Nur ein Experte durfte zum Klimaticket reden

In der Berichterstattung zum Klimaticket kam neben einer einzelnen Expertenmeinung kaum andere vor.

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/ 1. Oktober 2021

In Österreich gibt es nur einen Experten für öffentlichen Verkehr. Zumindest hat man am Donnerstag genau diesen Eindruck bekommen, wenn man die Berichterstattung zum Klimaticket verfolgt hat. In vielen Medien gab es dazu Berichte, in denen nur ein Mann namens Sebastian Kummer sich äußern konnte. Und seiner Meinung nach bringt das günstige Öffi-Ticket sehr wenig und ist zu billig.

Kummer ist Vorstand für Transportwirtschaft und Logistik an der WU Wien. Das verleiht ihm Seriosität. Aber Journalist:innen wissen gleichzeitig genau, woran sie an ihm sind. Schon 2011 hat er etwa die Einführung der 365€-Jahreskarte in Wien schlecht gefunden (die die Zahl der Jahreskartenbesitzer:innen dann innerhalb von fünf Jahren verdoppelt hat). Die Bewertung von Öffi-Politik ist an sich nicht Kummers Kerngebiet als Wissenschafter. Denn in seinen wissenschaftlichen Publikationen setzt er sich vor allem mit Logistik und Lieferketten auseinander.

Doch das Problem liegt nicht an Kummer und seiner Expertise. Es liegt darin, dass Journalist:innen genau wissen, welche Meinung er liefert. Und die durfte er den ganzen Tag über äußern. Und zwar in vielen Medien unwidersprochen als “DER Experte” auf dem Gebiet. Begonnen hat das im Ö1 Morgenjournal: Das Klimaticket ist einfach zu billig, der Preis solle um die 2.000€ liegen. Im Laufe des Tages haben das Interview viele andere Medien aufgenommen und auch prominent wiedergegeben, ohne ihm überhaupt selbst Fragen zu stellen. Später ist Kummer bei Puls24 aufgetreten, der Standard hat ihm noch die Möglichkeit geboten, seine Meinung auch bei ihnen zu wiederholen. Auch hier kam sonst niemand zu Wort.

Und so stand den ganzen Tag als Einordnung vor allem eines im Raum: Das Klimaticket bringe eigentlich nicht so viel und ist zu billig. Nun kann man von dieser Einschätzung mehr oder weniger viel halten. Aber es ist auf jeden Fall eine kontroverse Expertenmeinung, die auch einer Einschätzung durch die Medien und andere Expert:innen bedarf - von denen einige durchaus anderer Meinung sind. Deren Stimmen gab es allerdings nur zögerlich im Nachhinein - wenn überhaupt.

Als am Donnerstag ein wichtiges verkehrspolitisches Projekt nach 15 Jahren endlich präsentiert wurde, gaben Medien einer einzelnen Person relativ unnötig die alleinige Hoheit über eine Meinung dazu. Sie mussten schon bevor die Person gefragt wurde wissen, wie die Meinung lautet. Und so wirken die Berichte darüber in diesen Medien wie eine versteckte Kommentierung. 

Mehr zum Thema: Wie funktioniert das Klimaticket? Wir haben den Überblick.

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