Veronika Wirth von Platz für Wien
Veronika Wirth von "Platz für Wien" auf temporärer Fahrradspur in Wien-Ottakring. "RadfahrerInnen sind auf Hauptstraßen sehr gefährdet", sagt sie.
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/ 7. Juli 2020

Eine Bürgerinitiative kämpft dafür, Wien freundlicher zu machen für Menschen, die zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs sind. Denn: "Zum Großteil ist Wien nicht angenehm für Menschen, die sich aktiv fortbewegen", sagt Veronika Wirth von "Platz für Wien" im Interview mit MOMENT. Wien sei noch immer mehr eine Stadt für Autos: Zu schmale Gehsteige, zu wenige Radwege, zu viele Fahrspuren für Autos, zugeparkte Straßen und Plätze. Die Initiative, die bisher mehr als 23.000 Unterschriften sammeln konnte, fordert konkrete Maßnahmen von der Stadtregierung, die bisher eher auf der Bremse stehe. "Viele neue Vorschläge stoßen hier schnell auf Widerstand," sagt Wirth.

 

MOMENT: Wie menschenfreundlich sind Wiens Straßen?

Veronika Wirth: Nicht sehr menschenfreundlich. FußgängerInnen und RadfahrerInnen haben sehr wenig Platz. Der wurde in den vergangenen Jahren sogar noch weiter eingeschränkt mit Parkflächen auf Gehsteigen. Die Menschen sind dem Staub und Lärm des Autoverkehrs ausgesetzt. An vielen Haltestellen gibt es keine Wartehäuschen und sie stehen ungeschützt in Hitze und Regen. RadfahrerInnen sind auf Hauptstraßen sehr gefährdet. Zum Großteil ist Wien nicht angenehm für Menschen, die sich aktiv fortbewegen.


MOMENT: Was muss passieren, damit Straßen für FußgängerInnen benutzbarer werden?

Wirth: Zuallererst gehören die Gehsteige verbreitert. Es gibt immer noch sehr viele, die nicht dem Mindestmaß von zwei Metern entsprechen. Und wenn, dann sind sie oft mit Hindernissen verstellt. Die gehören beseitigt. Beschattung ist sehr wichtig. Es müssen unversiegelte, begrünte Flächen geschaffen werden. Man sollte auch begrünte und verkehrsberuhigte Straßenzüge einrichten, wo nur RadfahrerInnen und FußgeherInnen unterwegs sind.

Die Straßen Wiens sind nicht dazu errichtet worden, dass links und rechts permanent Autos stehen.

MOMENT: Um an manchen Stellen die Gehwege zu verbreitern, müsste man entweder die Häuser abreißen oder Parkplätze entfernen. Sie sind wohl für Letzteres?

Wirth: Es wird nicht anders möglich sein. Die Straßen Wiens sind nicht dazu errichtet worden, dass links und rechts permanent Autos stehen. Noch dazu dauerparkende Autos, die ja 95 Prozent der Zeit nur stehen und nicht fahren. Die Parkplätze müssen unter die Erde oder ganz entfernt werden. Wenn wir die Verkehrswende einleiten können und wenn mehr Leute auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen, dann werden es automatisch weniger.


MOMENT: Um den Platz in der Stadt tobt ein Verteilungskampf. Derzeit stehen rund zwei Drittel der Verkehrsflächen den Autos zur Verfügung. Ist es aus Ihrer Sicht verständlich, dass es so viel Widerstand dagegen gibt, diesen Anteil zu verringern?

Wirth: Es ist verständlich, wenn man Wien und die WienerInnen kennt. Viele neue Vorschläge stoßen hier schnell auf Widerstand – auch weil sich die Menschen kein Bild von dem machen können, was möglich ist. Wenn sie erst einmal erleben können, wie viele Gestaltungsmöglichkeiten autofreie Flächen bieten und wie viel Lebensqualität sie bekommen können, dann wäre es leichter möglich das durchzusetzen.

Die SPÖ schielt sehr stark auf Autofahrende als potenzielle WählerInnen.

MOMENT: Auch in der Wiener Stadtpolitik gibt es starke Beharrungskräfte. In Verkehrs-Masterplänen steht sehr viel drin, aber es wird wenig gemacht. Sind Sie enttäuscht, dass die Stadt ihre eigenen Pläne nicht umsetzt?

Wirth: Das ist auch ein Grund, warum es uns gibt. Vieles ist schon konzipiert worden. Es ist vieles auch schon im Gemeinderat beschlossen worden. Aber in Wien müssen dann oft die Bezirke das umsetzen, und viele von denen weigern sich. Auch deshalb ist vieles sehr träge.
 

MOMENT: Vor allem in den Flächenbezirken ist die regierende SPÖ sehr beharrend, wenn es darum geht, den Verkehr umzugestalten. Ist die SPÖ ein Bremser in der Verkehrspolitik?

Wirth: Ja! Ich glaube, dass die SPÖ sehr stark auf die Autofahrenden als potenzielle WählerInnen schielt und alles, was Parkplätze angreift, lieber nicht angeht. Ich weiß, dass es auch in der SPÖ andere Stimmen gibt, aber dieser Ton herrscht momentan vor. Dabei hat es auch einen sozialen Aspekt hier Maßnahmen zu ergreifen. Die Menschen sind den Auswirkungen des motorisierten Verkehrs voll ausgesetzt. Auch ein Auto kostet viel Geld. Es Leuten zu ermöglichen, das Auto stehen zu lassen oder ganz ohne Auto zu leben, weil die Radwege schön und sicher sind, ist auch eine soziale Maßnahme.


MOMENT: Müssen Autos aus der Innenstadt verbannt werden?

Wirth: Nicht komplett. Es gibt Funktionen des Autos, die man aufrechterhalten soll und muss: Einsatzfahrzeuge, Handwerker, Lieferverkehr, Behindertentransporte. Die Situation für den Wirtschaftsverkehr wäre auch schon besser, wenn oberirdische Parkplätze verschwinden und Autos in Parkgaragen landen.

Bei der autofreien City muss noch mehr kommen.

MOMENT: Wie bewerten Sie das Projekt „autofreie“ City von Grünen und ÖVP im 1. Bezirk?

Wirth: Das ist sehr positiv. Es kommt darauf an, wie es umgesetzt wird. Der springende Punkt wird sein, wie viel Parkfläche man übriglässt und wie viel man stattdessen umgestaltet und in angenehmen Raum und Fußgängerzonen verwandelt, also kurz: in Raum für Menschen.


MOMENT: Parkflächen zu reduzieren ist aber nicht Teil des jetzt vorgestellten Plans.

Wirth: Ja genau, hier muss noch mehr kommen.


MOMENT: KritikerInnen werfen Initiativen für weniger Verkehr schnell vor, sie wollen den Menschen das Autofahren verbieten. Wollen Sie Autofahren verbieten?

Wirth: In unseren Forderungen gibt es keine Verbote. Es wird weiter Autoverkehr geben. Aber wir wollen die Dominanz des motorisierten Verkehrs und die Ungerechtigkeit, die sich dadurch entwickelt hat, wieder umdrehen. Denn die verhindert, dass die Menschen in der Stadt mehr Lebensqualität haben. Es wäre nur gerecht, wenn die Stadt anders gestaltet werden würde. Die Autos sollen nicht den ganzen Platz in Anspruch nehmen.

Wenn die Alternativen attraktiv sind, werden sie freiwillig das Auto stehen lassen.

MOMENT: Wie können AutofahrerInnen überzeugt werden, auf andere Verkehrsmittel umzusteigen?

Wirth: Die Parkplätze sind in Wien verhältnismäßig günstig im Vergleich zu Garagenplätzen. Wenn man dieses Verhältnis ändert, dann werden Möglichkeiten zur Umgestaltung frei. Wenn die Leute dann sehen, dass sie mit dem Rad viel schneller ans Ziel gelangen, wenn sie den Weg zur U-Bahn mit einem Spaziergang durchs Grüne kombinieren können, wenn also die Alternativen attraktiv sind, werden sie freiwillig das Auto stehen lassen oder ganz darauf verzichten.


MOMENT: Sie haben bisher mehr als 23.000 UnterstützerInnen. Eine Mehrheit der WienerInnen ist das noch nicht. Glauben Sie dennoch, dass die Bevölkerung das will?

Wirth: Ich glaube, dass die Mehrheit das will. Aber ich glaube, viele haben das Bewusstsein dafür noch nicht: Sie sind mit einer Stadt voller Autos aufgewachsen und können sich gar nicht vorstellen, dass es etwas anderes gibt. Oder sie denken sich, es ist zwar unangenehm, aber nicht anders möglich. Unser Ziel ist zu zeigen, dass es möglich ist und dafür das Bewusstsein zu schaffen. Aber natürlich müssen wir dafür bekannter werden. Auch von den RadfahrerInnen kennen uns viele noch nicht.


MOMENT: In der Stadt kann ein Leben ohne Auto zweifellos funktionieren. Am Land sind extrem viele Menschen stark aufs Auto angewiesen. Was muss da passieren?

Wirth: Wenn ich zum Beispiel nach Niederösterreich schaue: Da wurden die öffentlichen Verkehrsmittel ausgehungert. Viele Strecken wurden stillgelegt, die Gleise herausgerissen. Fahrtintervalle wurden ausgedünnt. Ich kenne viele, die früher mit dem Bus gefahren sind, jetzt damit aber nicht mehr rechtzeitig in die Arbeit kommen und doch das Auto nehmen müssen. Es braucht dichtere Intervalle. Die verschiedenen Verkehrsmittel müssen sinnvoll kombiniert werden. Auch Elektromobilität sollte genutzt werden.


MOMENT: Wenn Sie sich umschauen, welche Städte sind international Vorbilder?

Wirth: Brüssel setzt jetzt eine autofreie Innenstadt um. Ljubljana hat das längst. Es gibt viele Aspekte, die man sich hierherholen kann. Kopenhagen hat einen hervorragenden Radverkehr. Dagegen hat es aber nicht diesen tollen öffentlichen Nahverkehr, den Wien zu bieten hat. Wenn wir die Verkehrswende schaffen, kann das von Wien als Touristenstadt ausstrahlen in die ganze Welt.

 

Zur Person: Veronika Wirth ist Zahnärztin und lebt in Wien-Ottakring. Sie ist eine von fünf SprecherInnen der Initiative "Platz für Wien". Diese sammelt Unterschriften für einen 18 Punkte umfassenden Forderungskatalog an die Stadtregierung. Ziel ist es, bis zum Wahltag im Herbst die für ein Volksbegehren in Wien notwendige Anzahl von 57.255 UnterstützerInnen zu erreichen. Bisher haben mehr als 23.000 WienerInnen unterschreiben.

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