ungünstigen Arbeitszeiten ausgeführt werden.

Auch Freizeitpädagogin Anita B. ist von der Gewerkschaft enttäuscht und zornig: “Da wurden wir schon in den Kollektivvertrags-Verhandlungen mit einem lächerlichen Ergebnis abgespeist und nun müssen wir auch noch um einen Bonus kämpfen, der uns wirklich allen mehr als zustünde.”

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