Daniela Brodesser und ihre neue Kolumne: Armutprobe. Das Cover zeigt Brodessers skizziertes Porträt.
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Daniela Brodesser

/ 25. November 2020

Wenn ich meinen Job heute mit denen vergleiche, die ich noch vor ein paar Jahren machen "musste", weiß ich, wie glücklich ich mich schätzen kann. Fixe Arbeitszeiten, korrekte Abrechnungen, ein wertschätzendes Miteinander. Dieses Coronajahr ist extrem herausfordernd ist mit Job, Lockdowns, Distance Learning und Risikokind. Aber ich möchte nicht wissen, wie es in einer der früheren prekären Arbeitsstellen wäre. 

Wegen der eingeschränkten Kinderbetreuung am Land und fehlender Kontakte war es für mich sehr schwer, eine Arbeit zu finden. Am ehesten ging das noch in der Gastronomie der Umgebung. Beim Einstellungsgespräch klang alles noch relativ gut: Wochendienstpläne, geregelte Arbeitszeiten. Trinkgeld. Die ersten Tage waren auch so. 

Vom Tratsch zur Ausnutzung

Dank unserer Dorfnachbarn, die gerne überall von unserer Situation erzählten, hatte mein Chef hatte sehr schnell mitbekommen, dass wir finanziell am untersten Limit waren. Ab diesem Zeitpunkt war es reinstes Ausnutzen. 

Es war ein geringfügiger Job, mehr Stunden gingen sich auch nicht aus. Doch ab der zweiten Woche hat er verlangt, dass ich auch Abenddienste mache. Die Kinder könnten doch alleine zuhause bleiben. Das wäre doch nicht weit weg und die Nachbarn in der Nähe. 

Genau das wollte ich eigentlich nicht, denn unsere Jüngste hatte durch ihre Vorerkrankung massive gesundheitliche Probleme und mein Mann musste auch oft abends arbeiten. Aber ich habe mich überreden lassen. Sonst denken wieder alle von mir, ich wolle doch gar nicht arbeiten und suche nur Ausreden.

"Stell dich nicht so an"

Es war ein Dorfwirtshaus, wie man es sich vorstellt. Je später der Abend, je betrunkener die Stammgäste, desto öfter wollten sie grapschen. Mich beim Chef beschweren, mich dagegen wehren? "Stell dich nicht so an, das gehört dazu! Außerdem seid ihr angewiesen auf das Geld." 

Ich bin still geblieben. Habs mir gefallen lassen. Eben, weil wir jeden Cent so dringend gebraucht haben. Damals habe ich mich dafür gehasst, mich so "billig" herzugeben. Dafür, dass ich mir so viel gefallen lassen. Heute weiß ich, dass ich nicht mich dafür hassen muss, sondern ein System, das genau solche Jobs möglich macht. Jobs, in denen Menschen ausgenutzt, erniedrigt, gedemütigt werden.

Gäbe es keine Armut mehr, gäbe es auch diese Jobs nicht mehr. 

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