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Kapitalismus
Klimakrise

Postwachstum: Wieso die Wirtschaft jetzt schrumpfen muss

Postwachstum: Wieso die Wirtschaft jetzt schrumpfen muss
Tone Smith ist Ökonomin und Aktivistin für Postwachstum
Wir stehen vor einem Dilemma. Wenn wir so weitermachen wie bisher, dann wird uns die Klimakatastrophe bald mit voller Wucht treffen. Wenn wir aufhören zu konsumieren, dann kommt ein Wirtschaftsabschwung, Menschen verlieren ihre Arbeit und damit ihre Lebensgrundlage. Aber was, wenn es eine dritte Möglichkeit gibt?
Postwachstum” (englisch: Degrowth) heißt die Idee einer Bewegung, die alles anders machen möchte. In einer Gesellschaft im Postwachstum soll die Wirtschaftsleistung absichtlich und geplant schrumpfen und dadurch zu einer nachhaltigen Zukunft führen. Wachstum und Nachhaltigkeit sind laut den FürsprecherInnen nicht gemeinsam möglich. Der Grundgedanke des Postwachstums ist, dass wohlhabende Gesellschaften mit weniger tatsächlich besser leben können. Die Gesellschaft solle sich am Wohlergehen aller orientieren, nicht an einem steigenden Bruttoinlandsprodukt oder dem Profit einiger weniger.

Wie das funktionieren soll, erklärt Ökonomin und Postwachstums-Aktivistin Tone Smith im Interview mit MOMENT.

Du bist der Meinung, dass unser Wirtschaftssystem Natur und Mensch ausbeutet. Was meinst du damit?

Wir produzieren immer mehr, damit die Wirtschaft wächst und zerstören damit langsam aber sicher die Erde. Auch Menschen werden ausgebeutet. Ein großer Teil arbeitet für wenig Lohn zu schlechten Bedingungen, weil es keine Alternative dazu gibt. Wir sind von unseren Jobs abhängig, um überhaupt unsere Grundbedürfnisse decken zu können.

Gibt es kein Wachstum ohne Umweltverschmutzung? Zum Bruttoinlandsprodukt zählen ja auch Dienstleistungen.

Diese Debatte ist schon einige Jahrzehnte alt. Man hat gehofft, dass wir alle mehr in Restaurants gehen werden, ins Theater, zur Massage und damit das Wirtschaftswachstum vom zunehmenden Schaden für die Umwelt entkoppeln werden. Das ist offensichtlich nicht passiert und auch zukünftig sehr unwahrscheinlich. Wir haben nur begrenzt Zeit zur Verfügung und können beispielsweise nicht unendlich viele Massagen konsumieren.

Das am weitesten verbreitete Argument für Wirtschaftswachstum ist, dass es bis heute Millionen Menschen aus der Armut geholt hat. Wieso sollten wir jetzt damit aufhören, wo doch weiterhin viele Menschen in Armut leben?

Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass wir nicht ein Konzept über alle Länder der Welt stülpen können. Wer nichts zu essen hat, wird mit Postwachstum weniger anfangen können. Allerdings ist es ein Irrtum, dass arme Länder uneingeschränkt von Wachstum profitieren. Die Forscherin Brototi Roy schreibt etwa darüber, dass das Wirtschaftswachstum in Indien die Ungleichheit nur weiter erhöht und die ärmsten Menschen zurücklässt. Armut zu beenden ist nicht die Priorität des „freien Markts“, nicht oben auf der Agenda von internationalen Konzernen.

Wenn wir aufhören zu wachsen, ist ein Wirtschaftsabschwung die Folge. Menschen verlieren ihr Einkommen, ihre Lebensgrundlage.

Ein Abschwung muss keine Katastrophe sein, wenn wir die Menschen, die ihre Arbeit verlieren, auffangen. In Wirklichkeit ist es die Struktur unseres Wirtschaftssystems, die immer wieder Rezessionen und Krisen verursacht. Das ist meiner Meinung nach kein besonders attraktives System. Wir können uns heute schon dazu entscheiden, dass kein Mensch seine Wohnung verliert – auch wenn er die Miete nicht mehr zahlen kann. Eine Wirtschaftskrise, in der wir uns aktuell befinden, kommt meist überraschend. Wenn wir uns bewusst dafür entscheiden, uns vom Wachstumzwang abzuwenden, dann werden wir die Schritte genau planen. Wir werden vorbereitet sein.

Wie würde Österreich im Postwachstum aussehen?

Erst fahren wir die Nutzung fossiler Brennstoffe zurück, langsam schwinden Unternehmen, die ausschließlich auf Profit aus sind. Produktion wird zurück nach Österreich geholt. So haben wir Kontrolle über die Arbeitsbedingungen und spüren die direkten Auswirkungen auf unsere Umwelt. Die Dinge, die wir besitzen, tauschen wir nicht aus, wenn sie kaputt werden, wir reparieren sie. Wir verbringen weniger Zeit mit Lohnarbeit und mehr mit unserer Familie, mit den NachbarInnen und bei ehrenamtlichen Tätigkeiten. Der Staat sorgt dafür, dass jeder Mensch Zugang zu den wichtigsten Sozialleistungen hat, vielleicht haben wir ein bedingungsloses Grundeinkommen. Die Ungleichheit wird kleiner, denn es gibt nicht nur ein Mindest- sondern auch ein Höchsteinkommen. Städte werden ruhiger und kleiner. Autos werden weniger, sie nehmen weniger Platz ein, sie machen weniger Lärm und verschmutzen unsere Luft weniger. Am Ende steht das große Ziel, unsere Gesellschaft viel demokratischer zu machen. Entscheidungen werden gemeinsam dort getroffen, wo sie sich auswirken.

Das hört sich gut an. Dennoch fällt es mir und vielen anderen Menschen schwer, sich ein System abseits des Kapitalismus vorzustellen.

Natürlich, wir sind alle in diesem System aufgewachsen und für einige von uns ist es auch recht gemütlich so, wie es ist. Ich möchte aber schon hinterfragen, ob der Kreislauf von Arbeit-Konsum-Arbeit wirklich langfristig glücklich macht. Das Ende des Wachstums wäre das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen. Das bedeutet nicht notwendigerweise einen Sozialismus, wie er allgemein verstanden wird Es gibt viele Abstufungen.

Ist die Corona-Krise die richtige Zeit, um darüber nachzudenken? Millionen Menschen kämpfen gerade um ihre Gesundheit und ihre Lebensgrundlage.

Es ist immer die richtige Zeit, um über eine bessere Welt nachzudenken. Wir haben 2008 in der Weltwirtschaftskrise gesehen, wie Konzerne die Krise genutzt haben, um ihre Interessen durchzusetzen. Im Endeffekt haben wir dem Finanzsektor Geld in den Rachen geworfen. Für die Allgemeinheit hat sich nichts zum Positiven verändert. Diesmal müssen wir es anders machen.

 


Tone Smith ist eine norwegische Ökonomin (Ph.D in Ökologischer Volkswirtschaft) und Postwachstums-Aktivistin. In der Vergangenheit hat sie für das österreichische Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus, das Statistikamt Norwegen und für die OECD gearbeitet, sowie an der Wirtschaftsuniversität Wien gelehrt. Aktuell lebt sie in Wien als freie Autorin und unabhängige Forscherin. Sie schreibt für degrowth.no und veröffentlichte mit anderen AutorInnen in der vergangenen Woche einen offenen Brief für eine bessere Zukunft nach Corona.

Falls du mehr über das Thema wissen möchtest, kannst du Ende Mai an der Degrowth-Konferenz teilnehmen. Wegen der Corona-Krise findet sie Online statt. Die meisten Programmpunkte werden auf Englisch abgehalten. Die Teilnahme ist kostenlos.

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