Auf dem Foto zu sehen ist minimalistisches Design: Weißer Schreibtisch, weißer Rahmen, brauner Sessel.

Verzicht als Lifestyle ist nur für jene interessant, die nicht ohnehin ständig unfreiwillig verzichten müssen.

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  Natascha Strobl

/ 29. Juli 2021

Bundeskanzler Sebastian Kurz ließ vergangene Woche mit einem „Steinzeit“-Sager aufhorchen. Eigentlich ging es um den Bau einer Schnellstraße in Vorarlberg, aber er äußerte seine grundsätzlichen Ansichten zum Thema Klimaschutz. Das Klima könne nicht durch Verzicht und einen Rückfall ins Leben vergangener Jahrhunderte gerettet werde, es gäbe keinen Weg zurück in die Steinzeit.

Verzichts-Rhetorik, die Ängste schürt

Wenn Klimaschutz-Maßnahmen wirken, dann wird alles mühsamer und weniger bequem. Dieser Frame wird gerne von Neoliberalen und anderen Rechten bedient, um Klimaschutz-Maßnahmen abzudrehen. Er wird aber auch immer wieder von Klimaschützer:innen selbst bemüht.

Die Idee, dass man ein karges, einfaches Leben ohne viele Dinge führen sollte, gibt es nicht nur beim Klimaschutz, sondern schwirrt generell als bürgerliche Aussteiger-Idee herum. Das ist aber ein sehr schlechtes Framing, wenn man breitenwirksam sein möchte. Dieser Idee wohnt eine Klassenkomponente inne. Verzicht ist nur dann attraktiv, wenn man ihn nie unfreiwillig üben muss. Für Menschen, die wissen, was es heißt, sich nicht einmal die Nudelmarke im Supermarkt aussuchen zu können (sondern automatisch die billigste zu nehmen), ist die Idee, dass sie auf noch mehr verzichten müssen, keine Befreiung. Will die Klimaschutzbewegung ihre maßgebliche Unterstützungsbasis verbreitern, dann wird das nicht über „Verzicht“ gehen.

Es wird auch nicht mit der Idee eines „Wir“ gehen, das bislang ein gutes Leben geführt hat, wie Klimaschutzministerin Leonore Gewessler (Grüne) es ausdrückt. „Wir“ haben gar nix.

Nicht alle haben gut gelebt

Die Trennung verläuft nicht zwischen jung und alt, sondern zwischen oben und unten. Einige haben wirklich ausgesprochen gut gelebt. Viele haben nicht gut gelebt und konnten weder frei wählen, ob sie diesen oder jenen Job machen, noch was sie konsumieren wollen. Sie konnten ihr Leben nicht nach einer Klimabilanz richten. Wer gesellschaftliche Mehrheiten für wirksamen Klimaschutz möchte, darf deshalb nicht den Verzicht als etwas Positives preisen. Es dürfen schon Leute individuell auf etwas verzichten, etwa auf die x-te Million Vermögen, das Drittauto oder die eigene Luxusyacht.

Nahezulegen, dass man das ohnehin anstrengende Leben einer Mehrheit von Menschen mühsamer macht, ist aber ein sehr schlechter Weg. Denn dann beginnen die Bilder zu wirken, die Kurz hier vorschiebt: Steinzeit, vergangene Jahrhunderte. Der Film, der abgerufen wird ist: Kein Strom, weite Wege zu Fuß und Tagesreise statt eine Stunde mit dem Auto fahren.

Es für die Vielen besser machen

Viel wichtiger wäre es, die Veränderung und die Idee der Zukunft in Worte zu fassen. In einer klimagerechten Zukunft leben wir in Städten mit viel Grün, können uns, wie in vielen mediterranen Orten üblich, draußen vor der Haustüre zum Quatschen und Spielen treffen. Arbeitsplätze sind gut und nah, sodass man bequem hinkommt. Statt ausgestorbener Dörfer gibt es aktive Gemeinschaften und kurze Wege, auch und gerade zu Bildungsstätten. Es könnte sogar sehr viel besser werden als es jetzt ist. Klimaschutz nicht als mühsames Hausaufgaben-Projekt, sondern Klimaschutz als Weg, um eine wirklich schöne Zukunft zu gestalten, in der alle sehr gut leben können.

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