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Fortschritt

The kids are not alright. An TikTok liegt das nicht.

The kids are not alright. An TikTok liegt das nicht.
Foto: BKA/Dunker CC BY-SA 2.0
Eine neue UNICEF-Studie zeigt, dass es Kindern in vielen Bereichen schlecht geht. Umso absurder wirkt die Diagnose von Familienministerin Claudia Bauer, das eigentliche Problem seien TikTok-Videos und eine negative gesellschaftliche Stimmung.

Just einen Tag vor der Präsentation der weltweit umfassendsten Studie zum Thema Kinder-Wohlbefinden veröffentlichte Familienministerin Claudia Bauer ein Video, das Menschen zum Kinderkriegen animieren soll. Als zentrale Hindernisse macht sie „gesellschaftliche Erwartungen“ und negative Inhalte auf Social Media aus. Dagegen setzt sie weichgezeichnete Bilder glücklicher Familien in warmer Beleuchtung. Gute Stimmung statt schlechter Stimmung also. Problem erkannt, Problem gelöst, möchte sie glauben.

In der realen Welt wurde aber einen Tag später die UNICEF-Studie zum Kindeswohl präsentiert. Das Ergebnis ist ernüchternd. Im Gesamtranking liegt Österreich nur auf Platz 16 von 37 Ländern. Das ist im Vergleich zu Deutschland deutlich besser, das nur auf Platz 25 liegt. Trotzdem verdeckt der Mittelwert, wie schlecht Österreich in einzelnen Bereichen abschneidet.

UNICEF-Studie: So (schlecht) geht es unseren Kindern

Es wurden drei Teilbereiche erfasst: Fähigkeiten/Bildung, körperliche und psychische Gesundheit. Mit Platz 8 ist Österreich bei Fähigkeiten/Bildung sehr gut dabei. Deutschland fällt hier mit Platz 34 deutlich ab. In diesen Bereichen werden Mathematik, Lesen und soziale Fähigkeiten erfasst. In Österreich hat jedes vierte Kind Schwierigkeiten, Freundschaften zu schließen. In Deutschland betrifft das sogar jedes dritte Kind.

Besonders deutlich zeigt sich dabei die soziale Spaltung. Kinder aus wohlhabenden Familien schneiden in allen Bereichen besser ab. Sie sind erfolgreicher in der Schule, sozial stärker eingebunden und verfügen über mehr Stabilität im Alltag. Kinder aus einkommensschwächeren Familien haben dagegen schlechtere Bildungschancen und deutlich häufiger Probleme mit sozialer Teilhabe.

Noch schlechter sieht es bei der körperlichen Gesundheit aus. Hier fällt Österreich auf Rang 20 zurück. Deutschland liegt mit Platz 15 sogar davor. Spitzenplätze sind beide nicht. Bewertet werden unter anderem Kindersterblichkeit sowie Übergewicht und Adipositas. Die schlechten Ergebnisse hängen vor allem mit Bewegungsmangel, ungesunder Ernährung und massiven sozialen Unterschieden zusammen. Kinder aus ärmeren Familien sind häufiger krank, ernähren sich schlechter und haben weniger Zugang zu Sport- und Freizeitangeboten. Außerdem kommt der unterschätzte Faktor Stress hinzu, der sowohl die physische wie psychische Gesundheit von Kindern betrifft.

Symptom einer gesellschaftlichen Krise

Besonders dramatisch wird es bei der psychischen Gesundheit. Gemessen wird die allgemeine Lebenszufriedenheit sowie die Suizidraten unter Kindern und Jugendlichen. Österreich liegt auf Rang 23, Deutschland auf Rang 25. Kinder und Jugendliche in beiden Ländern haben eine sinkende Lebenszufriedenheit. Dies ergibt sich aus finanziellen Belastungen, sozialer Ungleichheit, fehlender sozialer Teilhabe, Zukunftsängsten, Leistungsdruck und Stress in Familien.

Wer aus weniger wohlhabenden Familien kommt, fühlt sich ganz unmittelbar ausgeschlossen, nicht dazugehörend und unsicher. In Österreich kommen vergleichsweise hohe Suizidraten unter Jugendlichen hinzu, besonders unter Burschen. Das ist kein individuelles Versagen und kein Problem einer überempfindlichen Generation. Es ist Ausdruck einer gesellschaftlichen Krise.

Die Studie zeigt auch, wo die politischen Hebel wären. Die Länder, die auf den Spitzenplätzen abschneiden, haben wenig soziale Ungleichheit, ein egalitäres Bildungssystem und viele Möglichkeiten der Teilhabe von Kindern und Jugendlichen auch im Freizeitbereich. Neben der finanziellen Absicherung brauchen Kinder und Jugendliche vor allem ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. In Ländern, wo es ihnen deutlich besser geht als in Österreich, ist das eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Österreich (und auch Deutschland) gehören zu den wohlhabendsten erfassten Ländern. Viele deutlich ärmere Länder landen auf den letzten Plätzen. Österreich und Deutschland mangelt es nicht an Wohlstand. Er ist nur besonders ungleich verteilt. Diese Tatsache macht Kinder und Jugendliche krank und unglücklich mit sich und ihrem Leben. In einer vernünftigen Gesellschaft würde man nun alles unternehmen, damit dieser Frust und diese Unzufriedenheit nicht internalisiert wird und sich Kinder und Jugendliche nicht selbst als Problem sehen.

In Österreich hingegen sieht die Familienministerin schlechte Vibes als Problem an und glaubt, mit Motivationsreden strukturelle Probleme zu lösen. Wieder einmal.

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