Frauen als Fußabtreter der österreichischen Politik
Da wäre etwa der Tiroler Landeshauptmann Anton Mattle (ÖVP) mit dem wahnwitzigen Vorschlag, 45 Beitragsjahre für die Pension gesetzlich zu verankern. Sozioökonomie ist nicht unbedingt das Steckenpferd des Tiroler Landeshauptmanns, selbstverständlich bekommt sein Vorschlag von realen Expert:innen eine Abfuhr. Die Argumente sind selbstredend. Kaum jemand schafft die Beitragsjahre bis 65 und müsste dann länger arbeiten oder mit Abschlägen in Pension. Am härtesten würde es Frauen treffen, die durch Schwangerschaft, Kindererziehung, Teilzeitjobs und Pflege der Eltern in einen immer tieferen Strudel aus Abhängigkeit und Altersarmut getrieben würden. Am Ende bleibt für sie bei Mattles Vorschlag fast gar nichts mehr übrig, zum Leben reicht es schon jetzt kaum.
Tirols Landeshauptmann gegen Arbeitnehmerinnen
Mattles Vorschlag ist beinhartes Lobbying gegen Arbeitnehmer:innen. Sein Vorschlag ist nichts anderes als eine massive Pensionskürzung und ein Raub an den wenigen gesunden Lebensjahren, die Arbeitnehmer:innen in der Pension haben. Das betrifft vor allem Menschen, die in körperlich anstrengenden Berufen arbeiten. Schon jetzt gehen viele von ihnen nicht gesund in Pension. Müssen sie bis 70 arbeiten, verringert sich dieser Anteil weiter und die Menschen haben kaum noch gesunde Jahre für Hobbies, Enkel oder sich selbst. Arbeiten und dann gleich tot umfallen ist bekanntlich die unausgesprochene Traumarbeitnehmerin für Neoliberale.
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Hans-Peter Doskozil fordert Wehrdienst für Frauen
In dieselbe Richtung gehen die Vorschläge von Burgenlands Landeshauptmann Hans-Peter Doskozil (SPÖ), der Frauen für den Wehrdienst verpflichten will. Dass das heute nicht der Fall ist, bedeutet ein Jahr beruflichen Vorteil für Frauen. Doch den Vorteil verlieren sie spätestens mit Schwangerschaft und Kinderbetreuung. Es ist nur ein kleiner Trost im Karriereverlauf für Frauen. Nimmt man ihnen diesen, dann geht die Schere zwischen Männern und Frauen noch weiter auseinander. Am Ende fehlen Frauen wieder Beitragsjahre und die Pension fällt noch geringer aus.
Doskozil erwähnt wie einen fast schon lästigen Nebengedanken, dass man über das Karenzsystem auch reden könne. Am Ende des Tages werde man die absolute Geschlechtergerechtigkeit aber nicht erreichen. Dabei müsste das Karenzsystem die Hauptdebatte sein und wenn dieses wirklich gleichberechtigt geklärt ist, dann kann man über alles andere reden. Die Unterbrechung durch Schwangerschaft und Kindererziehung wirkt so viel mehr wie ein Wehr- und Zivildienst für Männer und trotzdem wird letzteres in den Blick genommen. Frauen fallen auch hier einfach hinten runter.
Was gilt als Arbeit?
Diese Geringschätzung für Frauen gipfelte im Sager von Kanzler Stocker, dass Sorge-Arbeit keine Arbeit ist. Stocker entschuldigte sich ein bisschen in bekannter “Wenn sich wer verletzt fühlt”-Manier. Danach folgte eine peinliche, von Viertelwissen geprägte Diskussion von Medienmännern darüber, was Stocker eigentlich gemeint hat. Männer diskutieren, ob Erwerbsarbeit die einzig richtige Arbeit ist. Unbezahlte Arbeit, Care-Arbeit, Sorgearbeit (wie auch immer man das Kind nennen möchte) ist aber eine notwendige Bedingung, damit das System der Erwerbsarbeit überhaupt funktioniert.
Frauen sind mehrfach belastet
Lange hat für bürgerliche Familien das Modell des Vaters als einzigen Einkommensbezieher funktioniert. Damit er dieser Rolle überhaupt nachgehen konnte, musste Frau sich um Kind und Haushalt kümmern. Dieses Alleinverdiener-Modell verhinderte finanzielle Eigenständigkeit und bedeutete damit eine massive Abhängigkeit der Frau. Das wiederum bedeutet, dass Frauen auch gewalttätigen Männern ausgeliefert waren.
Es sind große Verdienste von Feministinnen, die diese Zustände nach und nach besserten und Frauen als eigenständige Bürgerinnen wahrnahmen und ihnen eigenständige Möglichkeiten gaben. Dazu gehörte auch, dass Frauen arbeiten und Geld verdienen können. Die Sorgearbeit musste aber trotzdem verrichtet werden und blieb (bis heute) zum größten Teil an Frauen hängen - neben der neu dazugewonnenen Erwerbsarbeit. Dabei können Frauen heute nicht nur arbeiten - sie müssen. Es ist der größte Trick des Neoliberalismus, dass inzwischen zwei Einkommen oft gerade so ausreichen, um halbwegs gut zu leben, wo vorher eins reichte.
Rechte und Konservative wollen das alte Modell zurück
Rechte und Konservative sehnen sich nicht nur materiell, sondern auch gesellschaftlich nach dem alten Modell zurück. Und man kann das aktuelle System auch durchaus kritisch sehen - auch ohne Frauen zu verachten. Die Frau aus Stockers Publikum zielte mit ihrer Frage sogar genau darauf ab: Das aktuelle System funktioniert so nicht.
Es wäre eine gute Gelegenheit, um über Arbeit zu reden. Welche Arbeit ist wirklich gesellschaftlich relevant? Ist jede Erwerbsarbeit wirklich ein Gewinn? Nach welcher Verteilung von Erwerbsarbeit und Sorgearbeit sehnen sich eigentlich Eltern? Muss die Entscheidung für Sorgearbeit Abhängigkeit und Armut bedeuten? Wie würde unsere Gesellschaft ausschauen, wenn wir Sorgearbeit wirklich wichtig nehmen würden, und zwar für Männer und Frauen?
Stattdessen arbeiten Männer in der österreichischen Politik daran, die Situation für Frauen weiter zu verschärfen, statt sie und alle aus diesem nicht funktionierenden System zu befreien.
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