/ So kann es gehen

Wie Christopher es aus der Wohnungslosigkeit schaffte und jetzt anderen hilft

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/ 17. Juli 2020

Christopher, 40, arbeitet im Gesundheitszentrum der Wiener Wohnungslosenhilfe Neunerhaus. Das ist ein halbes Wunder. Er war mehr als zehn Jahre lang selbst wohnungslos, kam mal bei Freunden unter oder schlief in einem besetzten Haus. Depressionen und Drogensucht machten ein stabiles Leben für ihn lange unmöglich. Trotzdem hat er es geschafft und hilft jetzt anderen.

Christopher war lange arbeitslos, wohnungslos und drogenkrank. Hier erzählt er, wie er es raus geschafft hat. Foto: Lisa Wölfl für MOMENT

Mit 19 Jahren zog Christopher von einer kleinen Gemeinde in der Steiermark nach Wien. Weil er keine Wohnung hatte, kam er bei seiner Schwester unter. Die beiden lebten gemeinsam in einem WG-Zimmer. Zwei Jahre lang versuchte er sich an der Uni. "Ich habe viel getrunken und gekifft. Mir ist es nicht gut gegangen", sagt er heute. Für seinen Zivildienst in einem Krankenhaus kehrte er in die Steiermark zurück. "Dort hatte ich Struktur, eine 40-Stunden-Woche, habe bei meinen Eltern gewohnt. Es war eine schöne Zeit."

Doch dann verstarb sein bester Freund und Christopher gelangte in eine Abwärtsspirale. "Ich habe angefangen, harte Drogen zu nehmen. Morphium. Ich war arbeitslos, drogensüchtig, depressiv und wohnungslos, bin bei Freunden und Bekannten untergekommen, habe in einem besetzten Haus gewohnt und in zwielichtigen WGs."

Eine Lösung für alle Probleme

Zehn Jahre lang lebte er von einem Tag zum nächsten. Seine Depressionen waren übermächtig, die Drogen zumindest eine kurze Ausflucht. Zeitweise fiel er aus der Mindestsicherung, war nicht krankenversichert und pleite. "Immer, wenn ich nur ein paar Euro übrig hatte, habe ich damit Drogen gekauft. Das war ganz interessant. In den Zeiten, in denen ich Mindestsicherung bekommen habe, war der Drang geringer und ich habe auch sinnvolle Dinge gekauft. Essen zum Beispiel.", sagt er.

Dann hält der kurz inne und fügt hinzu: "Wobei es teilweise vernünftig war, Drogen zu nehmen. Sonst hätte ich die Zeit vielleicht nicht überlebt." Das erklärt Christopher so: Wenn er hungrig war, schwer depressiv und auf Entzug, konnten Drogen scheinbar alle drei Probleme auf einmal lösen.

Rettung durch Richter

Nach jahrelanger Tortur suchte Christopher Hilfe. Er bekam Medikamente, aber keinen Therapieplatz. "Ich habe eine Liste bekommen mit Kassen-TherapeutInnen. Die erste habe ich angerufen. Die hat mir gesagt, ich kann mit einer Wartezeit von sechs Monaten rechnen. Da habe ich sofort aufgegeben."

Die Rettung kam ein Jahr später, als Christopher beim Drogenkauf erwischt wurde. Der Richter verordnete Therapie statt Strafe. "Das war super, ich wollte ohnehin Therapie machen!" Schritt für Schritt schaffte er es, die Abstände zwischen den Rückfällen auszudehnen. Bald bekam er einen Platz im stationären Drogenentzug, von dort konnte er in eine Starterwohnung der Caritas ziehen. Zum ersten Mal hatte Christopher seine eigenen vier Wände.

Christopher war selbst wohnungslos - jetzt hilft er anderen Betroffenen. Foto: Lisa Wölfl für MOMENT

Experte der eigenen Erfahrung

"Meine damalige Sozialarbeiterin hat mir vorgeschlagen, mich bei dem Peer-Lehrgang von Neunerhaus zu bewerben”, sagt Christopher. Das Konzept hinter dem englischen Wort "Peer" (das sich ungefähr mit “Seinesgleichen” übersetzen lässt) ist schnell erklärt. Ehemals wohnungslose Menschen sind ExpertInnen der Erfahrungen und geben ihr Wissen an andere weiter. In Sozialeinrichtungen arbeiten sie als Bindeglied zwischen KlientInnen und SozialarbeiterInnen.

“Ich habe den Flyer gelesen und gedacht: Die beschreiben ja mich!", sagt Christopher. Und: "Mein größtes Talent ist wahrscheinlich, mit Menschen zu reden."

Im Herbst beginnt schon der dritte Lehrgang. Christopher hat im vergangenen Jahr noch den ersten Kurs erfolgreich abgeschlossen und ziemlich schnell seinen Job im Neunerhaus gefunden. Dort empfängt er die PatientInnen und hat immer ein offenes Ohr für alles, was außerhalb der Aufgaben der ÄrztInnen und SozialarbeiterInnen liegt.

"Ich habe einen guten Draht zu den PatientInnen, weil sie merken, dass ich Ähnliches am eigenen Leib erfahren habe. Einer hat mir gesagt, ich motiviere ihn, den Drogenkonsum zu reduzieren. Das ist schön. Ich habe mir immer schon gewünscht, dass aus meinen Erfahrungen etwas Positives wächst."

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