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Demokratie
Kapitalismus

Kettensägen-Politik in Argentinien: 4 Mythen über den angeblichen Erfolg von Javier Milei

Kettensägen-Politik in Argentinien: 4 Mythen über den angeblichen Erfolg von Javier Milei
Javier Milei bei einem Treffen mit Donald Trump (Foto: White House/Public Domain)
Argentiniens Präsident Javier Milei hat über die globale Rechte hinaus auch bei vielen Liberalen ein gutes Image. Was seine Politik mit Österreich zu tun hat und warum sie zu Unrecht als Erfolg verkauft wird.

Ein brüllender Präsident, eine Kettensäge und die „Kräfte des Himmels“. Was wie das Drehbuch eines absurden B-Movies klingt, ist seit Ende 2023 das offizielle Regierungsprogramm Argentiniens. Javier Milei hat das südamerikanische Land in ein Labor für libertäre Träume verwandelt. Ein Mekka für den freien Markt und internationale Investitionen. 

Unter Donald Trumps Schirmherrschaft (vor für Milei wichtigen Wahlen versprach Trump 2025 der argentinischen Wirtschaft mit milliardenschweren Geschäften unter die Arme zu greifen - aber nur, wenn Milei gewinne) poltert Milei gegen Minderheiten und schafft im Eiltempo den Sozialstaat ab - bevorzugt per Verordnung, statt durch demokratische Prozesse. Rechte und Konservative auf der ganzen Welt applaudieren dem selbsternannten Anarchokapitalisten

Doch wer heute in Argentinien auf staatliche Unterstützung, öffentliche Krankenhäuser und Schulen oder Mindestrente angewiesen ist, erlebt die politische Schocktherapie eher als Albtraum.

Mileis Feind ist der Staat. Mit Maßnahmen wie der Auflösung der Hälfte der Ministerien (darunter Kultur- und Gleichstellungsministerium), Massenentlassung im öffentlichen Dienst und radikalen Streichungen von Subventionen und Sozialleistungen senkte er die Staatsausgaben in nur einem Jahr um 30 Prozent. Dieser Staat leistet nun freilich auch viel weniger. 

Der freie Markt hat für Milei hingegen einen fast religiösen Status. Am Ende seiner Reden brüllt er gerne: „Es lebe die Freiheit, verdammt nochmal” - und meint damit die Freiheit des Kapitals. Der Titel seines im Oktober erschienenen Buches lautet: „Der Bau des Wunders.“ Auf dem Cover ist Milei selbst mit seiner Kettensäge zu sehen; auf deren Schneide steht: „Die Kräfte des Himmels.“  

Österreichische Schule, Europas Rechte und die argentinische Kettensäge

Der argentinische Präsident ist Ökonom und erklärter Fan der “Österreichischen Schule” der Nationalökonomie. Als erster Staatschef weltweit macht er diesen kompromisslosen Libertarismus zur offiziellen Agenda. 

Als direkte Vorbilder bezeichnet er Friedrich von Hayek und Ludwig von Mises. Die beiden Österreicher waren 1947 Gründungsmitglieder der Mont-Pelerin-Society - der Ur-Lobbyorganisation des Neoliberalismus. Die Wirtschaftswissenschaftler fanden schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts an der Uni Wien zusammen, um den Menschen zum Homo Oeconomicus zu erklären - als Einzelwesen, das sich rein so verhält, wie ihre ökonomische Theorien das gerne hätten: immer egoistisch voll auf den eigenen Profit bedacht. 

Sie waren sich auch einig darin, den Sozialismus zu hassen. Friedrich von Hayek hat einmal gesagt: „Würden die Menschen die Wirtschaft verstehen, gäbe es keinen Sozialismus." Milei zitiert diesen Satz gerne, wenn er staatliche Leistungen streicht.

Die “Österreicher” (so nennt man eben auch ihre ideologische Denkschule) waren der Überzeugung, wirtschaftliche Freiheit sei der einzige Weg zu persönlicher Freiheit und vertraten die Ansicht, dass freie Märkte und der internationale Handel zu einer optimalen Verteilung der Ressourcen führen. Auf Basis dieser Idee privatisiert und dereguliert Milei alle Bereiche der Gesellschaft im Eiltempo. 

Motto? Jede:r für sich selbst

Für Argentinien, dessen linkspopulistischen Regierungen lange eine Finanz- und Wirtschaftspolitik verfolgten, die die heimische Wirtschaft eher vor ausländischen Einflüssen abschirmte, ist sein Kurs eine krasse Schocktherapie.

Viele treibt dieser Kurs ans Existenzminimum. Milei stoppte Preisdeckelungen von Strom, Gas, Lebensmitteln und öffentlichem Verkehr sowie staatlichen Schutz bei Währungsverfall. Jede:r muss nun alleine mit den Härten des Weltmarkts klarkommen. Dies sei der einzige richtige Weg, sagt Milei.

Seine radikale Politik, sein exzentrisches Auftreten und seine aggressive Kommunikation haben Milei international bekannt gemacht. Als Rockstar im Stadion, als KI-generierter Superheld gegen den Kommunismus oder Löwe im Präsidentenpalast - er scheint im Fahrwasser von Donald Trump den perfekten Spagat zwischen Wahnsinn und Unternehmertum zu schaffen. 

Milei-Fans in Österreich

Das kommt auch in Österreich bei manchen gut an: Der neoliberale Thinktank Agenda Austria setzte Mileis Gesicht auf ihren Jahresbericht 2024. Ihr Leiter bejubelt in der “Presse” die angeblich medial totgeschwiegenen, “spektakulären Erfolge” von Milei. Die österreichische Regierung solle sich “sehr viel von den argentinischen Reformen abschauen”. 

Die Sympathie für Mileis Politik reicht tatsächlich auch in österreichische Parteien. Sowohl in der FPÖ als auch bei den NEOS ist Begeisterung für sein Programm zu erkennen. Seine vielleicht wichtigste Unterstützerin ist die FPÖ-Politikerin Barbara Kolm. Dank Partei saß sie bereits in vielen öffentlichen Funktionen.

Kolm leitet nicht nur ein “Friedrich von Hayek Institut”. Mit der rechten deutschen Politikerin Frauke Petry (früher AfD) gehört sie nun auch zu den Gründer:innen des „Javier Milei Instituts für Deregulierung in Europa”, das sich gegen staatliche Eingriffe und für den entfesselten Markt einsetzt. Als die rechtskonservative NZZ über die Gründung dieses Instituts berichtet, kommen weder Kolm, noch AfD oder FPÖ vor. Das Javier Milei-Instutit stünde im "Geiste des des klassischen Liberalismus", berichtet die Schweizer Zeitung stattdessen.

Kolm & Co. zeichnen den argentinischen Präsidenten gemeinsam mit Rechten und Konservativen in ganz Europa als politischen Hoffnungsschimmer, der endlich Schluss macht mit Regeln für Unternehmen, Klimaschutz und - natürlich - der „Wokeness”. Abgesehen von seiner Wirtschaftspolitik ist für Milei wie die globale Rechtsextreme insgesamt auch jeder gesellschaftliche Fortschritt seit den 1950er-Jahren ein Feindbild.  

Vier Mythen über Mileis angebliche Erfolge

Für diese Ausbrüche können liberale Milei-Sympathisant:innen sich oft nicht begeistern. Aber das lässt sich offenbar ignorieren, um mit Mileis anderen Fans zu betonen, Milei würde vor allem die Wirtschaft nach jahrelanger, angeblich linker Misswirtschaft wieder ins Laufen bringen. Dass dabei die Umwelt zerstört, Demonstrierende verletzt oder die Demokratie untergraben wird, interessiert sie nicht. 

Stattdessen wird verbeitet: Milei habe die Inflation gestoppt, Investor:innen angelockt, Dollars ins Land gebracht und die Armut gesenkt. Diese vermeintlichen Errungenschaften des Anarchokapitalisten für Argentinien werden nicht nur in rechten Kreisen erzählt. In ganz Europa berichten Medien immer wieder positiv über den wirtschaftspolitischen Kurs der Milei-Regierung. Ihre Schlussfolgerung: Die Kettensäge wirkt

Doch was ist dran am Mythos Milei?

1. Hat Milei die Wirtschaft angekurbelt?

Wenn zu hören ist, der Wirtschaft gehe es unter Milei besser, ist die Frage: für wen? Meist handelt es sich um die Sicht des Weltmarktes und internationaler Investor:innen, für die Argentinien durch Mileis Deregulierungsmaßnahmen attraktiver wird. 

In der langen Liste der Reformen steht etwa das Versprechen an multinationale Konzerne, dass sie 30 Jahre lang keine Steuern zahlen müssen, wenn sie mindestens 200 Millionen Dollar investieren. Kritiker:innen sehen darin ein direktes Geschenk an die Bergbau- und Technologiebranche. Die sucht zum einen Kupfer und Lithium für die Akkus der Energiewende, zum anderen große Wasserreserven für die Rechenzentren der Zukunft. 

Auch sicherheits- und geopolitisch öffnet Milei Argentiniens Türen - vor allem für US-Interessen. Mit Peter Thiel (der gerade nach Argentinien umgezogen ist) trifft er sich hinter verschlossenen Türen, um Überwachungssoftware für Geheimdienst und Migrationsbehörde zu sichern. Mit Donald Trump verstärkt er die militärische Zusammenarbeit. 

Doch was passiert mit der argentinischen Volkswirtschaft abseits ausländischer Interessen und Finanzmärkte? Aktuell ist sie von Rezession und einem sogenannten Industriesterben geprägt. Durch die Marktöffnung wurde in kürzester Zeit um 80 Prozent mehr aus dem Ausland importiert. Das bringt die lokale Produktion extrem unter Druck. Laut Daten der Beratungsgruppe Audemus haben seit Mileis Amtsantritt über 2.400 Industrieunternehmen (etwa zwei Prozent) geschlossen, 73.000 Arbeitsplätze in der Fertigung wurden abgebaut. 

Wer seinen Job noch hat, arbeitet nach Mileis Änderung des Arbeitsrechts unter schlechteren Bedingungen. Die Reform wird von Kritiker:innen als Sklavengesetz bezeichnet, da sie Arbeits- und Probezeit verlängert, Kündigungsschutz lockert und das Streikrecht einschränkt. Bei Protesten gegen die Änderungen kam es zu massiver Polizeigewalt mit hunderten Verletzten.

2. Hat Milei die Inflation gestoppt?

Der Abbau des Haushaltsdefizits und die Rückgewinnung des Vertrauens der internationalen Finanzmärkte scheinen Mileis größte Erfolge zu sein. Lange haben in Argentinien die Staatsausgaben die Einnahmen überstiegen. Die linkspopulistischen Regierungen, die in den vergangenen Jahrzehnten überwiegend an der Macht waren, antworteten auf das Minus im Staatshaushalt damit, Geld zu drucken. Das trieb die Inflation konstant nach oben. 

Corona hat dazu natürlich auch beigetragen. Im Pandemiejahr 2023 verzeichnete Argentinien mehr als 200 Prozent Inflation, auch 2024 waren es mehr als 100 Prozent. 

Diese Dynamik endete unter Milei. Er verkauft die Jahresinflation von 31,5 Prozent für 2025 deshalb als Erfolg. Doch stabil ist die argentinische Währung trotz der Sparpolitik nicht. Zum Vergleich: Österreich schlägt im selben Jahr wegen einer Inflation von 3,8 Prozent Alarm. 

Der argentinische Wert ist zudem nicht besser, als er vor der Wirtschaftskrise war, die auf die Corona-Pandemie folgte. Und möglicherweise steigt er bereits wieder. Denn die Messung der Inflation unter Milei ist umstritten und unterliegt dem Verdacht, politisch beeinflusst zu sein. Der deutsche Wirtschaftswissenschaftler Heiner Flassbeck schrieb dazu: “Das Narrativ vom Sieg über die Inflation erweist sich damit zunehmend als Produkt statistischer Schützenhilfe.”

In Argentinien verkauft Milei seine Zahlen einstweilen als Erfüllung eines seiner wichtigsten Wahlversprechen. Milliardenkredite vom Internationalen Währungsfonds (IWF), der Weltbank und Donald Trump stärken zusätzlich das Vertrauen des internationalen Finanzsystems. 

Als weltweit größter Schuldner beim IWF hängt Argentiniens wirtschaftliche Stabilität von diesem Vertrauen ab. 

Doch die mit den Krediten verknüpften Einsparungen treiben die Armutsspirale voran und sichern internationalen Investor:innen die Kontrolle über Argentiniens Ressourcen. Ökonom Patrick Kaczmarczyk spricht gegenüber der „Zeit” davon, dass die Stabilisierung der argentinischen Finanzen nur durch wirtschaftlichen Abschwung und soziale Einschnitte erzwungen werden konnte. 

Lief Argentinien vor Milei Gefahr in Staatsbankrott und Hyperinflation zu versinken, weil Subventionen und Gehälter künstlich gehoben wurden, sind Energie-, Lebensmittel und Mietpreise durch die Deregulierung heute derart gestiegen, dass der Großteil der Bevölkerung sich verschulden muss, um bis Monatsende durchzukommen. 

Im sogenannten Big-Mac-Index, der Preise weltweit vergleicht, ist Argentinien nach der Schweiz auf Platz zwei aufgestiegen. Freilich ohne die zu diesen Preisen passenden Löhne. 

3. Hat Milei die Armut gesenkt?

Sozialstaat abbauen, Märkte radikal deregulieren, Kapitalkontrollen streichen und gleichzeitig die Armut rasant senken. Klingt unmöglich? Ist es auch. Die offiziellen Zahlen, die auch internationale Medien wie NZZ, Presse, Zeit oder die Washington Post immer wieder als Beweis für Javier Mileis Erfolg heranziehen. Doch die offiziellen Zahlen sind in Argentinien mit Vorsicht zu genießen und bilden nur einen Teil der Realität ab. 

Rund die Hälfte der Bevölkerung arbeitet im informellen Sektor, also schwarz. Und auch abseits des Arbeitsmarktes bleiben gerade die prekärsten Bevölkerungsgruppen, die in schlecht dokumentierten Armenvierteln leben, oft unsichtbar in den staatlichen Statistiken. 

In Mileis libertärer Logik ist Armut Eigenverantwortung, staatliche Subventionen hätten faule und abhängige Bürger:innen hervorgebracht. Doch seine Kettensägen-Spardoktrin verstärkt die Unsicherheit. Menschen verlieren Anstellungen, Wohnungen und die finanzielle Lebensgrundlage. Bei Mileis Amtsantritt im Dezember 2023 betrug die offizielle Armutsquote knapp 42 Prozent, und stieg durch Mileis Schocktherapie in den ersten Monaten auf historische 53 Prozent. 

Laut argentinischer Statistikagentur INDEC ist die Armut inzwischen auf 31,6 Prozent gefallen. Doch sowohl INDEC-Mitarbeiter:innen als auch unabhängige Institute wie das UCA-Observatorium und das Zentrum für politische Ökonomie Argentiniens (CEPA) sehen die Zahlen als politisch geschönt und methodisch ungenau. Rodolfo Aguiar, Generalsekretär der ATE Nacional (Vereinigung der Staatsangestellten), erklärte, dass die Armutszahlen für Wahlzwecke missbraucht werden. Die Armutsrate sei doppelt so hoch wie berichtet und liege bei 62 Prozent. 

Mileis Politik als Kombination aus Prekarisierung und Repression birgt die Gefahr politischer Instabilität und sozialer Unruhen, da sie gesellschaftliche Ungleichheit befeuert. Ein Beispiel ist die Lockerung des Mieter:innenschutzes. In Buenos Aires ist die Zahl der Wohnungslosen allein zwischen 2024 und 2025 um knapp 30 Prozent gestiegen.

4. Wurde die Korruption bekämpft?

Die politische Elite zu bekämpfen war neben der Inflationsbekämpfung Mileis wichtigstes Wahlversprechen. Als Erfolg verbucht er dabei die Verhaftung der linkspopulistischen Ex-Präsidentin Cristina Kirchner nach einem umstrittenen Urteil des Obersten Gerichtshofs. Ihre korrupten Geschäfte sollen den Staat rund eine Milliarde Dollar gekostet haben. 

Doch Korruption ist auch in Argentinien keine Frage von Parteizugehörigkeit - und auch Javier Mileis Image blieb nicht lange sauber. In seinem engstem Machtzirkel gab es bereits mehrere Korruptionsskandale. Seine Generalsekretärin (und Schwester) Karina Milei soll monatlich Schmiergelder von umgerechnet bis zu 685.000 Euro erhalten haben. Gegen Regierungssprecher und Kabinettschef Manuel Adorni wurden im März 2026 mindestens zwei Strafanzeigen wegen des Verdachts der Veruntreuung öffentlicher Gelder erstattet. Sein Vermögen ist unter Milei unerklärlicherweise um 500 Prozent gewachsen. Luis Espert, ein Politiker von Mileis Partei, musste bei den Parlamentswahlen seine Kandidatur zurückziehen - wegen Verbindungen zu einem mutmaßlich in den Drogenhandel verstrickten Unternehmer. 

Nicht zuletzt ist er auch selbst bereits in den Fokus von Ermittlungen gekommen. Bereits mehrmals hat Milei in der Vergangenheit für gefloppte Kryptowährungen geworben. Im Februar 2025 löste er dann auch als Präsident eine schwere Glaubwürdigkeits- und Justizkrise aus. Er empfahl auf seinem X-Kanal in die Kryptowährung “Libra” zu investieren. Doch wenige Stunden danach löschte er den Post wieder - was den Kurs zum Einstürzen brachte. Zehntausende Anleger:innen verloren durch den plötzlichen Crash Geld - insgesamt geschätzte 251 Millionen US-Dollar. Und Milei? Der soll für seine Verwicklung laut Staatsanwaltschaft fünf Millionen Dollar an Bestechungsgeld kassiert haben.

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