Älteres Paar an See
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/ 10. August 2020

42 Prozent: So viel weniger Pension als Männer bekommen Frauen in Österreich. Das muss sich ändern. Mit dem automatischen Pensionssplitting soll der „Gender pension gap“ kleiner werden. Für Frauen ist es ein zweischneidiges Schwert: Das Splitting macht sie abhängiger von einem gutverdienenden Partner. Und es zementiert für Mütter die Teilzeitfalle.


Wenn Frauen in Österreich ihren Pensionsbescheid erhalten, haben sie oft wenig zu erwarten. Im Durchschnitt um 825 Euro monatlich fallen ihre Pensionen geringer aus als die der Männer. Das sind satte 42 Prozent, die Pensionistinnen weniger erhalten als Pensionisten.

Der Hauptgrund dafür: Frauen leisten den überwiegenden Teil der Erziehungsarbeit. Sie kümmern sich nicht nur kurz nach der Geburt ihrer Kinder um sie, sondern vielfach jahrelang. Sind die Kinder größer, arbeiten Frauen oft nur noch Teilzeit: Fast die Hälfte aller Frauen im Alter von 25 bis 49 Jahren sind teilzeitbeschäftigt. Unter den Müttern mit Kindern unter 15 Jahren unter ihnen sind es sogar drei Viertel. Das Momentum Institut zeigt hier: Im EU-Vergleich arbeiten nur in zwei Ländern noch weniger Mütter mit Kindern unter 6 Jahren in Vollzeit.

Nicht immer ist das ganz freiwillig. Oft ist es vielmehr so: Frauen stecken beruflich zurück, damit der Mann weiter in Vollzeit arbeiten und an seiner Karriere basteln kann. Da Kindererziehung, wie auch Zeiten in denen Angehörige gepflegt werden, keine bezahlte Arbeit ist, wird sie nicht zur Lebensarbeitszeit angerechnet. Das soll mit dem sogenannten Pensionssplitting zumindest ein wenig ausgeglichen werden.

Die Idee: Während ein Elternteil sich hauptsächlich um die Kinder kümmert, arbeitet der andere weiter. Dafür kann er oder sie – nicht zu vergessen: auch Männer können zugunsten ihrer Frauen in Teilzeit gehen – die in dieser Zeit erworbenen Pensionsansprüche mit bis zu 50 Prozent an das andere Elternteil übertragen. Es ist eine kleine Belohnung für das berufliche Opfer, das ein Elternteil leistet.

Das automatische Pensionssplitting soll rasch eingeführt werden.
Familienministerin Susanne Raab (ÖVP)

Die schwarz-grüne Koalitionsregierung hat sich ins Regierungsprogramm geschrieben, das automatische Pensionssplittung einzuführen. Anlässlich des „Equal Pension Day“ am Donnerstag vorvergangener Woche – das ist der Tag, an dem Männer in diesem Jahr bereits so viel Pension ausbezahlt bekommen haben, wie Frauen bis Jahresende bekommen werden – betonte Familienministerin Susanne Raab (ÖVP): Das automatische Pensionssplitting solle rasch eingeführt werden.

Pensionssplitting? Bisher kein Renner

Trotz dieser Ansage hat die Regierung bisher noch keinen konkreten Vorschlag dafür vorgelegt. So ist fraglich, was passiert, wenn eine Kinder mit mehreren PartnerInnen aufzieht? Wie werden dann Pensionsansprüche aufgeteilt? Wir soll die Möglichkeit zum "Opt-Out" geregelt werden? Damit kann man zeitlich befristet komplett aus dem automatischen Pensionssplittung aussteigen.

Wer jetzt bemerkt, „Moment mal! Pensionssplitting, gibt’s das nicht schon?“ hat recht. Seit 2005 können Paare das Splitting wählen – allerdings nur freiwillig. Die Begeisterung darüber hält sich in Grenzen: Nur knapp 1.300 Paare konnten sich dafür bisher erwärmen. Interessanterweise sind es zu einem Drittel Väter, deren Pension auf diese Weise erhöht wird. Und das, obwohl nur ein Bruchteil von ihnen beispielsweise in Karenz gehen.

Ich befürchte, dass man damit Anreize setzt, die rollenverfestigend wirken.
Meri Disoski, Frauensprecherin der Grünen

Sozialminister Rudolf Anschober (Grüne) legte sich ebenfalls fest: Haben Paare gemeinsame Kinder, soll es automatisches Pensionssplitting geben. Ansonsten fremdeln die Grünen noch ein wenig mit der Idee: Das automatische Splitting könne „in einer Übergangsphase“ helfen, Altersarmut einzuschränken, sagte die grüne Nationalratsabgeordnete und Frauensprecherin Meri Disoski. Aber: Sie befürchte, „dass man damit Anreize setzt, die rollenverfestigend wirken“.

Mehr Pension für Frauen. Was kann daran falsch sein?

Auch die ÖGB-Frauen kritisieren jetzt das Modell: „Das Pensionssplitting birgt viele Gefahren“, heißt es in einer Analyse. Auf den ersten Blick ist verwunderlich, dass ausgerechnet Organisationen und Politikerinnen, die für Frauenrechte und Gleichstellung eintreten, Kritik üben. Schließlich erhöht das Splitting die Pensionen von Frauen und soll sie vor Altersarmut schützen. Was kann daran falsch sein?

Eine Menge, kritisieren ExpertInnen: Vor allem, wenn man schaut, was das Pensionssplitting für Frauen bedeutet, die jetzt arbeiten und Kinder bekommen. Frauen würden „bei einem automatischen Pensionssplitting eher motiviert, ihre Erwerbstätigkeit zu reduzieren als zu erhöhen“, so die ÖGB-Pensionsexpertin Dinah Djalinous-Glatz. „Die finanzielle Absicherung hängt vom Einkommen des Partners oder der Partnerin ab.“

Gefahr, dass beide Partner im Alter von Armut betroffen sind
Dinah Djalinous-Glatz, Pensionsexpertin ÖGB

Statt in höherem Maße gleichgestellt, würden Erziehungsarbeit leistende Elternteile also erneut abhängig vom anderen. Und der oder die andere sollte möglichst gut verdienen. Denn durch das Pensionssplitting erhalten beide in Summe nicht mehr Pension ausbezahlt, sondern ein Elternteil weniger und nur das andere etwas mehr. Djalinous-Glatz sieht „die Gefahr, dass beide Partner im Alter von Armut betroffen sind“.

Ein weiterer Fallstrick: Liegt die Pension einer Person zudem trotz Splitting noch unter dem Ausgleichszulagenrichtsatz von derzeit 966,65 Euro brutto, hat sie nichts gewonnen. Dafür ist aber die Pension des Partners oder der Partnerin trotzdem geringer, wie Ursula Janesch vom Referat Sozialrecht und -politik der Arbeiterkammer Niederösterreich angemerkt hat.

Pensionssplitting verfestigt Rollenmuster

Im Endeffekt hieße das Pensionssplitting: Wir versuchen die Folgen der unterschiedlich hohen Einkommen von Männern und Frauen, also die niedrigeren Pensionen für Frauen, ein wenig abzufedern.

Doch wir vergessen auf die Ursachen dafür: Mütter, die nicht aus der Teilzeitfalle herauskommen, fehlende Betreuungsangebote, damit beide Elternteile Vollzeit arbeiten können, die vorherrschende Erwartung, dass die Mütter gefälligst die Kinder zu erziehen haben, die vielen Stunden, die Frauen unbezahlt Care-Arbeit leisten und dass Männern unabhängig davon schlicht noch immer mehr Gehalt gezahlt wird.

Grafik Teilzeitanteil von Müttern und Vätern, Momentum Institut

Das Pensionssplitting doktert an den Symptomen herum und zementiert damit gleichzeitig die Ungleichheiten, die diese verursacht haben. Zahlen aus Deutschland zeigen: Im Jahr 2009 wurde dort das Pensionssplitting eingeführt. Heute arbeiten dort 48 Prozent aller Frauen in Teilzeit, genauso viele wie in Österreich. Von den Müttern mit Kindern unter 6 Jahren arbeiten nur 22 Prozent in Vollzeit. Das ist ein noch geringerer Anteil als hierzulande.

Machen wir damit nicht einen Rückschritt in vorige Jahrhunderte?
Ursula Janesch, Referat Sozialrecht Arbeiterkammer NÖ

Nicht zuletzt hieße Pensionssplitting auch: Die Erziehungsarbeit unterschiedlicher Personen wird unterschiedlich hoch honoriert. Wer zufällig ein gutverdienendes Elternteil an der Seite hat, bekommt mehr Geld dafür als jemand, der dieses „Glück“ nicht hat. „Die Wahl des Partners wird unter diesem Aspekt wichtiger denn je“, kritisiert Janesch. „Machen wir damit nicht einen Rückschritt in vorige Jahrhunderte?“ fragt sie.

Auch deshalb fordern unter anderem die ÖGB-Frauen, Erziehungszeiten unabhängig vom Einkommen des anderen Elternteils höher und vor allem für alle Personen gleich hoch auf die Pension anzurechnen. Denn leicht zynisch formuliert bedeutet das automatische Pensionssplitting: Frauen werden dazu gedrängt, bei der Wahl ihres Partners dessen Lohnzettel im Auge zu behalten.

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