Zu sehen ist eine junge Frau, die ihr Baby im Arm hält. Ihr Blick ist gesenkt. Im Artikel geht es um Vorurteile bei Armut.

Alleinerziehende Mütter sind besonders gefährdet, in Armut abzurutschen. Wie viele andere sind sie mit falschen Vorurteilen konfrontiert.

Foto: Sharon McCutcheon für Unsplash

/ 20. Mai 2022

Unter dem Hashtag #IchBinArmutsbetroffen berichten Menschen aus ihrem Leben. Das ist mutig. Denn wer in Armut lebt, wird mit vielen falschen Vorurteilen konfrontiert. Das erschwert ihre Situation zusätzlich. In diesem Text wollen wir einige der meistverbreiteten Vorurteile gegen Armutsbetroffene ausräumen.

#1 Wer arm ist, ist selber schuld?

Falsch. Armut wird ähnlich wie Vermögen in Österreich vererbt. Das heißt: Wer in Armut aufwächst, ist später wahrscheinlich auch arm. Der soziale Aufstieg gelingt in Österreich nur schwierig.

Kein Kind kann entscheiden, in welche Familie es hineingeboren wird und welche Chancen es dadurch bekommt oder verpasst. Besonders deutlich wird das bei Bildung. Höhere Bildungsabschlüsse bedeuten immer noch höheres Einkommen.

 

Bildung wird in Österreich vererbt

Neben der finanziellen Herkunft gibt es unzählige weitere Faktoren, die das Risiko für Armut erhöhen. Behinderung und chronische Krankheiten zählen dazu. Aber auch Alleinerzieher:innen sind besonders gefährdet.

Rund 300.000 Menschen in Österreich sind von Armut gefährdet, obwohl sie eine Arbeit haben. Die Hälfte der Betroffenen arbeitet sogar Vollzeit. Das schützt sie nicht vor drohender Armut.

#2 Arme nutzen den Sozialstaat aus?

Falsch. Besonders oft im Fokus stehen Menschen, die Mindestsicherung beziehen. Sie ist die letzte Absicherung am Existenzminimum. Was viele nicht wissen: 71 Prozent der Haushalte, die Mindestsicherung beziehen, stocken nur auf. Außerdem nehmen nicht alle die Sozialleistung in Anspruch, auch wenn sie könnten. 73.000 Haushalte verzichten auf die Mindestsicherung - aus Angst vor Stigmatisierung.

Sozialleistungsbetrug ist ein beliebtes Thema in Boulevardzeitungen und bei konservativen Politiker:innen. Kein Wunder also, dass sich das Bild der betrügerischen Sozialleistungsbezieher:innen in vielen Köpfen verfestigt hat. Mit der Realität hat das wenig zu tun.

2021 entstand durch Erschleichen von Sozialleistungen ein Schaden von etwa 20 Millionen Euro. Dahinter stecken viele harmlose Geschichten. Etwa eine Frau, die ihre Familie im Ausland besucht und sich in der Zeit nicht beim AMS abgemeldet hat. Der große Betrug ist deshalb natürlich kein harmloses Kavaliersdelikt, aber auch der absolute Ausreißer.

Verglichen mit anderen Betrügereien ist der Schaden klein. Unternehmen verursachen beispielsweise in einem einzigen Jahr über eine Milliarde Euro an Schaden, indem sie Löhne und Zuschläge nicht korrekt ausbezahlen.

Mehr zu Lohnraub liest du hier.

#3 In Österreich ist niemand wirklich arm?

Falsch. Österreich ist verglichen mit anderen Ländern reich. Das Durchschnittseinkommen ist höher, der Sozialstaat verteilt um und rettet viele vor der Armut. Das bedeutet aber nicht, dass Armut hierzulande nicht existiert. Über 200.000 Menschen in Österreich sind "erheblich materiell depriviert" - also arm. Und das sind nur die schlimmsten Fälle: Auch für die 1,3 Millionen armutsgefährdeten bedeutet ihre finanzielle Situation ganz klar, dass sie sich bei der Teilhabe an der Gesellschaft einschränken müssen.

Eine Mutter aus der Steiermark erzählt etwa, dass sie sich wegen der Stromnachzahlung entscheiden musste: Essen für die Kinder oder ein warmes Zuhause? Eine Pensionistin berichtet, wie sie im Alter obdachlos wurde. Armuts-Aktivistin Daniela Brodesser hat sogar über ihre Erfahrungen mit Armut eine ganze Kolumne geschrieben.

Diese Geschichten gibt es. Nur macht Armut eben auch unsichtbar. Deswegen sind Aktionen von direkt Betroffenen wie der Hashtag #IchBinArmutsbetroffen so wichtig.

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