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Arbeitswelt

Was Karl Nehammer eigentlich sagt, wenn er „Work“ und „Life“ gegeneinander ausspielt

Was Karl Nehammer eigentlich sagt, wenn er „Work“ und „Life“ gegeneinander ausspielt
Karl Nehammer während seiner "Rede zur Zukunft der Nation" Screenshot: ORF TVThek
Bundeskanzler Karl Nehammer hat in seiner Rede zur Zukunft der Nation viel und oft kleinteiliges gesagt. Ein Satz sticht dabei besonders hervor. "Es kann nicht sein, dass die einen nur mehr Work und die anderen nur noch Life haben". Es ist ein Offenbarungseid.

Nehammer spielt auf die Work-Life-Balance an. Das ist die Idee, dass es einen Ausgleich zwischen Lohnarbeit und Privatleben geben muss. Damit spielt der Bundeskanzler auf zwei Dinge an. Einerseits auf die aktuelle Debatte um Teilzeit. Andererseits auch auf Menschen, die gerade nicht in Lohnarbeit sind, also Arbeitslose. 

Mit seinem Wording unterstellt er diesen Gruppen, dass sie quasi Lifestyle-Entscheidungen getroffen haben. Der unverhohlene Schluss ist, dass Menschen gerne arbeitslos sind oder Teilzeit arbeiten, weil es eine individuelle Entscheidung aus Bequemlichkeit ist. 

Mit diesem Lifestyle-Frame gibt es zwei Probleme.

Erstens wird individualisiert

Arbeitslosigkeit oder Teilzeitarbeit werden zur individuellen Befindlichkeits-Entscheidung. Damit werden strukturelle Ursachen unsichtbar. So übernimmt Nehammer das bekannte Narrativ, dass Arbeitslose ja nur zu faul sind, um richtige Arbeit zu leisten. Oder, dass Teilzeitarbeitende nicht tough genug sind, um Vollzeit zu arbeiten. 

Es ist eine moralische Abwertung. Für den Klassenkampf von oben sind diese moralischen Abwertungen sehr wichtig. Wenn man Arbeitslose oder Arme (und offenbar auch Teilzeitarbeitende) als moralisch verkommen darstellt, dann legitimiert sich dadurch eine Kürzung von Sozialleistungen. Auch wenn es sich im Fall des Arbeitslosengeldes um eine Versicherungsleistung handelt. 

Mit diesem Moralismus muss man nicht strukturelle Ursachen (Arbeitsbedingungen, Lohn, Qualifikation und Ausbildung, Vermittlung von z.B. Älteren) ändern und verbessern. Stattdessen kann man die “moralisch verkommenen” Arbeitslosen, Teilzeitarbeitenden individuell zwingen und sanktionieren.

Zweitens ist spannend, was zählt

Was zählt in diesem Bild als „Work“ – und was nicht? Und wir wird dieses „Life“ dargestellt, das angeblich den Leuten mit „Work“ auf der Tasche liegt. 

Das Wort “Teilzeitarbeit” beschönigt oft den Zustand, einen Teil Lohnarbeit und ganz viel unbezahlte Arbeit verrichten zu müssen. Teilzeitarbeit ist überwiegend weiblich. Frauen arbeiten aber nicht weniger, sie arbeiten nur weniger bezahlte Arbeit. Die Gründe für Teilzeitarbeit sind Kinderbetreuung, die Pflege von Angehörigen und weil die Besorgung des Haushalts noch immer zum großen Teil als Frauenarbeit angesehen wird. Frauen arbeiten also mehr. Nehammer verbucht diese unbezahlte Arbeit aber arrogant als „Life“ und nicht als „Work“.

Gegen Arbeitslosigkeit ist man wiederum versichert und es gibt oft handfeste strukturelle Probleme (auch Krankheiten zählen dazu), warum man nicht sofort wieder in Lohnarbeit kommt.

Das Bild von den fröhlich faulenzenden Arbeitslosen oder Teilzeitarbeitenden könnte nicht falscher sein.  

Karl Nehammer und der ÖVP-Klassenkampf von oben

Das Ziel dieser Abwertungen ist klar. Sie soll eine Grundlage dafür zu schaffen, Sozial- und Versicherungsleistungen kürzen zu können. In Bezug auf Migrant:innen ist Integrationsministerin Raab schon vorgeprescht. Man sieht hier wieder sehr gut die Kombination aus Kultur- und Klassenkampf. Die unten stehen sind faul und verkommen und die Ausländer liegen uns nur auf der Tasche. 

Das Resultat dieses Klassenkampfes von oben ist immer dasselbe: Umverteilung von unten nach oben. Dazu passt auch der Satz, dass es ja einen Unterschied zwischen Sozialleistungen und Arbeitseinkommen geben muss. Dass es ein Hohn ist, dass sich Arbeitgeber überhaupt trauen Jobs auszuschreiben, die nicht nennenswert mehr als Sozialleistungen einbringen, darüber wird nicht geredet. Denn da liegt das Problem, nicht individuell bei Arbeitnehmer:innen.

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