Ein Luchs gähnt.

Luchse waren in Österreich ausgerottet. Erst durch Wiederansiedlung gibt es mittlerweile wieder 15 bis 20 Exemplare.

Foto: Frida Lannerström on Unsplash

/ 13. April 2022

Die 15. UN-Konferenz zur Biodiversität im chinesischen Kunming wurde erneut verschoben. Im August soll nun über ein globales Abkommen zum Schutz von 30 Prozent der weltweiten Landflächen und Ozeane verhandelt werden. Doch das Abkommen droht zu kippen. Wir haben für dich zehn Fakten aus einem Bericht des “Leibniz Forschungsnetzwerk Biodiversität” zusammengefasst - denn anders als die Konferenz lässt sich das Artensterben leider nicht verschieben.

#1 Es gibt mindestens zehn Million Tier- und Pflanzenarten. Eine Million sind vom Aussterben bedroht.

Bis heute wissen wir nicht so genau, wie viele Tier- und Pflanzenarten es wirklich gibt. Schätzungen gehen von etwa zehn Millionen aus. Es könnten aber auch 100 Millionen sein und eine Studie spricht gar von einer Milliarde. Bisher kennen wir aber nur etwa zwei Millionen Arten. Jährlich kommen rund 10.000 Neuentdeckungen hinzu.

Der Weltrat der Biodiversität (IPBES) - das Pendant zum Weltklimarat - geht davon aus, dass mittlerweile mindestens eine Million Arten vom Aussterben bedroht sind. Von vielen Arten werden wir nie erfahren. Sie sterben unentdeckt aus. In Europa sind beispielsweise 40 Prozent der Süßwasserfische, 20 Prozent der Reptilien, 17 Prozent der Säugetiere und 16 Prozent aller wild wachsender Nutzpflanzen besonders gefährdet. Sie stehen auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN).

#2 Mehr als 70 Prozent der Daten zur Artenvielfalt werden von Menschen erfasst, die nicht in der Wissenschaft tätig sind.

Dass wir die Vielfalt der Tier- und Pflanzenwelt überhaupt ansatzweise beziffern können, verdanken wir vielen Menschen, die dies in ihrer Freizeit tun. Sie tragen mehr als 70 Prozent aller Daten zusammen. Diese Art der Datenerhebung nennt sich “Citizen Science” (deutsch: “Bürgerforschung”). Dabei werden beispielsweise beim Spazieren im Wald die Arten gezählt und gemeldet. Manchmal suchen aber auch Wissenschafter:innen nach Freiwilligen, die bei der Auswertung der Messungen helfen oder bestimmte Gebiete regelmäßig begehen, um bekannte Arten zu dokumentieren. Zudem werden grenzüberschreitende Forschungsprojekte immer wichtiger. Wie auch du aktiv werden kannst, erfährst du hier.

#3 Ein offener Zugang zu Forschungsdaten zu Biodiversität ist unumgänglich.

Viele Daten und Fachzeitschriften - beispielsweise das renommierte Magazin “Nature Communications” - sind nur mit teuren Abos abrufbar. Die dahinterstehenden Verlage sind deshalb massiv in der Kritik. Universitäten können sich den Zugang nicht mehr leisten und müssen darauf verzichten. Rohdaten zur weiteren Forschung sind zudem oft nur mit großem Aufwand erhältlich.

Gerade in der Tier- und Pflanzenwelt fehlen noch viele Daten. Wenn nun also die wenigen verfügbaren Informationen irgendwo verschlüsselt auf einem Server verstauben, hat niemand etwas davon. Ein entsprechender Schutz der Artenvielfalt wird nur dann möglich sein, wenn diese Daten frei zur Verfügung gestellt werden (“open access”). So ist beispielsweise die Datenbank der Internationalen Vereinigung der Gensequenzdaten weltweit frei nutzbar. Auf ihr sind über eine Trillion Gensequenzen gespeichert, die zur Erforschung von Krankheitserregern verwendet werden können.

#4 Maßnahmen zum Artenschutz können den Ausbruch von Infektionskrankheiten eindämmen.

Zukünftig werden uns Infektionskrankheiten häufiger zu schaffen machen. Das liegt daran, dass der Mensch die Natur immer weiter zurückdrängt. Wenn wir in den natürlichen Lebensraum exotischer Tierarten eindringen, riskieren wir damit auch, dass Erreger auf uns übergehen. So soll beispielsweise HIV vor gut 100 Jahren von Affen auf Menschen übergesprungen sein. Auch Corona dürfte einen tierischen Wirt gehabt haben.

Rund 75 Prozent der neu auftretenden Infektionskrankheiten sind mittlerweile eben solche Zoonosen. Auch die Massentierhaltung ist dafür stark verantwortlich. Mit ihr zerstören wir durch den Anbau von Futter auf neuen Agrarflächen wiederum die Natur, und damit auch den Lebensraum vieler Arten.

#5 Klima- und Artenschutz begünstigen sich gegenseitig.

In den vergangenen zehn Jahren haben Ökosysteme an Land - also Wälder, Moore und Feuchtgebiete etwa -, sowie Flüsse, Seen und Ozeane rund 55 Prozent des menschenverursachten CO2 aufgenommen. Werden diese Ökosysteme wie bisher weiter zerstört, so werden sie auch immer weniger des klimaschädlichen Treibhausgases speichern können. Schlimmer noch: Es entweicht sogar mehr CO2, und dieses heizt die Klimakrise weiter an. Durch die fortschreitende Erderhitzung geraten dann beispielsweise Bäume unter Hitzestress. Sie werden anfälliger für Insektenfraß und Waldbrände. Ein Teufelskreis.

Besonders drastisch wird es dann, wenn die Permafrostböden Sibiriens zu tauen beginnen. Dadurch entweichen Unmengen des noch klimaschädlicheren Methans in die Atmosphäre. Die Folgen dessen wären unumkehrbar. Durch gezielte Maßnahmen könnten aber sowohl das Klima als auch die Artenvielfalt geschützt werden: etwa, indem weitere Moore und Feuchtgebiete angelegt werden. Diese können auf gleicher Fläche dreimal so viel CO2 speichern wie Wälder.

#6 Die unsichtbare Artenvielfalt muss ebenso beachtet werden.

Meist denken wir beim Artenschutz ja an Elefanten, Tiger und den Klima-Eisbären. Aber auch das Leben unter der Oberfläche stirbt unsichtbar. In Flüssen und Seen gibt es seit 1970 um 84 Prozent weniger der größeren Wirbeltiere. Wie es um die Artenvielfalt in unseren Böden steht, ist überhaupt noch kaum erforscht. In einer Handvoll Erde leben beispielsweise mehr Organismen als es Menschen auf dem Planeten gibt. Die Artenvielfalt in den Böden ist besonders wichtig für die Ernährungssicherheit, die aufgrund des Kriegs in der Ukraine ohnehin schon massiv unter Druck steht.

#7 Es braucht eine Umstrukturierung der Landwirtschaft und entsprechende finanzielle Anreize.

Düngemittel, Pestizide und Monokulturen sind der Tod der Artenvielfalt. Mehr als die Hälfte der Böden sind mittlerweile in einem schlechten Zustand. Der Mensch hat 77 Prozent der Landflächen weltweit - ausgenommen der eisbedeckten Antarktis - bereits stark verändert. Fast 40 Prozent der pflanzlichen Vielfalt sind mittlerweile vom Aussterben bedroht.

Gleichzeitig wachsen auf fast 40 Prozent der Ernteflächen nur mehr wenige Getreidesorten wie Mais, Weizen und Reis. Es braucht deshalb ein Umdenken in der Landwirtschaft. Dafür nötig sind unter anderem finanzielle Anreizsysteme etwa durch die EU-Agrarpolitik - aber diese zeigt sich noch immer konservativ-zurückhaltend.

#8 Für jeden Euro zum Schutz der Artenvielfalt werden gleichzeitig 22 Euro investiert, die der Natur schaden.

Rund 140 Milliarden US-Dollar werden jährlich für den Schutz der Artenvielfalt ausgegeben. Klingt viel? Gleichzeitig fließen aber rund 500 Milliarden an öffentlichen Subventionen und noch einmal geschätzt 2.600 Milliarden an privaten Investitionen in Sektoren, die der Natur schaden.

Wenn die Artenvielfalt verloren geht, verlieren wir aber auch einen wichtigen Teil unserer Lebensgrundlage - und dann sind die Billionen an naturschädigenden Investitionen auch nichts mehr wert. Deshalb müssen im Finanzsektor die Risiken des Verlusts der Artenvielfalt entsprechend mitgedacht werden. Einer älteren Studie zufolge bringt uns diese mindestens 75 Billionen US-Dollar jährlich. Das ist in etwa gleich viel als die damalige Weltwirtschaftsleistung. Der tatsächliche Wert ist aber um ein Vielfaches höher und nicht bezifferbar. Durch einen rapiden Verlust der Artenvielfalt würde wohl die gesamte Weltwirtschaft einbrechen.

#9 Indigene Völker schützen mindestens ein Drittel der Gebiete mit der größten Artenvielfalt.

Mindestens 32 Prozent der globalen Landfläche sind in Besitz von Indigenen Völkern und lokalen Gemeinschaften oder werden von ihnen verwaltet. Damit bevölkern sie 36 Prozent der Gebiete mit der größten Artenvielfalt und halten rund 91 Prozent davon in einem guten ökologischen Zustand.

Viele der noch 5.000 verbliebenen Indigenen Völker sind durch ihre traditionelle Lebensweise auf eine intakte Natur angewiesen. Sie fischen, sammeln Früchte und Beere oder gehen jagen. Artenvielfalt und kulturelle Vielfalt liegen hier eng beieinander. Verändern diese Völker ihre Lebensweise aus Zwang oder freien Stücken, droht mit der Kultur auch das Wissen über den Schutz der Artenvielfalt verloren zu gehen. 

Indigene Völker werden immer weiter zurückgedrängt. In Indonesien wurde beispielsweise ein Gesetz geschaffen, wodurch ihnen leichter Waldgebiete entzogen werden können. Dort entstehen stattdessen Palmölplantagen.

#10 Ein globales Abkommen soll bis 2030 mindestens 30 Prozent der Landflächen und Ozeane unter Schutz stellen.

Bis zu 50 Prozent der Landflächen und Ozeane müssen bis 2030 unter Schutz gestellt werden. Das fordert ein gemeinsamer Bericht des Weltklimarats und Biodiversitätsrats.

Ganz so weit wird die internationale Politik auf der anstehenden UN-Biodiversitätskonferenz in Kunming (China) wohl nicht gehen. Dort soll über den Schutz von Landflächen und Ozeane verhandelt werden. Man erwartet dort aber nicht, dass es mehr als 30 Prozent werden. Ziel ist, bis 2050 wieder im Einklang mit der Natur leben zu können. Dafür wird es aber nicht nur auf der Konferenz eine große Überraschung brauchen - sondern auch auf der nächsten Weltklimakonferenz im Herbst 2022 in Ägypten.

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