Ungleichheit

Junge Frau mit Kopftuch in Grazer Bus mit Schlägen attackiert – und niemand schreitet ein

Die Zahl der gemeldeten Fälle von antimuslimischem Rassismus steigt rasant an. Besonders betroffen sind Frauen mit Kopftuch. Eine junge Frau erzählt, wie ein gewalttätiger Angriff ihr Leben veränderte. 

Es ist sieben Uhr morgens. Asifa (Name von der Redaktion geändert) fährt mit dem Bus in Graz zu ihrer Ausbildungsstelle. Die 18-Jährige trägt ein langes schwarzes Kleid, einen Pullover - und ein Kopftuch.

Im Vorbeigehen streift sie unabsichtlich einen Mann. Der beginnt sie anzubrüllen und zu beleidigen. Die Aufnahme der Überwachungskamera im Bus liegt MOMENT.at vor. Der Winkel ist schlecht, um den Täter zu identifizieren und es gibt keinen Ton. Was genau der Mann sagt, weiß auch Asifa nicht mehr – sie steht unter Schock, erinnert sich nur noch, dass er betont Österreicher zu sein. Was die fast zwei Jahre alte Aufnahme zeigt, ist ein plötzlich Schlag mit der Faust gegen die Rippen, erst einer und dann noch ein zweiter, fester. Der aufgebrachte Mann steht bedrohlich auf, dann lässt er von ihr ab. Asifa steht erst wie angewurzelt da.

Dann setzt sie sich wie betäubt in die hintere Reihe. Als sie langsam realisiert, was passiert ist, schämt und ärgert sie sich: „Normalerweise mache ich meinen Mund auf, verteidige mich, aber der Schock war zu groß“, erzählt sie. 


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Die Aufnahme zeigt auch: Andere Passagiere sind direkt neben der Situation, schauen jedoch nie hin oder schnell wieder weg. "Es war auch beschämend für mich, dass keiner was getan hat, als ich geschlagen wurde." Asifa dachte: "Wenn ich jetzt nicht für mich einstehe, wer macht es sonst?" Sie packt ihren Mut zusammen, macht ein Foto vom Täter, geht zum Busfahrer und bittet ihn stehen zu bleiben, damit sie die Polizei rufen könne. 

Er verweigert: "Wenn bei den Überwachungsvideos nichts rauskommt musst du den Polizeieinsatz und die Kosten der Busverspätung zahlen", erinnert sich Asifa an die Worte des Fahrers. Er fordert sie auf, auszusteigen, auch andere Busfahrende machen mit. Sie würde die Fahrt aufhalten, die Passagiere hätten wichtige Termine. „Ich dachte mir, wie kann das sein? Was habe ich in meinem Leben falsch gemacht, dass ich hier in Österreich einfach ohne jeden Grund in der Öffentlichkeit geschlagen werde und keiner hilft mir. So what the fuck – muss ich für mein Kopftuch geschlagen werden?“

Die 18-jährige und der Mann steigen zufällig bei derselben Station aus. Sie wählt 133. Als die Polizei ankommt, ist der Mann schon weg. Die Beamten versichern ihr, sich bei ihr zu melden, wenn sie ihn finden und raten ihr, ins Spital zu fahren.

Schmerzen und Panikattacken

Am Nachmittag fährt Asifa in die Klinik. Ihre ganze linke Seite ist am Brustkorb blau, der Arzt diagnostiziert ihr eine Rippenprellung und schreibt sie für eine Woche krank (der Befund liegt MOMENT.at vor).

Asifa verlässt den Krankenstand jedoch früher, da in ihrer IT-Ausbildungsstelle nicht viele Fehlstunden vorgesehen sind. Wegen der starken Prellung hat sie Schmerzen beim Atmen und kriegt nur schwer Luft: „Während ich dort war, habe ich Panikattacken bekommen. Keine Luft gekriegt. Ich bin in so einen Angstzustand verfallen, dass ich gehen musste.“ Ihr Ausbildungsverhältnis wird wegen den vielen Fehlstunden aufgelöst. 

Das Erlebnis wirkt bis heute nach. Beim Gespräch mit MOMENT.at fast zwei Jahre danach sitzt die gebürtige Grazerin mit bosnischen Wurzeln in einem Café unter einem großen Sonnenschirm im prasselnden Regen. Sie ist schwarz angezogen, trägt eine rosa Jacke und eine Goldkette mit ihrem Namen in arabischer Schrift. In das Kaffee möchte sie sich trotz des starken Regens nicht setzen: „Das Thema macht mir schon Druck. Ich habe Angst, wieder keine Luft zu bekommen und vor diesem beklemmenden Gefühl in der Brust.“ 

Nach der Gewalttat verlässt sie monatelang kaum mehr allein das Haus, nur in Begleitung mit Familienmitgliedern oder Freunden: „Ich habe meine Ausbildung verloren. Ich habe mich nicht mehr getraut, mit dem Bus zu fahren. Meine Eltern haben mich gar nicht mehr allein rausgelassen. Es war schon ein bisschen eine gruselige Zeit.“ 

Was ist antimuslimischer Rassismus?

Asifa ist nicht die Einzige, die aufgrund ihres Glaubens Gewalt erfahren hat. Das Bundesinnenministerium erfasste 2024 insgesamt 45 Anzeigen wegen Körperverletzung aufgrund von antimuslimischem Rassismus. 

Rassismus beginnt mit Stereotypen und Vorurteilen: Menschen werden aufgrund ihrer Hautfarbe, Herkunft, Ethnie oder Religion eingeordnet, bewertet und abgewertet. „Muslim:innen werden nicht mehr als Individuen sondern als eine homogene Gruppe gesehen, denen man gewisse Eigenschaften zuordnet“, sagt Dunia Khalil. Sie ist Leiterin der Rechtsberatung bei der Dokustelle Islamfeindlichkeit & antimuslimischer Rassismus in Wien. 

„Beim antimuslimischen Rassismus merkt man ganz stark eine Kriminalisierung von Menschen muslimischen Glaubens – in der Öffentlichkeit kommen Muslim:innen häufig nur im Sicherheitsdiskurs vor und werden teilweise unter Generalverdacht gestellt.“ 

Musliminnen und Muslime sind inzwischen die Gruppe Nummer eins, die von Rassismus betroffen sind. Wurden im Jahr 2015 noch 158 Fälle bei der Dokustelle gemeldet waren es 2024 schon 1336 Fälle – die Dunkelziffer dürfte hoch sein. „Im gesellschaftlichen, medialen und politischen Diskurs ist eine Normalisierung von antimuslimischem Rassismus spürbar. Immer wenn es politische Ereignisse gibt, wie etwa die Debatte rund ums Kopftuchverbot, erreichen uns automatisch mehr Fälle von Betroffenen.“ Drei von vier Personen die bei der Dokustelle antimuslimischen Rassismus melden sind weiblich. Besonders betroffen sind Muslim:innen, die Hijab tragen. Rassistische Polizeigewalt erfahren hingegen vor allem muslimisch gelesenen Männern. 

„Von einem Tag auf den anderen war alles anders“

Asifa wurde mit ihrem Kopftuch im September 2024 im Bus angegriffen. Heute sitzt die heute 19-Jährige mit offenem langem blondem Haar beim Gespräch: „Ich liebe meine Religion und das Kopftuch war das, was ich am meisten von mir geliebt habe“, erzählt sie. „Ich habe mich viel freier mit dem Kopftuch gefühlt.“ Zwei Monate nach dem Vorfall legt sie das Kopftuch ab – die Angst vor erneuter Gewalt ist zu groß. „Ich dachte mir, es könnte jeden Moment wieder passieren, dass mich jemand von der Seite schlägt. Ich wollte einfach wieder normal weiterleben.“ Ihre Familie und Freunde unterstützen sie dabei. Trotzdem: „Für mich war es psychischer Terror – ich musste jedem erklären, warum ich das Kopftuch nicht mehr trage.“ 

Asifa trug das Kopftuch drei Jahre lang, bevor sie es ablegte. Lange genug um einen Unterschied zu merken. Das Verhalten der Menschen ihr gegenüber habe sich deutlich verändert: „Von einem Tag auf den anderen war alles anders. Alle waren auf einmal viel netter zu mir, waren bereit mit mir zu sprechen. Mit dem Hijab habe ich immer das Gefühl gehabt, ich muss mich beweisen, mehr leisten und um Akzeptanz und Respekt bitten, damit ich ernst genommen werden. Ich wurde nur als eine Ausländerin gesehen und nicht als ein Mensch.“ 

Hürden am Arbeitsmarkt

Fast täglich habe sie früher Konfrontationen wegen ihrem Kopftuch gehabt, Diskussionen auf offener Straße, dumme Sprüche oder Beleidigungen. „Aber ich bin immer dagegen gestanden und habe mich dadurch noch stärker gefühlt.“ In Wien verfolgte eine ältere Frau sie einmal. Sie fuchtelte mit dem Gehstock, beschimpfte Asifa wegen ihres Hijabs und wollte sie schlagen. Insbesondere die Arbeitssuche war mit Kopftuch schwieriger: „Von Firmen habe ich immer wieder die Rückmeldung bekommen, dass mein äußeres Erscheinungsbild nicht zum Unternehmen passen würde.“ Damit ist sie kein Einzelfall.  Dokumentations- und Antidiskriminierungsstellen bestätigen, dass so etwas immer wieder passiert. 

Nachdem sie ihr Kopftuch ablegte, bekam sie innerhalb von zwei Wochen einen Job in einer Management-Position in einer großen österreichischen Firma. “Antimuslimischer Rassismus ist eine Feindlichkeit gegenüber Musliminnen, die sich nicht nur individuell, sondern auch strukturell auswirkt“, sagt Dunia Khalil. „Es geht hier nicht nur um Einzelfälle oder Beleidigungen auf der Straße, sondern es geht auch um strukturelle und institutionelle Dimensionen.“ 

Diskriminierung aufgrund von Religion oder ethnischer Zugehörigkeit ist in der Arbeitswelt durch das Gleichbehandlungsgesetz verboten. Bei Beschwerde an die Gleichbehandlungsanwaltschaft ist kostenlose Beratung und ein außergerichtliches Prüfverfahren möglich. Das Ergebnis des Prüfverfahrens kann bei einem Gerichtsprozess helfen. Viele Betroffene wissen jedoch nicht um ihr Recht: „Unwissenheit ist ein großes Problem und auch die belastende Situation eines Verfahrens. Das kann oft lange dauern – nicht nur wenige Monate, sondern manchmal auch Jahre.“ 

Was verstärkt antimuslimischen Rassismus?

Rassistische Vorurteile können durch den medialen und politischen Diskurs sowie Gesetzgebungen verstärkt werden. „Wir haben in den letzten Jahren insbesondere durch die Wahlergebnisse gesehen, dass antimuslimischer Rassismus eine erfolgreiche Strategie ist, um Wählerstimmen zu generieren“, sagt Dunia Khalil. „Man schafft ein Problem, bespielt es und sagt, nur die eigene Partei kann es lösen.“

Dabei wird einer Bevölkerungsgruppe eine Verantwortung für gesellschaftliche Probleme zugeschrieben. Krisen, Kriege, Fluchtbewegungen sowie wirtschaftlich schwierige Zeiten verstärken rassistische Tendenzen in einer Gesellschaft: Die Angst vor Neuem sowie die Sorge vor dem Verlust von wirtschaftlichen oder sozialen Status nehmen zu. Auch tatsächliche Straftaten durch muslimisch gelesene Menschen oder weltweite terroristische Ereignisse tragen dazu bei. 

Im Ländervergleich zeigt sich, dass Österreich bei antimuslimischem Rassismus besonders schlecht abschneidet. Eine EU-Studie vergleicht 13 Länder: In Österreich geben mit 71 Prozent am meisten Menschen an, wegen ihres muslimischen Glaubens in den letzten fünf Jahren rassistisch diskriminiert worden zu sein. Der Schnitt der 13 EU-Länder zusammen liegt bei 47 Prozent.

Verfolgungsjagd

Ein paar Wochen nach dem Vorfall fährt Asifa dieselbe Busstrecke. Sie sieht den Mann, der sie angegriffen hat. Sie macht erneut ein Beweisfoto von ihm, bleibt länger im Bus sitzen, wartet bis er aussteigt, geht ihm nach. „Ich wollte unbedingt, dass er gefunden wird und die rechtlichen Konsequenzen bekommt, die er eigentlich verdient hat“, erzählt Asifa. „Es war Körperverletzung ohne Grund und Sinn. Ich wollte Gerechtigkeit.“ 

Als sie sieht, in welches Haus er hineingeht, ruft sie die Polizei und schildert ihren Fall. Die Beamten betreten das Wohngebäude und versichern ihr, sich bei ihr zu melden, sobald sie ihn finden. Seitdem hörte sie nie wieder etwas von der Behörde. „Ich habe die Polizisten wortwörtlich zu ihm gebracht. Sie haben ihn nicht einmal selber gefunden. Ich denke mir, wäre es umgekehrt gewesen, dass, keine Ahnung, ein Ausländer eine Frau im Bus schlägt, dann hätten sie diese Person sicher gleich gefunden“, meint Asifa.

Die Landespolizeidirektion Steiermark antwortet auf MOMENT.at-Anfrage: „Leider konnte der Tatverdächtige trotz intensiver Erhebungen und Auswertung von Video-Material bislang nicht ausgeforscht werden, weshalb eine Strafanzeige gegen einen unbekannten Täter an die Staatsanwaltschaft ergangen ist.“ Die Ermittlungen der Polizei würden weiterlaufen. Die Staatsanwaltschaft Graz brach das Verfahren gegen den unbekannten Täter bereits wieder ab. Wenn von Seiten der Polizei ein Tatverdächtiger ausgeforscht wird, würde eine Nachtragsanzeige an die Staatsanwaltschaft erstattet werden. Die Aufklärungsquote bei „Hate Crime“ – Straftaten aufgrund von Vorurteilen oder Hass, lag 2024 bei 67 Prozent.

Kein Zugang zum eigenen Recht

Asifa erstattete nach dem Vorfall Anzeige wegen Körperverletzung und vorurteilsmotivierter Beleidigung. Zuerst hatte sie einen Anwalt, der sie dabei unterstützte. Sie konnte sich die anfallenden Kosten jedoch bald nicht mehr leisten und das finanzielle Risiko war zu hoch. 

Dieses Kostenrisiko sei ein großes Problem: „Hier wird ganz klar die Zugänglichkeit zum eigenen Recht eingeschränkt“, sagt Dunia Khalil. Bei der Dokustelle Islamfeindlichkeit & antimuslimischer Rassismus, der Anti-Rassismus-Beratungsstelle ZARA oder in Graz bei der Antidiskriminierungsstelle Steiermark gibt es kostenlose Erstberatungen für Betroffene. Allerdings sind diese Angebote meistens vom Staat basisfinanziert und dadurch abhängig.

Erst im April dieses Jahres strich das auch für Integration zuständige Familienministerium unter Claudia Bauer (ÖVP) die Finanzierung für ZARA. Durch Gelder des SPÖ-geführten Frauen- und Medienministeriums wurde die Finanzierung dann doch noch für ein Jahr gesichert. Die Antidiskriminierungsstelle Steiermark stand 2025 vor dem Aus. Die neue von der FPÖ geführte Landesregierung stellte die Gelder ein. Auch hier mussten mit der Stadt Graz und dem Sozialministerium andere einspringen. 

Jedoch sei auch die Arbeit und der Wissensstand der Polizei selbst ein Problem: „Ich habe schon öfters Betroffene zur Polizeistation begleitet, um eine rassistische Beleidigung anzuzeigen“, erzählt Dunia Khalil. „Und die wussten oft nicht, dass sie überhaupt dafür zuständig sind.“ Rassistische Beleidigungen können auch strafrechtlich relevant sein. „Durch diese Wissenslücke gehen auch Vorfälle in der Anzeigenstatistik unter, da diese nicht aufgenommen werden.“ 

Wie zeige ich Zivilcourage?

Asifa hätte sich gewünscht, dass sie im Bus nicht ganz allein gewesen wäre, „dass irgendwer aufgestanden wäre oder zumindest etwas gesagt hätte.“ Laut Dunia Khalil kann man Zivilcourage lernen. Es könne helfen, sich Situationen vorzustellen, in denen eine Person rassistisch angegriffen wird: „Wir haben meistens nur wenige Sekunden Zeit zu entscheiden, ob ich etwas mache oder nicht. Durch Situationen, die man sich davor schon überlegt hat, kommt man viel schneller in die Handlungsebene: Man kann aktiv auf Betroffene zugehen, Hilfe anbieten oder sich einfach nur dazu zustellen, als Symbol des Beistandes.“ Zivilcourage zeige den Betroffenen, dass nicht sie, sondern die Handlung des Gegenübers falsch ist. 

Asifa wollte mit MOMENT.at sprechen, um anderen Musliminnen zu zeigen, dass sie nicht allein mit ihren rassistischen und gewalttätigen Erfahrungen sind. „Und um auf das Thema aufmerksam zu machen – um zu zeigen, dass sich noch viel ändern muss.“ 

Eines Tages will Asifa wieder ihr Kopftuch tragen: „Ich will es so sehr, aber noch nicht jetzt. Ich bin noch sehr jung und muss noch mein Leben aufbauen, noch etwas erreichen. Hier in Österreich wird mir das Kopftuch zur Hürde gemacht.“ 


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