Eine Frau sitzt auf dem Boden. Hinter ihr sind bunte Plakate zu sehen
In Europa werden jedes Jahr mehr Menschen wohnungslos. Foto von Andreea Popa für Unsplash

/ Lisa Wölfl
/ 7. November

Immer mehr Menschen werden wohnungslos, schlafen auf der Couch von Bekannten oder auf der Straße - und das in ganz Europa, ob Schweden oder Rumänien, Italien oder Österreich. Nur in Finnland geht die Zahl zurück, in den letzten zehn Jahren sogar um 35 Prozent.

Bei all den Problemen gibt es eine gute Nachricht: Wir wissen, was gegen Wohnungslosigkeit hilft. Eine Wohnung.

Die herkömmliche Wohnungslosenhilfe in Europa läuft nach dem Stufenmodell. Wenn du alkoholsüchtig und obdachlos bist, sieht das in etwa so aus: Du bekommst eine Behandlung, hörst auf zu trinken und wenn du das geschafft hast, bekommst du eine Wohnung. Die Anforderungen sind oft zu hoch, vor allem für Menschen, die ständigem Stress und Belastung ausgesetzt sind, weil sie etwa in Notunterkünften oder auf der Straße schlafen müssen.

Das Modell Housing First (Wohnung zuerst) dreht die Richtung um. Wenn du alkoholkrank und obdachlos bist, bekommst du eine Wohnung und bezahlst sie in den allermeisten Fällen selbst. Die Wohnungssuche wird dir abgenommen.

Hast du einen festen Wohnsitz, werden dir Therapien angeboten und wenn du bereit bist, hörst du auf zu trinken. Und wenn nicht, behältst du trotzdem die Wohnung. Die Anbieter von Housing First fordern von den Betroffenen keine Gegenleistung, sie sehen Wohnen als Grundrecht an.

Das funktioniert

Forschung in den USA, Kanada und Europa zeigt, dass Housing First funktioniert. 8 von 10 Personen konnten langfristig aus der Wohnungslosigkeit geholt werden. Viele NutzerInnen reduzieren ohne Zwang ihren Drogen- und Alkoholkonsum (zum Beispiel 70 Prozent in Amsterdam), ihre psychische Gesundheit bessert sich und haben eher Kontakt zu ihrer Familie (in England 50 statt 25 Prozent).

Auch in Wien gibt es ein Housing-First-Programm. Die Sozialeinrichtung Neunerhaus startete 2012 mit dem Pilotversuch. Bis Ende 2017 hat Neunerhaus 349 Menschen in 162 Haushalten betreut, davon 111 Frauen, 86 Männer und deren 152 minderjährige Kinder. 337 davon konnten ihre Wohnungslosigkeit langfristig beenden.

Wie läuft das ab?

Neunerhaus, bzw. die Tochterfirma Neunerimmo, sucht günstige Wohnungen in ganz Wien bei Genossenschaften und am Privatmarkt. Egal ob jemand psychisch krank ist, Drogen konsumiert, einen Hund hat, auf der Straße lebt oder bei FreundInnen - es gibt nur ein fixes Kriterium für das Housing-First-Programm in Wien: ein Einkommen (etwa Mindestsicherung). Denn der Mietvertrag wird zwischen den BewohnerInnen und den VermieterInnen beschlossen, also müssen diese genug Geld zu Verfügung haben, um die Miete selbst bezahlen zu können. Das bedeutet auch, dass bei dieser Variante manche Menschen von Housing First ausgeschlossen sind. Etwa solche, die sich undokumentiert in Österreich aufhalten und keinen Anspruch auf Sozialleistungen haben.

Es gibt aber auch andere Modelle. In Sizilien übernimmt der Anbieter Housing First Ragusa fallweise die Miete für jene, die sie sich nicht leisten können.

In den letzten Jahren bewegt sich etwas in der Sozialen Arbeit und in der Gesellschaft. Immer mehr wird darauf geachtet, dass Unterstützung auf Augenhöhe angeboten wird. “Früher hat man gesagt, man darf den Schlüssel zu einer Wohnung nie aus der Hand geben. Da ging es um Kontrolle, um das Wohlverhalten der MieterInnen zu sichern. Zu Beginn von Housing First gab es schon Vorbehalte in der Sozialen Arbeit. Das ändert sich gerade. Wir haben keine Schlüssel, kontrollieren nicht”, sagt Neunerhaus-Geschäftsführerin Elisabeth Hammer im Interview mit MOMENT.

Keine Kontrolle

Das ist ein wichtiger Punkt bei Housing First. Die MieterInnen haben als einzige einen Schlüssel für die Eingangstür. Sie bestimmen, wer die Wohnung wann betritt.

Zwar geht Housing First mit Betreuung einher, allerdings können die Menschen frei entscheiden, wie lange und wie häufig sie diese Hilfe in Anspruch nehmen. Wenn eine Person nach drei Wochen in der neuen Wohnung sagt, sie braucht die Betreuung nicht mehr, ist das in Ordnung.

Die Idee obdachlosen Menschen zuallererst einmal eine Wohnung zu Verfügung zu stellen, ist seit 15 Jahren in Europa auf dem Vormarsch. Es gibt immer wieder neue Programme und Angebote. Jedes davon kann Erfolge verzeichnen und in einigen Ländern ist auch wissenschaftlich untersucht, dass Housing First besser funktioniert als die herkömmlichen Modelle.

Was bleibt zu tun?

Der Erfolg von Housing First zeigt: Gegen Wohnungslosigkeit helfen am besten Wohnungen. Menschen ohne Dach über dem Kopf bekommen zuerst eine fixe, eigene Wohnung und können sich dann in Ruhe um ihre Probleme kümmern. Niemand verlangt von ihnen, sich das Recht auf Wohnen verdienen zu müssen.

Das hört sich für uns logisch an, doch in der herkömmlichen Wohnungslosenhilfe ist die eigene Wohnung erst der letzte Baustein. Viele Menschen schaffen es nie dorthin, weil sie etwa an den Vorgaben wie Alkoholabstinenz scheitern.

Viele Projekte haben nur ein kleines Budget, sie können nicht allen Menschen helfen, die Unterstützung brauchen. Außerdem hängt die Lage von Housing First stark vom Wohnungsmarkt ab. Wenn die Mieten am privaten Markt sehr teuer und Sozialwohnbau knapp ist (wie zum Beispiel in London), ist die Wohnungssuche deutlich schwieriger. Wenn wir Wohnungslosigkeit beenden wollen, müssen wir also vor allem dafür sorgen, dass es genügend leistbaren Wohnraum gibt.

Wie sieht Housing First in Europa aus? Klicke auf die Karte und erfahre mehr über einzelne Länder.


 

Quelle: Wenn nicht anders angegeben bezieht sich der Text auf den 2016 erschienenen Bericht Housing First Guide Europe von Nicholas Pleace, auf Deutsch übersetzt von Neunerhaus.

 


 

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