Kapitalismus

Zukunftsdepot? Warum Aktien nicht alle reich machen

Die ÖVP will mit einem "Zukunftsdepot" alle zum Aktiensparen bringen. Aber jede:n auf die Kapitalmärkte zu bringen, vergrößert die Kluft zwischen Arm und Reich. Leonhard Dobusch analysiert.

Was wäre, wenn der Staat jedem Kind dabei helfen würde, mit einem kleinen Vermögen ins Erwachsenenleben zu starten?

Klingt eigentlich ziemlich gut.

Genau mit diesem Versprechen wirbt Bundeskanzler Christian Stocker derzeit für sein sogenanntes „Zukunftsdepot“. Eltern sollen für ihre Kinder von Geburt an Geld am Kapitalmarkt anlegen können. Bis zu 5.000 Euro pro Jahr, ohne Kapitalertragsteuer und ohne Kontoführungsgebühren. Mit 18 Jahren kann das Kind dann auf das Geld zugreifen. Zusätzlich ist ein staatliches Startguthaben von bis zu 500 Euro im Gespräch. ORF zu den Eckpunkten des Zukunftsdepots

Noch ist allerdings vieles offen. Es gibt keinen Gesetzesentwurf. Trotzdem lohnt es sich, über die Idee zu reden. Denn hinter dem Zukunftsdepot steckt eine wirtschaftspolitische Vorstellung, die weit über diese 500 Euro hinausgeht.

Die Vorstellung lautet: Wir müssen einfach mehr Menschen dazu bringen, ihr Geld am Kapitalmarkt anzulegen.

Industrie begeistert, Gewerkschaft skeptisch

Die Industriellenvereinigung ist erwartungsgemäß begeistert. Das Zukunftsdepot ermögliche es Kindern, früh „von den Möglichkeiten des Kapitalmarkts zu profitieren“, und zwar, so die IV ausdrücklich, „unabhängig davon, welche finanziellen Möglichkeiten ihre Eltern haben“. 

Diese Behauptung ist einigermaßen bemerkenswert. Denn natürlich hängt der Nutzen eines Depots, in das Eltern bis zu 5.000 Euro im Jahr einzahlen können, ganz wesentlich davon ab, wie viel Geld diese Eltern haben. Viele Familien brauchen ihr gesamtes Einkommen für Wohnen, Lebensmittel oder Energie. Sie können nicht jedes Jahr tausende Euro für ihre Kinder veranlagen. Und je mehr eine Familie einzahlen kann, desto größer ist auch der Wert der Steuerbefreiung.

Nicht nur Verteilung ein Problem

Von Gewerkschaftsseite wird deshalb auch kritisiert, dass Besserverdienende und Vermögende überproportional von einem Zukunftsdepot profitieren würden. Diese Kritik ist richtig.

Aber sie greift meiner Meinung nach noch zu kurz. Denn selbst wenn man das Zukunftsdepot sozial gerechter ausgestalten würde, bleiben drei grundsätzliche Probleme mit der Idee, möglichst breite Bevölkerungsschichten zum Sparen am Kapitalmarkt zu bewegen.

Problem 1: Zusätzliches Sparen bremst wirtschaftliche Dynamik

Ein Einkommen kann entweder ausgegeben oder gespart werden. Wenn ich heute 100 Euro zusätzlich in einen ETF stecke, kann ich dieselben 100 Euro heute nicht beim Friseur, im Restaurant oder im Möbelgeschäft ausgeben.

Dieser Umstand ist umso relevanter, wenn man Menschen zum Sparen bringen will, die bisher wenig sparen. In der Ökonomie spricht man von der „marginal propensity to consume“, also der Frage: Wie viel von einem zusätzlichen Euro Einkommen gebe ich sofort wieder aus?

Die Forschung zeigt ziemlich eindeutig: Menschen mit wenig frei verfügbarem Vermögen geben von zusätzlichem Einkommen im Durchschnitt einen wesentlich größeren Teil wieder aus als vermögende Haushalte. Das ist auch logisch. Je weniger Geld ich habe, desto mehr davon gebe ich für absolut notwendige Dinge aus. Und wenn ich mir dann endlich einmal auch etwas Schönes leisten kann, tue ich das eben auch. Wer sich eh ständig die meisten Wünsche erfüllen kann, wird zusätzliches Geld hingegen eher ansparen.

Untersuchungen der Europäischen Zentralbank EZB finden deshalb deutlich höhere Konsumneigung bei Haushalten mit wenig Vermögen. Aber genau diese Haushalte müsste man erreichen, wenn das Zukunftsdepot tatsächlich zu einer ‘breiten’ Kultur des Aktiensparens führen soll.

Das bedeutet aber auch: Wenn die Politik erfolgreich Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen dazu bringt, zusätzlich zu sparen, entzieht sie der laufenden Wirtschaft vergleichsweise viel Nachfrage.

Das ist gerade in Österreich kein theoretisches Problem. Auch im zweiten Quartal 2026 stagnierte die Wirtschaftsleistung. Der private Konsum ging gegenüber dem Vorquartal sogar leicht zurück. Noch Ende August bezeichnete das Wirftschaftsforschungsinstitut WIFO die Konsumnachfrage der privaten Haushalte als schwach und erwartete wegen der Belastung der verfügbaren Einkommen weiterhin nur gedämpften Konsum.

Jetzt kann man einwenden:

Aber das Geld ist doch nicht weg. Es wird investiert.

Dazu kommen wir gleich.

Vorher gibt es nämlich noch eine zweite Möglichkeit: Vielleicht führt die Steuerbefreiung gar nicht zu zusätzlichem Sparen. Vielleicht schieben Menschen einfach Geld, das sie ohnehin angelegt hätten, in das steuerbegünstigte Zukunftsdepot.

Genau das zeigen internationale Erfahrungen mit steuerlich geförderten Sparprodukten ziemlich häufig. Die OECD verweist auf zahlreiche Studien, die belegen, dass solche Steueranreize eher verändern, wie Menschen sparen, als wie viel sie insgesamt sparen. 

Damit steckt das Zukunftsdepot in einem Dilemma.

Wenn es wirklich zusätzliches Sparen auslöst, kann es den Konsum schwächen. Wenn es kein zusätzliches Sparen auslöst, subventioniert der Staat vor allem Sparen, das ohnehin stattgefunden hätte - und stützt damit eben vor allem solche, die genug Geld zum Sparen übrig haben. Und das bringt uns zu Problem Nummer zwei: die Folgen für Vermögensungleichheit.

Problem 2: Vermögensungleichheit wird verschärft

Es kann individuell völlig vernünftig sein, Geld anzulegen. Aber aus der Tatsache, dass etwas für eine einzelne Person vernünftig ist, folgt nicht, dass es hilft, gesellschaftliche Verteilungsprobleme zu lösen. Im Gegenteil, Kleinsparer:innen zum Sparen am Kapitalmarkt zu motivieren, kann Verteilungsprobleme sogar noch verschlimmern.

Die Ökonomin Marlene Zscherper hat diesen Unterschied zuletzt sehr anschaulich mit einer einfachen Prozentrechnung herausgearbeitet: Angenommen, eine Familie besitzt 100.000 Euro und eine andere 10.000 Euro. Beide erzielen sieben Prozent Rendite. Dann verdient die erste Familie 7.000 Euro, die zweite 700 Euro. Beide haben dieselbe Rendite. Der Vermögensabstand ist trotzdem von 90.000 auf 96.300 Euro gewachsen.

Aber in der Realität erzielen große Vermögen nicht einmal dieselben Renditen wie kleine - sondern mehr. Das hat eine viel beachtete Studie von Andreas Fagereng und Kollegen herausgefunden. Sie hat zwölf Jahre Steuerdaten praktisch der gesamten norwegischen Bevölkerung ausgewertet. Das Ergebnis der Untersuchung: die erzielten Vermögensrenditen steigen systematisch mit dem Vermögen. 

Das heißt nicht, dass ein Millionär mit seinem ETF automatisch zehn Prozentpunkte mehr verdient als jemand mit einem kleinen ETF-Sparplan. In den Daten spielen auch Unternehmensbesitz, Risikostrukturen, Information und andere Anlageformen eine Rolle. Aber der zentrale Befund ist ziemlich robust: Vermögen und erzielte Renditen sind nicht unabhängig voneinander.

Mehr noch: wenn durch ein “Zukunftsdepot” zusätzliches Geld in Aktien und andere Anleiheprodukte fließt, dann führt diese erhöhte Nachfrage zu höheren Preisen, zum Beispiel in Form von steigenden Aktienkursen. Von diesen profitieren aber vor allem jene, die heute schon Aktien und andere Vermögenswerte besitzen. 

Mit anderen Worten: auch Kleinsparer:innen auf die Kapitalmärkte zu bringen, wird tendenziell ohnehin zunehmende Vermögensungleichheit noch weiter verschärfen. 

Aber ist zunehmende Vermögensungleichheit überhaupt ein Problem, wenn das Geld gut investiert wird und wir am Ende doch wieder alle zumindest langfristig von steigendem Wirtschaftswachstum profitieren?

Problem 3: Sparen ist nicht dasselbe wie investieren

Und damit sind wir wieder beim Argument der Industriellenvereinigung. Mehr Geld am Kapitalmarkt, sagt sie, mobilisiere Kapital für „unternehmerische Investitionen, Forschung und neue Arbeitsplätze“. Das klingt erstmal logisch: Ich lege Geld in Aktien an. Unternehmen bekommen Kapital. Unternehmen bauen Fabriken und schaffen Arbeitsplätze.

In der Praxis ist das doch etwas komplizierter. Wenn ich heute über einen ETF breit gestreut in Aktien investiere, kaufe ich diese Aktien in aller Regel nicht direkt von den Unternehmen. Ich kaufe sie von jemand anderem, der sie bereits besitzt. Mein Geld fließt dann an den bisherigen Eigentümer der Aktie, nicht an das Unternehmen selbst. 

Natürlich sind funktionierende Börsen trotzdem wichtig für Unternehmensfinanzierung. Viel Geld im sogenannten Sekundärmarkt, in dem also bereits ausgegebenen Aktien weiterverkauft werden, macht Aktien insgesamt attraktiver, kann so die Kapitalkosten senken und Unternehmen spätere Kapitalerhöhungen erleichtern.

Aber aus mehr Geld in ETFs folgt eben nicht automatisch mehr reale Investition. Im Gegenteil kann zusätzliches Geld, das auf bereits vorhandene Aktien trifft, zunächst einmal deren Preise erhöhen. 

Ob Unternehmen investieren, hängt dann aber nicht nur davon ab, was die Finanzierung kostet. Ganz entscheidend ist auch die erwartete Nachfrage.. Und genau diese leidet aber, wenn wir Haushalte dazu motivieren, weniger zu konsumieren, damit angeblich mehr investiert wird. Dann verkaufen Unternehmen weniger und der Anreiz sinkt, in den Ausbau von Produktionskapazitäten zu investieren. 

Was wäre eine Alternative zum “Zukunftsdepot”?

Damit kein Missverständnis entsteht: Nichts davon spricht dagegen, dass Menschen Aktien oder ETFs besitzen. Wer Geld übrig hat und langfristig sparen möchte, kann damit individuell sehr vernünftig handeln.

Der Fehler beginnt dort, wo aus einem individuellen Finanztipp ein gesellschaftspolitisches Konzept gemacht wird.

Wenn wir wollen, dass Kinder mit besseren Chancen ins Erwachsenenleben starten, helfen wir ihnen am besten durch Investitionen in qualitätsvolle, öffentliche Infrastruktur: von Schulen über Kinder- und Altenbetreuung bis hin zum Gesundheitssystem.

Und wenn wir Vermögensungleichheit bekämpfen wollen, müssen wir über die Verteilung von Vermögen selbst reden: über Erbschaften, große Vermögen, hohe Kapitaleinkommen und darüber, warum Arbeit in Österreich wesentlich stärker besteuert wird als viele Formen von Vermögenszuwachs. Dann müssen wir davon sprechen, dass Inflation und steigende Immobilienpreise Reiche noch reicher machen, während die Mehrheit der Bevölkerung zunehmend Probleme hat, Miete und Monatseinkauf zu stemmen.

Das Zukunftsdepot dagegen tut so, als könnte mit dem richtigen Sparprodukt mehr Chancengleichheit und weniger Vermögensungleichheit erreicht werden. Im besten Fall werden diese Ziele dadurch nicht erreicht. Wahrscheinlicher ist aber, dass am Ende von mehr Kapitalmarkt für Alle, weniger Chancengleichheit und noch mehr Vermögensungleichheit stehen.


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