Eine Mutter, ein Vater und 2 Kinder sitzen mit dem Rücken zur Kamera.

Vater, Mutter und 2 Kinder: Das Bild der idyllischen Kernfamilie überdeckt ihre Probleme

/ 30. März 2022

Vater, Mutter und 2 oder 3 Kinder: So sieht die ideale Familie aus. Wer anders leben möchte, darf das zwar - so ganz richtig ist das dann aber nicht. Denn die Kernfamilie hat immer schon das soziale Grundgerüst gebildet, auf dem sich unsere Welt aufbaut. Und das wird auch immer so bleiben.

Das hörst du vielleicht manchmal so, es stimmt aber natürlich nicht. Denn die Kleinfamilie ist ein relativ junges Phänomen. Und sie bringt bei weitem nicht nur Vorteile mit sich. Wir liefern dir drei Argumente, warum die Kernfamilie nicht das Fundament unserer Gesellschaft bildet und es nötig ist, andere Modelle zuzulassen und zu finden:

 

#1 Die Kernfamilie verstärkt soziale Ungleichheit

Früher lebten die Menschen wesentlich häufiger in größeren Gemeinschaften zusammen. Drei oder vier Generationen einer Familie in einem Haus war die Regel, nicht die Ausnahme. Das hatte den Vorteil, dass soziale Aufgaben von der Gemeinschaft übernommen werden konnten, für die andere keine Zeit hatten. Ob das die Pflege von Familienmitgliedern, die Aufsicht von Kindern oder auch Nachhilfe geben war: In größeren Verbänden mussten kaum zusätzliche Ressourcen dafür ausgegeben werden.

Doch diese sozialen Netzwerke sind immer mehr weggefallen. Heute müssen solche Aufgaben sehr oft ausgelagert werden. Besonders ärmere Menschen können sich das aber selten leisten. Sie müssen das häufig selbst übernehmen, was wiederum zu zusätzlichen Belastungen führt - ein Kreislauf, der zu höherer Armutsbelastung führt.

Natürlich hatte der Wechsel von Großfamilien oder anderen gemeinschaftlichen Lebensformen zu Kleinfamilien auch Vorteile. Mehr Ruhe, Individualität und Entfaltungsmöglichkeiten etwa. Allerdings gilt das immer mehr nur für Menschen, die das soziale Netzwerk von früher durch bezahlte Leistungen ersetzen können.

#2 Die Kernfamilie ist nicht die Norm

Die Kleinfamilie aus Vater, Mutter und mindestens einem Kind ist längst nicht mehr die typische Form des Zusammenlebens. Singlehaushalte machen mit mehr als einem Drittel den größten Teil der österreichischen Haushalte aus. Nur etwa 30 Prozent der Haushalte sind Paare mit Kindern. Die Haushaltsgrößen sind in den letzten Jahren beständig geschrumpft, mittlerweile liegt sie bei 2,19 Personen.

Doch die Kernfamilie ist gerade für konservative Politik das gesellschaftliche Ideal geblieben. Und das färbt auf den gesellschaftlichen Umgang ab: Wer ab einem gewissen Alter keine Kinder hat oder noch nicht verheiratet ist, muss sich regelmäßig Fragen dazu gefallen lassen. Andere Formen des Zusammenlebens wie gleichgeschlechtliche Partnerschaften und freundschaftliche Lebensgemeinschaften oder auch ein Leben als Single werden zwar heute meist einigermaßen akzeptiert. Aber weder die Gesellschaft noch die Politik behandelt diese als wirklich gleichwertig und widmet ihnen dieselbe Aufmerksamkeit und Unterstützung.

#3 Die Kernfamilie ist kein Naturgesetz

In der Mitte des 20. Jahrhunderts hat sich die Kleinfamilie als die damals “ideale” Form des Zusammenlebens etabliert. Die Voraussetzung dafür war aber auch ein stereotypisches Geschlechterbild: Während Männer das Geld verdienten, kümmerten sich Frauen um den Haushalt und um die Kinder. In Zeiten des Wirtschaftswunders in den 1960er-Jahren und der Vollbeschäftigung in den 1970er-Jahren funktionierte das im Großen und Ganzen zumindest ökonomisch. Doch die wirtschaftliche Grundlage dieses Modells wurde in den letzten Jahrzehnten immer schwächer.

Historisch betrachtet ist das Konzept der Kernfamilie sehr jung. Für die meiste Zeit der menschlichen Geschichte lebten Menschen in größeren Netzwerken zusammen. Das Auflösen dieser Strukturen hat uns zwar viel Freiheiten gebracht. Aber es hat uns viel an Stabilität und Unterstützung gekostet.

Wir müssen nicht und werden wohl auch kaum in eine Zeit zurückkehren, in der mehrere Generationen einer Familie unter einem Dach leben. Aber wir können neue Formen des Zusammenlebens finden: Durch einen Familienbegriff, der sich nicht nur biologisch definiert. Durch staatliche Leistungen, die gewisse Funktionen erfüllen. Oder auch durch Wohnprojekte, die ein gemeinschaftlicheres Leben ermöglichen und gleichzeitig Rückzugsorte bieten. Dafür benötigt es gesellschaftliche Akzeptanz und politischen Willen - und das Wissen, dass auch das, was wir für naturgegeben halten, oft doch politisch geformt ist.

 

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