Flucht aus der Ukraine: Dominik Paireder arbeitet frewillig für "Holen wir sie da raus". Er holt mit Bussen Menschen aus der Ukraine. Man sieht den jungen Mann mit blonden Haaren beim Laptop sitzen. Er telefoniert dabei und trägt eine Maske am Kinn
/ 11. April 2022

Seit Kriegsbeginn sind über 4 Millionen Menschen, hauptsächlich Frauen und Kinder, aus der Ukraine geflüchtet. Viele können aber nicht ohne fremde Hilfe das Land verlassen - sind dafür zu jung, zu alt oder zu krank. In Österreich treffen sie dann auf ein unvorbereitetes und teils unwilliges System, wie Dominik Paireder kritisiert. Er hat die Initiative “Holen wir sie raus” gegründet, die dort hilft, wo der Staat schwächelt.

Wie helft ihr den Menschen in der Ukraine mit eurer Initiative “Holen wir sie raus”?

Dominik Paireder: Wir unterstützen Menschen auf ihrer Flucht aus der Ukraine nach Österreich. Dafür organisieren wir Reisebusse, vermitteln an Privatunterkünfte und kümmern uns ums Essen oder andere lebensnotwendige Dinge. In der Ukraine haben wir mehrere Kontaktpersonen, die den Menschen auf dem Weg zur Beregsurány-Grenze zu Ungarn helfen. Dort werden sie dann von uns abgeholt.

Du hast dafür dein Studium unterbrochen und investierst viel Zeit und Geld. In den letzten Nächten hast du kaum geschlafen. Warum nimmst du all das auf dich?

Paireder: Ganz einfach: Da sind Leute auf der Flucht. Man hilft dann, egal wie und wo. Darüber musste ich gar nicht erst nachdenken. Die Initiative ist damals über den Kontakt zu einem Bauern aus meinem Heimatdorf entstanden. Der stellt normalerweise Erntehelfer:innen der ukrainischen Jungbauernschaft ein, die über eine Kontaktperson vermittelt werden. Diese Person, Swetlana, hat ihn dann um Hilfe gebeten und er hat ihren Aufruf auf Facebook geteilt. Darauf bin ich aufmerksam geworden. Jetzt fahren wir regelmäßig mit Bussen an die ungarisch-ukrainische Grenze. Swetlana hilft den Menschen am Weg zur Grenze und vermittelt diese an uns.

Auf eurer Website steht, dass ihr vor allem vulnerablen Menschen helfen möchtet. Wer sitzt bei euch in den Bussen auf dem Weg nach Österreich?

Paireder: Wir kümmern uns hauptsächlich um Menschen, für die die Flucht noch schwieriger ist als ohnehin schon. Vom zwei Monate alten Kleinkind bis zur 86-jährigen Frau ist alles dabei. Wir haben auch viele Menschen mit Behinderung, und vor kurzem haben wir fast fünfzig Waisenkinder nach Tirol gebracht. Das hat Schlagzeilen gemacht, denn ohne offizielle Einladung dürfen Waisenkinder gar nicht nach Österreich kommen. Die haben sie dann über den PR-Berater Rudi Fussi bekommen, der diese von Tirols Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) organisieren konnte. Ich hatte da nämlich noch einen Gefallen bei ihm gut, weil ich Fussi bei der Reparatur seiner Heizung zu Weihnachten vor zwei Jahren geholfen habe. Erst vorgestern haben wir dann wieder eine kleine Waisengruppe nach Österreich gebracht.

Wir haben aber auch Kanarienvögel, Hunde und Katzen mit dabei. Das ist dann wie ein Zoo im Bus. Das ist gerade auch für ältere Personen wichtig, die sonst niemanden haben. Daran sieht man, wie sie einfach so mitten aus dem Leben gerissen wurden.

Wie werden die Menschen in der Ukraine auf euch aufmerksam?

Paireder: Eigentlich ist das alles eine “Social Media”-Flucht. Die Menschen werden über Facebook oder unsere Website auf uns aufmerksam. Wir schreiben dann über WhatsApp oder andere “Social Media”-Gruppen. In Schytomyr haben wir viele Leute, die dann vor Ort helfen. Das ist im Westen der Ukraine, 150 Kilometer von Kiew entfernt.

Aber in den Westen gehen jetzt einige sogar schon wieder zurück. Gleichzeitig kommen immer mehr Menschen aus dem Osten des Landes. Das wird uns noch massiv betreffen und zum Problem werden. Die Fluchtbewegungen sind noch lange nicht vorbei. Bei uns haben allein aus Charkiw für die nächste Woche über 500 Menschen angefragt.

Was passiert mit den Leuten, wenn sie in Österreich angekommen sind?

Paireder: Wir versuchen, sie so gut wie möglich auf Privatunterkünfte zu verteilen. Das ging anfangs noch gut. Aber weil es immer mehr werden, haben wir da fast keine Chance mehr. Viele werden jetzt an die großen Verteilungszentren zugewiesen, etwa an die Messe Wien. Erst dann werden sie von der Bundesregierung über die Privatunterkünfte aufgeteilt. Das ist an sich kein Problem, denn das ist ja die Aufgabe des Bundes. Aber das funktioniert leider überhaupt nicht.

Woran scheitert das?

Paireder: Darüber könnte ich vier Stunden lang einen Monolog halten. Es hapert an jeder Ecke. Man hat aus 2015 nichts gelernt. Einzig die Berichterstattung darüber wird etwas besser beeinflusst, es kommt nicht mehr so viel Negatives an die Öffentlichkeit.

In den Verteilungszentren sollten die Menschen ja eigentlich nur bis zu drei Tage lang bleiben. Aber teilweise sitzen die Leute dort schon seit über einem Monat. In der Stadt Wien, im Burgenland und auch in Tirol funktioniert es noch am besten. Aber in den anderen Bundesländern und besonders in Oberösterreich überhaupt nicht. Der ganze Apparat braucht ewig, bis er läuft. Er ist auch viel zu bürokratisch. Stattdessen schieben wir einfach zur Seite, wie viele Millionen Menschen da gerade in einem Kriegsgebiet massiv unter Angriff stehen. Die Menschen, die von Odessa aus flüchten, werden nicht im angrenzenden Moldawien alle unterkommen können, und auch nicht in Rumänien. Die werden zu uns kommen.

Entweder wir schaffen also gute Unterkünfte und eine angemessene Hilfe vor Ort. Oder werden wir in drei Monaten wie so oft sagen, “In Gottes Willen, das hat ja niemand wissen können”? Ich verstehe nicht, warum der Staat hier so versagt und stattdessen Menschen wie ich das auf eigene Kosten übernehmen müssen.

Wie kann man eure Initiative am besten unterstützen?

Paireder: Wir nehmen keine Sachspenden. Aber wir freuen uns sehr, wenn jemand Unterkünfte zur Verfügung stellt. Am besten so, dass man sich mit Freunden und Bekannten zusammentut und in etwa 35 Plätze organisiert. Dann können wir in Absprache mit den politischen Entscheidungsträger:innen schauen, wer wo hin kann. Andernfalls müssen die Menschen erst in die Verteilungszentren, und dort funktioniert es eben kaum. Spenden sind natürlich auch sehr wichtig dafür. Und wenn sich jemand direkt engagieren möchte, dann meldet euch gerne bei uns.
 

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