Politikwissenschaftlerin Birgit Sauer über die Auswirkungen der Corona-Krise auf Frauen. Foto: Otto Penz
Politikwissenschaftlerin Birgit Sauer über die Auswirkungen der Corona-Krise auf Frauen. Foto: Otto Penz
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/ 3. April 2020

Sie sind im Pflegeheim, bei den Großeltern oder zu Hause bei den Kindern. Sowohl im Berufsleben als auch im Privaten sorgen oft Frauen dafür, dass unser System während der Corona-Krise nicht zusammenbricht. Professorin für Politikwissenschaften Birgit Sauer spricht im Interview mit MOMENT über die zaghafte Gewerkschaft, eine Neuordnung von Sorgearbeit und erklärt, warum Wirtschaftskrisen Frauen besonders treffen.

MOMENT: Corona löst nicht nur eine Gesundheitskrise aus, sondern auch eine Wirtschaftskrise. Wie hat sich die Finanzkrise 2008 auf Frauen ausgewirkt?

Birgit Sauer: Damals wurden die sogenannten systemrelevanten Banken gerettet. Aktuell versucht der Staat viel breiter Arbeitsplätze zu retten. Wir haben allerdings in der Finanzkrise schon gesehen, dass manche Branchen stärker gefördert wurden, etwa die Automobilindustrie mit vielen Männer-Arbeitsplätzen. Es könnte wieder passieren, dass Frauen-Branchen vernachlässigt werden. Sparpakete treffen eher Frauen, wenn etwa bei den öffentlichen Kindereinrichtungen gekürzt wird. Frauen haben außerdem eher atypische Beschäftigungsverhältnisse, sie arbeiten Teilzeit, geringfügig, befristet. Diese Arbeitsplätze sind schlecht gesichert.


Was können wir dagegen tun?

Die Unterstützungsprogramme, die an Unternehmen gehen, müssten auf Geschlechtergerechtigkeit geprüft werden. So kann sichergestellt werden, dass nicht nur die Arbeitsplätze von Männern gerettet werden.


Die Arbeitszeitverkürzung für Sozialberufe auf 35 Stunden pro Woche ist nicht gekommen. Stattdessen haben sich die Sozialpartner auf 37 Stunden geeinigt und auch diese Verkürzung soll erst in zwei Jahren eintreten. Eine verpasste Chance?

Vermutlich verstärkte die Corona-Krise die Durchsetzungskraft der Gewerkschaft in diesem Fall. Ich sehe das durchaus als Erfolg, bedauerlich ist nur, dass sich vor der Krise nichts getan hat! Die Gewerkschaften waren leider in der Vergangenheit eher zurückhaltend bei Arbeitskämpfen, die speziell Frauen betreffen. Allerdings gab es bereits punktuelle Unterstützung bei Streiks in Krankenhäusern. Vielleicht lassen sich Gewerkschaften jetzt überzeugen, sich stärker für Frauenarbeitsplätze einzusetzen.


Sie sprechen immer wieder von der Care-Krise. Ist die damit erledigt?

Sicher nicht. Die Care-Krise kam lange vor der Corona-Krise, es ist eine der kapitalistischen Produktionsweise immanente Krise, auch wenn sie sich jetzt besonders verschärft. Das sehen wir beispielsweise daran, dass jetzt, bei geschlossenener Grenzen, 24-Stunden-Pflegerinnen aus den umliegenden Staaten eingeflogen werden. Zu wenig Pflegepersonal und schlechte Bezahlung sind nichts Neues im Pflege- und Gesundheitsbereich.


Wenn Corona diese Wunde offenlegt, ist doch die Zeit gekommen, etwas zu ändern?

Das wäre die optimistische Variante: Die politisch und ökonomisch Verantwortlichen sehen, dass die Sorgearbeit schlecht bezahlt und organisiert ist und arbeiten daran, dies zu verbessern. Ich fürchte allerdings, dass die pessimistische Prognose realistischer ist. Eine Neuorganisation dieser Berufsfelder geht nicht ohne Geld. Es braucht einen fundamentalen Umbau der kapitalistischen Ökonomie, die darauf aufbaut, dass Frauen Sorgearbeit kostenlos erbringen oder diese schlecht bezahlt wird.


Wie lässt sich das ändern?

Da gibt es unterschiedliche Überlegungen. Der Staat könnte speziell höhere Löhne in den öffentlichen Pflegeeinrichtungen finanzieren. Oder die Unternehmen, die ja von der unbezahlten Pflegearbeit profitieren, könnten sie finanzieren.


Wird die Sorgearbeit gerade wieder ins Private verschoben? Ich denke an Mütter, die mit dem Kleinkind am Schoß versuchen, im Home Office zu arbeiten.

Erwerbstätige Frauen werden kaum zustimmen, ab jetzt zu Hause zu bleiben. Viele Frauen sind erwerbstätig und werden ihren Beruf auch wieder ausüben, wenn die Produktions- und Konsumwelt wieder läuft. Dann werden die Kinder wieder in die Schule oder den Kindergarten gehen. Allerdings besteht die Gefahr, dass sich die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in den Familien durch die Krise verstärkt. Wenn sich eine Frau 3, 4, 5 Wochen lang um den Haushalt und die Kinder kümmert, weil sie nun eben muss, beziehungsweise der Vater sich nicht beteiligt, könnte sich eine Routine einschleichen. Sodass sich nach der Krise Frauen mehr und Männer weniger für Sorgearbeit zuständig fühlen. Diese traditionelle Arbeitsteilung ist in Österreich ohnehin in den Köpfen fest verankert.


Wie kommen wir da raus?

Eine Möglichkeit, um die Sorgearbeit besser aufzuteilen, ist ein bedingungsloses Grundeinkommen. Das Geld könnte den Menschen helfen, nach der Corona-Krise wieder auf die Beine zu kommen und Sorgearbeit zu leisten. Das wäre vielleicht treffsicherer, als die Wirtschaft mit riesigen Hilfspaketen zu unterstützen. Es gibt auch Stimmen, die mehr kostenlose soziale Infrastruktur fordern. Das ist neben Gesundheit, Kinderbetreuung und Bildung etwa Wohnraum. Wenn man sich weniger Sorgen darum machen muss, die Miete zu bezahlen, nimmt das den Druck raus. Den Vorschlägen ist gemein, dass wir im Endeffekt weniger arbeiten müssten und mehr Zeit hätten, die Sorgearbeit selbst zu machen, also unsere Kinder zu betreuen und Angehörige zu pflegen.


Bleibt die Sorgearbeit dann nicht erst wieder an den Frauen hängen?

Ja, diese Gefahr besteht durchaus. Die SPÖ-Politikerin Helga Konrad hat schon in den 90ern vorgeschlagen, die Halbe-Halbe-Aufteilung der Sorgearbeit gesetzlich zu verankern. Die Reaktion war helle Empörung.


Paare, die gut verdienen, verlassen sich teilweise darauf, dass eine andere schlecht bezahlte Frau die Arbeit im Haushalt für sie übernimmt. Reinigungs- und Pflegekräfte können während der Corona-Krise allerdings nicht arbeiten.

Wenn die Haushalts- und Pflegehilfe nicht da ist, könnte es durchaus sein, dass die klassische Arbeitsteilung wieder aufkommt und sich verhärtet. Die Chance einer gerechteren Aufteilung gibt es aber auch.

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