Warum wir weniger Fleisch essen müssen, die Politik aber nicht handelt
/ 26. August 2022

Wir müssen weniger Fleisch essen. Um gegen die Klimakrise anzukommen, sollten besonders reiche Länder ihren Konsum stark einschränken. Dafür muss die Politik die Rahmenbedingungen schaffen. Doch ihr fehlt vor allem in Österreich der Mut dazu.

Was würde passieren, wenn wir uns plötzlich alle nur pflanzlich ernähren? Abseits aller logistischen Probleme würde es vor allem das Klima entlasten: Die Menschheit würde um 15% weniger Treibhausgasemissionen verursachen. Es würden viel weniger Regenwälder gerodet. Plötzlich wären riesige Landflächen frei - wer Fleisch isst, verbraucht durch sein Essen dreimal so viel Platz wie Menschen, die sich vegan ernähren. Denn Viehzucht ist nicht nur klimaschädlich, sondern auch sehr ineffizient:
 

Die Menschheit nur durch pflanzliche Nahrung zu ernähren, würde viel Platz schaffen. Eine Fläche in der Größe Chinas würde nicht mehr landwirtschaftlich genutzt und große Mengen an Treibhausgasen nicht mehr ausgestoßen. Die frei gewordene Fläche könnte aufgeforstet oder der Natur überlassen werden und so aktiv zur Verringerung von CO2 in der Atmosphäre beitragen.

Das Gedankenspiel ist unrealistisch. Es blendet auch aus, dass viele Menschen auf dieser Welt ohne Viehzucht nicht überleben könnten. Zudem übernehmen Nutztiere auch noch weitere Funktionen. So schützen etwa Kühe die Almlandschaften vor der Überwaldung. Und ganz davon abgesehen würde ein komplettes Fleischverbot - seien wir uns ehrlich - in Österreich Proteste nach sich ziehen, die das Land noch nicht erlebt hat.

“Weniger Fleisch essen” bedeutet nicht “Kein Fleisch essen”

Wir müssen natürlich nicht alle zu Vegetarier:innen oder Veganer:innen werden. Aber weniger Fleisch zu essen, das sollten wir schaffen. Die einfache Wahrheit lautet nämlich: Wenn wir unseren Fleischkonsum nicht verringern, können wir unsere Klimaziele nicht erreichen. Selbst wenn wir sofort alle fossilen Brennstoffe verbieten, könnten wir die Erderhitzung nicht unter 1,5° Celsius beschränken. Sogar 2° Celsius werden schwierig. Und die Folgen davon würden dramatisch sein.

Für diese lebensrettenden Ziele ist der weltweite Ernährungssektor zu klimaschädlich. Er ist gemeinsam mit der Forstwirtschaft laut Weltklimarat(PDF) für ein Viertel aller vom Menschen verursachten Emissionen verantwortlich - mehr als etwa der globale Transportbereich. Und der größte Teil davon stammt aus der Viehzucht.
 

Aber muss es denn gleich weniger Fleisch sein -  oder können wir unseren CO2-Ausstoß auch verringern, indem wir auf regionale Produkte zurückgreifen oder mehr Bio-Fleisch essen? Betrachtet man ausschließlich die Emissionen, kann man diese Frage eindeutig mit “Nein” beantworten.

Weniger Fleisch ist immer besser

Bio-Fleisch, speziell Rind- und Schaffleisch, verursacht teilweise sogar mehr Treibhausgase als konventionelles Fleisch. Das liegt einerseits daran, dass die Tiere durch die Weidehaltung wesentlich mehr Land brauchen. Dadurch bleibt weniger Platz für natürliche Ökosysteme. Die Biodiversität sinkt und das Land nimmt kein CO2 mehr auf, sondern produziert es. Auch wenn dort weniger Tiere gehalten werden, brauchen die länger, bis sie geschlachtet werden können. Und haben so mehr Zeit, um Treibhausgase auszustoßen.

Aber dann sparen wir doch CO2, indem wir mehr Fleisch aus Österreich kaufen und dafür weniger aus Südamerika? Auch das ändert nicht viel an den Emissionen. Transportwege haben nur einen enorm kleinen Anteil an den Treibhausgasen der Fleischproduktion. Man kann seinen CO2-Fußabdruck vielleicht reduzieren, wenn man bei nachhaltigen Kleinproduzent:innen einkauft. Doch auch das verursacht mehr CO2, als pflanzliche Produkte zu essen - und leisten können sich das die wenigsten.

Es gibt gute Gründe für regionale und biologische Viehzucht. Aber das Klima ist keines davon. Ganz egal, ob es bio, regional oder aus konventionelle Massentierhaltung ist: Es führt kein Weg daran vorbei, dass wir weniger Fleisch essen müssen. 

Zahlen, bitte!

Darüber, wie viel weniger es sein soll, gibt es unterschiedliche Einschätzungen. Die meisten Vorschläge fordern eine Halbierung des Fleischkonsums. Eine Studie der Universität Bonn(PDF) geht noch weiter: Demnach dürften wir pro Jahr maximal 20 kg Fleisch essen, wenn wir die Klimaziele erreichen und die Weltbevölkerung ernähren wollen. Für Österreicher:innen würde das bedeuten, ein Drittel so viel Fleisch oder Wurst zu essen wie bisher.

Grundsätzlich sind wir auch bereit dazu - zumindest, wenn man Umfragen glauben kann. Österreicher:innen sprechen sich darin dafür aus, ihren Fleischkonsum einzuschränken. Je nach Umfrage finden es etwa zwischen sechs und acht von zehn Befragten wichtig, dass Menschen ihren Fleischkonsum einschränken sollten. Auch Massentierhaltung finden die meisten schlecht, manchmal haben sie sogar ein schlechtes Gewissen beim Fleisch essen.

Wir sehen unseren Fleischkonsum also durchaus kritisch. Doch handeln tun die meisten von uns nicht danach. In Österreich ist der Fleischkonsum seit Jahrzehnten auf sehr hohem Niveau, wir sind eines der Länder mit der höchsten pro-Kopf-Rate weltweit. Erst in den vergangenen Jahren drehte sich der Trend und es gab einen sehr leichten Rückgang. Doch der verläuft viel zu langsam. So richtig viel verändert sich nicht beim Fleischkonsum - dazu braucht es politische Maßnahmen. Denn von nichts kommt nichts.

Weniger Fleisch essen ist eine Frage der Politik

Österreich ist damit nicht alleine. In fast allen westlichen Ländern blieb die Menge an Fleisch, die Menschen konsumieren, in den letzten Jahren auf hohem Niveau. Doch es gibt Ausreißer wie Deutschland. Dort ging der Fleischkonsum in den letzten zehn Jahren um über 12 Prozent zurück. 

Auch bei anderen Werten werden Unterschiede deutlich: In Deutschland ist der Anteil der Menschen, die täglich Fleisch essen, innerhalb von fünf Jahren um neun Prozentpunkte zurückgegangen. Nur mehr eine von vier Personen hat sich dazu bekannt. In Österreich ist es eine von drei - und der Wert hat in den letzten Jahren sogar noch zugenommen. Auch der Anteil der Veganer:innen ist doppelt so hoch wie in Österreich. Macht Deutschland also etwas anders?

Tatsächlich gibt es auch dort noch keine großen politischen Maßnahmen zur Reduktion von Fleischkonsum. Aber in Deutschland findet ein Umdenken statt. Die Gütesiegel für Fleisch werden strenger, der Markt für Fleischersatz wächst wesentlich stärker als bei uns. Der Lebensmittelhersteller Rügenwalder Mühle, bekannt durch seine Teewurst, hat 2021 bereits mehr Fleischersatzprodukte als Fleisch verkauft.

Das Bewusstsein scheint in Deutschland größer zu sein, dass Fleisch schädlich für das Klima ist. Das kann man vielleicht sogar beim Programm der “Fridays For Future”-Bewegung ablesen. In Deutschland fordert sie eine Halbierung des Fleischkonsums bis 2035. Der österreichische Teil der Bewegung erwähnt nichts davon bei ihren Forderungen.

Der größte Unterschied zu Österreich ist aber, dass das Bewusstsein in Deutschland auch in der Politik angekommen ist. Bis 2023 wird die deutsche Regierung ihre neue Ernährungsstrategie ausarbeiten. Schon jetzt ist bekannt, was der zentrale Punkt darin sein wird: Die Menschen vom Fleisch wegzubringen. Und Minister:innen fordern auch in der Öffentlichkeit wiederholt, dass die Deutschen weniger Fleisch essen sollten.

Weniger Fleisch essen? Ja, aber...

In Österreich wird der Fleischkonsum von der Politik ungern offen diskutiert. MOMENT.at hat beim Landwirtschafts-, Gesundheits- und Klimaministerium nachgefragt, wie man es denn mit dem Fleisch hält. 

Aus dem Landwirtschaftsministerium heißt es dazu: “Es ist die Entscheidung der Konsumentinnen und Konsumenten, was sie essen!” Fleisch gehöre zu einer ausgewogenen Ernährung und der Trend gehe ohnehin zurück. Dazu wurde ein Appell ausgeschickt, regional zu kaufen - weil man so die Umwelt schützen könne. Das ist aber, wie oben zu lesen, wenig wirksam.

Das Gesundheitsministerium äußert auf Nachfrage zumindest klar, dass wir zu viel Fleisch essen. Ziel sei es, “den Fleischkonsum in Österreich an die aktuellen Ernährungsempfehlungen anzunähern und damit zu senken.” Doch wirkliche Maßnahmen gibt es kaum. Das Ministerium stelle Informationen über gesunde Ernährung zur Verfügung und habe Empfehlungen für die Gemeinschaftsverpflegung - etwa in Kindergärten und Pflegeeinrichtungen - ausgearbeitet. 

Umweltministerin Leonore Gewessler (Grüne) hat eine klare Meinung zu Fleisch. “Beim Fleischkonsum ist weniger mehr”, schreibt sie auf Twitter. Der Schönheitsfehler daran: Als sie das geschrieben hat, war sie noch Pressesprecherin der Umweltschutzorganisation Global 2000. Seit sie als Ministerin tätig ist, hat sie sich nicht mehr dazu geäußert. Gegenüber MOMENT.at hat sich das Ministerium bis Redaktionsschluss nicht zu den Fragen geäußert.

Nicht nur die Politik ist zurückhaltend

Das ist durchaus symptomatisch. Klare Aussagen von der Politik finden sich kaum, man hält sich lieber zurück. Denn den Österreicher:innen zu sagen, dass sie weniger Fleisch essen sollen, ist nicht beliebt - nicht einmal bei Organisationen, die sich dafür einsetzen. “Den Menschen das Gefühl zu vermitteln, dass sie sich einschränken müssen, funktioniert gar nicht”, sagt etwa Anna Regelsberger von Greenpeace Österreich. 

Dementsprechend sind auch die Forderungen der Organisation an die Politik eher indirekt: eine deutlichere Kennzeichnung der Haltungsbedingungen, verringerte Fleischmengen in öffentlichen Einrichtungen oder eine Werbeeinschränkung bei Fleisch und Wurst. “Es soll weg von der Einstellung gehen, dass Fleisch zu jeder Mahlzeit gehört. Weniger, dafür besser, das wäre das Ziel. Denn was auf unserem Teller landet, wirkt sich direkt auf das Klima aus. Wer weniger Fleisch kauft, leistet einen wichtigen Beitrag für den Klimaschutz”, so Regelsberger.

Auch die Forderungen des Klimarats der Bürger:innen gehen in eine ähnliche Richtung. Das Thema Fleisch kommt zwar kaum vor, aber zwischen den Zeilen merkt man, dass einige Vorschläge auf den Fleischkonsum abzielen. Klimafreundliche Lebensmittel sollen demnach billiger werden und die Menschen mehr Anreize bekommen, sich damit zu ernähren. Außerdem soll mehr Bewusstsein dafür geschaffen werden, wie Ernährung und Klimakrise zusammenhängen. Dass wir weniger Fleisch essen müssen oder sollten, findet sich im Bericht bezeichnenderweise nicht. Die Forderung “Fleisch soll wieder nur Sonntagsessen sein” findet sich nur von einer Person unterstützt im Anhang.

Können wir das schaffen?

Dass die Politik die Emissionen solcher Systeme durchaus verringern kann, zeigt etwa die Verkehrspolitik: Viele europäische Länder haben es in den letzten Jahren geschafft, die Treibhausgase aus dem Verkehr zu verringern - teilweise um bis zu 25%. Dafür entscheidend waren Bündel an Maßnahmen, die an unterschiedlichen Punkten ansetzten. Einerseits hat die Politik Anreize gesetzt, auf das Auto zu verzichten, andererseits wurde es teurer, zu fahren. Was nicht half: Einzelmaßnahmen zu setzen.

Genau das hat Österreich aber gemacht. Die Politik schaffte es nicht, das Problem mit einer durchdachten Strategie anzugehen. Das Ergebnis: Seit den 1990ern sind die Emissionen im Verkehrsbereich in Österreich stark gestiegen.

Dass beim Fleischkonsum ähnlich vorsichtig herumlaviert wird, stimmt auch dabei wenig hoffnungsvoll. Anna Regelsberger ist dennoch optimistisch: “Fleischlos essen ist kein Nischenthema mehr. Es gibt kaum noch Restaurants, die keine vegetarischen Optionen anbieten. Es findet tatsächlich ein Umdenken statt. Unser Fleischkonsum geht zwar aktuell nur langsam zurück, aber ich hoffe, dass wir an einen Kipppunkt kommen, nach dem es schneller geht.”

Ohne politische Maßnahmen werden wir die Ziele bei der Reduktion von Fleisch aber nicht erreichen. Die Abwehrhaltung der Österreicher:innen macht es momentan vielleicht wirklich notwendig, unseren Fleischkonsum über Umwege zu senken. Wir müssen aber vor allem ein Bewusstsein dafür schaffen, wie das Schnitzel mit der Klimakrise zusammenhängt. Um das zu schaffen, braucht es aber klare Kommunikation. Den Menschen zu erklären, warum sie weniger Fleisch essen sollten, wäre dabei ein Anfang.
 

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