Eine lange Parkbank mit zwei Rückenlehnen, die von Armlehnen untertrennt wird

Illustration (c) Virginia Lui & Karolína Plášková, Massnahmen gegen Obdachlose, 2016

/ Lisa Wölfl
/ 4. Oktober

Parkbänke werden immer ungemütlicher. Viele haben keine Lehnen mehr, sie sind schmal, manche sind aus kaltem Metall. Das ist kein Zufall. Was Leute, die nur ein, zwei Minuten lang verschnaufen wollen, nicht stört, ist für andere ein echtes Problem. Obdachlose Menschen haben keinen privaten Rückzugsort, also leben, essen und schlafen sie im öffentlichen Raum. Und der ist für sie ungemütlich geworden.

In der Architektur nennt sich das Phänomen der ungemütlichen Bänke also abschreckendes Design (“deterrent design”). Die Architektinnen Virginia Lui und Karolína Plášková starteten mitten am Praterstern ein Projekt mit dem Namen “Maßnahmen gegen Obdachlose”, wo sie die Strategien, bestimmte Gruppen fernzuhalten, dokumentiert und illustriert haben.

Virginia Lui spricht über abschreckendes Design am Praterstern. Foto: Lisa Wölfl/MOMENT.at CC BY-SA 4.0

Das ist nun schon zwei Jahre her. Viel hat sich am Praterstern verändert, bemerkt Virginia Lui. “Bänke sind verschwunden” sagt sie. “Es ist offensichtlich, dass die Stadt und die ÖBB versuchen, gewisse Gruppen zu verdrängen. Früher waren hier viele wohnungslose Menschen.” Heute ist der Praterstern fast leer. Eine Handvoll Grüppchen steht beim Eingang zum Bahnhof beieinander. Auf den ungemütlichen Bänken beim Ausgang Praterstern sitzt niemand.

Die Bänke sind ungemütlich, schlafen ist durch die Armlehnen unmöglich. Foto: Lisa Wölfl/MOMENT.at CC BY-SA 4.0

“Diese Bänke sind gleich auf drei Arten abschreckend. Die meisten haben keine Lehne, man kann sich nicht zurücklehnen. Sie sind unterteilt, sodass man auf ihnen nicht liegen kann und sie schaffen eine Hürde um die Wiese, damit sich niemand ins Grüne setzt”, sagt Lui.

Wir können nicht sehen, was im Mistkübel drinnen ist. Foto: Lisa Wölfl/MOMENT.at CC BY-SA 4.0

Sogar die Mistkübel sind Teil der Strategie. “Die Mistkübel sind hoch und die Öffnungen klein. Wenn ich hineingreife, sehe ich nicht, was ich anfasse. Das ist gefährlich”, sagt Lui. “Die Fläche ist oben schräg, ich kann nichts darauf abstellen oder sie als Tisch verwenden.” So wird es Menschen schwer gemacht, die in Mistkübeln nach Essen suchen.

Die Überwachungskameras im Bahnhof Praterstern. Foto: Lisa Wölfl/MOMENT.at CC BY-SA 4.0

Im Bahnhof selbst wird es nicht gemütlicher. Große, klobige Überwachungskameras sollen uns das Gefühl geben, beobachtet zu werden, sagt Lui. Was einer Gruppe vielleicht Sicherheit gibt, schreckt andere ab. “Obdachlose Menschen wissen, dass sie nicht erwünscht sind. Durch die Kameras fühlen sie sich beobachtet und werden so davon abgehalten, länger im Bahnhofsgebäude zu verweilen.”

Das Urinal am Praterstern. Foto: Lisa Wölfl für MOMENT.at CC BY-SA 4.0

Am Ende der Tour gibt es eine gute Nachricht. Mittlerweile können die Menschen am Praterstern ein öffentliches Urinal verwenden. Für alle, die sich während des Urinierens hinsetzen wollen, gibt es allerdings keine Alternative.

Klar ist, dass Menschen nicht plötzlich Wohnungen finden, nur weil der öffentliche Raum ungemütlicher wird. “Wir leben in einer der reichsten Gesellschaften, die jemals existiert haben,” sagt Wohnbau-Experte Michael Obrist. “Man könnte überlegen, ob es nicht sinnvoller und sogar billiger ist, den wohnungslosen Menschen ein Dach über den Kopf zu geben als alle Parkbänke auszutauschen. Wohnen ist ein Grundbedürfnis und sollte ein Grundrecht sein.”

Dir gefällt unsere Arbeit?

Das freut uns! Wir sind unabhängig von Parteien und Konzernen. Unterstütze unsere Arbeit mit deiner Spende. Jeder Beitrag, ist er noch so klein, ist wichtig!

Ich bin einverstanden, einen regelmäßigen Newsletter zu erhalten. Mehr Informationen: Datenschutz.