Frau liegt im Bett
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/ 27. April 2021

Anna (32) und ihr Mann werden immer wieder gefragt, wann denn das Kind kommt. Diese Frage verletzt Anna. Sie hat mittlerweile vier Fehlgeburten überstanden. Für unsere Serie "Was ich wirklich denke", erzählt sie, wie es ihr nach den Fehlgeburten ging und wieso sie niemals nach der Familienplanung fragen würde.

Ich bin 32 Jahre alt, seit vier Jahren verheiratet und werde ständig danach gefragt, wann wir endlich ein Kind bekommen. Wenn ich auf diese Frage wahrheitsgemäß antworte, kann niemand mit meiner Antwort umgehen. Denn mein Mann und ich versuchen seit vier Jahren ein Kind zu bekommen – in dieser Zeit hatte ich vier Fehlgeburten.

Die Fehlgeburten passierten jeweils im ersten Trimester. Aber ich hatte schon bemerkt, wie sich mein Körper veränderte. Es war sehr anstrengend für meinen Körper, innerhalb von zwei Jahren viermal schwanger zu sein. Nach der zweiten Fehlgeburt hatte ich ein paar Monate später eine Serie von Panikattacken und ein Burnout. In dieser Zeit nahm ich auch Antidepressiva und ging zu einer Psychiaterin. Gerade in einer solchen Situation würde man sich einen besonders sensiblen Umgang erwarten. Von Bekannten und Verwandten musste ich mir immer wieder blöde Kommentare anhören oder Rede und Antwort zu meiner Familienplanung stehen.

Familienplanung ist ein sensibles Thema

Meine alleinstehende Schwiegermutter gibt mir beispielsweise oft zu verstehen, dass ihr Leben mehr Sinn hätte, wenn ein Enkelkind da wäre. Auf der Babyparty einer Freundin wurde ich auch von ihrer Oma gefragt, wann es denn bei mir so weit sei. Ab einem bestimmten Alter wird man als Frau ständig nach der Kinder- und Familienplanung gefragt. Mein Mann wird hingegen von solchen Fragen verschont. Da geht oft ein gesellschaftliches Bild mit einher. Die Frau, bei der alles funktionieren muss: die Karriere, die Beziehung, die Kinderplanung.

Mittlerweile gebe ich den Leuten aber auch ungeschönt direkte Antworten und sage ihnen, dass ich bereits vier Fehlgeburten hatte. Mein Gegenüber ist das dann meist sehr unangenehm und es tut ihnen leid. Ich selbst habe mir vorgenommen, dass ich nie wieder jemanden frage: Willst du ein Kind oder wann bekommst du ein Kind? Das ist so ein persönliches Thema und ich kann nie wissen, was die Person erlebt hat und ob sie über ihre Situation sprechen will.

Ich wünsche mir bessere Versorgung bei einer Fehlgeburt

Einen sensiblen Umgang mit dem Thema haben leider auch nicht alle ÄrztInnen. Meine alte Gynäkologin habe ich genau aus diesem Grund gewechselt: Sie hat mir zu verstehen gegeben, dass ich ein besonders schwieriger Fall bin. Das hat mich fertig gemacht. Obwohl ich lange großes Vertrauen in die Kassenmedizin hatte, bin ich dann zu einer spezialisierten, privaten Ärztin gegangen. Ich wollte auch, dass sie sich für mich Zeit nehmen und mir alles in Ruhe erklären kann. Genügend Zeit für ihre PatientInnen fehlt den KassenärztInnen oft.

Eine gute medizinische Betreuung ist das A und O, wenn man in einer solchen Lage steckt. Eine solche musste ich mir im Laufe der Jahre aber erst „erarbeiten“. Nach drei Fehlgeburten zahlt die Krankenkasse eine große medizinische Abklärung. Da werden genetische und hormonelle Faktoren untersucht, es wird auch eine Gebärmutterspiegelung gemacht. Wenn, wie bei mir, Erkrankungen oder Funktionsstörungen schon bekannt sind, sollte man Frauen aber nicht dazu zwingen, drei Fehlgeburten abzuwarten, um diese Untersuchung machen zu können. Sie sollten das schon früher in Anspruch nehmen können.

Man weiß nie, was man mit der Kinder-Frage auslöst

Man sollte auch leichter an spezialisierte Psychotherapie kommen können. Vielen Frauen geht es nach einer Fehlgeburt psychisch schlecht. Das muss sich nicht immer in Form von Trauer ausdrücken, sondern kann, wie bei mir, in einem Burnout enden.

Ich bin als Selbstständige in einer speziellen Situation. Wenn ich mich krankschreibe, dann verliere ich Geld. Nach meinen Fehlgeburten habe ich auch meist einfach weitergearbeitet, außer es ging mir psychisch sehr schlecht. Ich wusste nie, ob ich KundInnen einfach sagen soll, dass ich eine Fehlgeburt hatte.

Ich finde es sehr wichtig, dass wir als Gesellschaft offen über das Thema sprechen. Viele Schwangerschaften enden in einer Fehlgeburt. Viele Menschen kennen den Schmerz. Wir brauchen bessere medizinische und psychiatrische Versorgung und Aufklärung. In Neuseeland wurde kürzlich beschlossen, dass Paaren, die eine Fehl- oder Totgeburt erleiden mussten, künftig drei Tage Trauerurlaub nehmen können. Gerade im Fall einer Totgeburt ist das natürlich viel zu wenig, es ist aber zumindest ein Anfang. Bis es in Österreich so weit ist, kann ich nur alle Menschen bitten: Fragt nicht einfach so nach der Familienplanung. Man weiß nie, was das auslöst.

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