Das Gebäude von Tönnies Fleisch
Im Tönnies-Stammwerk in Rheda-Wiedenbrück häufen sich die Corona-Fälle. Doch der eigentliche Skandal sind die Arbeitsbedingungen. Foto: Daidalus/Wikimedia, CC BY-SA 3.0
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/ 3. Juli 2020

Für Tönnies Schweine zu schlachten und zu zerlegen ist kein Traumjob. So viel ist nach der wochenlangen Berichterstattung rund um einen der größten Schlachter Europas und seine Corona-Cluster klar. Wie schlecht die ArbeiterInnen aus dem Osten behandelt werden, hat eine ehemalige Mitarbeiterin MOMENT aus erster Hand erzählt.
 

Ilona (Name geändert) hat drei Jahre lang am Tönnies-Schlachthof Weidemark Fleisch zerlegt. Der Skandal, von dem sie erzählt, ist nicht die Häufung von Corona-Fällen in der Fleischfabrik. Es sind die Bedingungen, unter denen Menschen dort arbeiten müssen. Um das zu tun, ist Ilona einst mit ihrem Ehemann aus Ungarn gekommen.

"Es hat sehr gut geklungen. Aber dann war alles anders", sagt Ilona. Angestellt waren sie bei einer ungarischen Subfirma. Die habe den Eindruck vermittelt, sie würde die Kosten der Unterkunft übernehmen. Tatsächlich bezahlte Ilona über 200 Euro für ein Zimmer, dass sie sich mit sieben weiteren Personen teilen musste. "Meine Töchter haben fast angefangen zu weinen, als ich ihnen Fotos davon geschickt habe", sagt sie. Ein einziger Schrank ohne Hinterwand, nur eine Küche und ein Bad für bis zu zwölf Menschen, Ilona und ihr Mann lebten aus dem Koffer, den sie unter ihr Bett geschoben hatten.

Wie das System der Subunternehmen funktioniert, kannst du hier nachlesen.

"Viele haben es nur ein paar Tage ausgehalten"

Dann war da noch die Ausrüstung. "Als wir angekommen sind, wurde uns gesagt, dass wir Schutzgewand, Messer und Handschuhe bekommen. Aber dann mussten wir die Ausrüstung doch selbst bezahlen." Alles wurde vom Gehalt abgezogen, berichtet Ilona. Am Ende des Monats schauten dann um die 1.100 Euro netto heraus - und das bei 12-Stunden-Schichten, vielen Überstunden und Nachtarbeit.

Drei Jahre lang sind Ilona und ihr Mann geblieben. "Viele haben es nur ein paar Tage ausgehalten und sind dann wieder zurück nach Ungarn gefahren. Neben der schweren Arbeit gab es auch eine große Anspannung, die Menschen waren unter Druck." Die Hygienebestimmungen wurden auf Papier festgehalten. Laut Ilona war es praktisch aber egal, wer krank war, Hauptsache alle arbeiteten. Ihr Mann hantierte bei seiner Arbeit mit ätzender Säure, verletzte sich dabei. Ilona schickt über Facebook ein Foto. Zu sehen ist eine fingerbreite schwarze Wunde. "Wir haben das offene Fleisch gesehen. Sie wollten erst, dass er weiterarbeitet. Aber dann durfte er doch zum Arzt."

Tönnies bleibt still

Wieso sind sie so lange dort geblieben? "Na, warum wohl? Weil wir Geld gebraucht haben. Warum haben wir uns jeden Tag erniedrigen lassen? Weil wir kein Geld hatten. Dafür haben wir alles ertragen."

Die Geschichte von Ilona lässt sich schwer überprüfen. Sie arbeitet nicht mehr für Tönnies. Das ungarische Subunternehmen reagierte nicht auf die Anfragen von MOMENT, laut Firmenbuch wurde es mittlerweile aufgelöst. Dafür schickte Ilona Lohnzettel von ihr und ihrem Mann, auch ein Schreiben an das Subunternehmen, in dem sie die Bezahlung ihrer Überstunden forderten, ließ Ilona der Redaktion zukommen. Ihre Erzählung deckt sich mit jenen anderer ehemaligen MitarbeiterInnen, die Medien ihre Geschichte erzählt haben und mit jenen der GewerkschafterInnen in Deutschland.

Keine Einzelfälle

Gerne hätten wir von Tönnies gewusst, wie sie diese Vorwürfe einschätzen und welche Maßnahmen das Unternehmen setzt, um sicherzustellen, dass die Menschen, die für ihre Schlachthöfe arbeiten, nicht ausgebeutet werden. Doch die Pressestelle beantwortete die Fragen von MOMENT per E-Mail und Telefon bis Redaktionsschluss nicht.

Ilonas Geschichte ist nur ein weiterer Einblick in ein System, das Menschen ausbeutet, ohne Rücksicht auf ihre Gesundheit und ihr Wohlergehen. Aktuell sind alle Augen auf Tönnies gerichtet, doch auch in Österreich arbeiten Menschen unter unzumutbaren Bedingungen. Erst Mitte Juni wandte sich eine Erntehelferin an die Öffentlichkeit, die am Marchfeld gearbeitet hatte und zwar 14 bis 15 Stunden pro Tag für einen Lohn von 4 Euro für die Stunde. "Solche Arbeitsbedingungen sind nicht der Einzelfall, als der sie gerne dargestellt werden", sagte Cordula Fötsch von der Kampagne Sezonieri zum Standard.

 

Die Frage, wie es in der österreichischen Fleischwirtschaft genau aussieht, bleibt weiter offen. Sieben große Schlachtbetriebe antworteten auf eine Anfrage von MOMENT, dass sie keine Subunternehmen beschäftigen, fünf Anfragen bleiben unbeantwortet. Zumindest die Firma Alpenrind beschäftigt an ihrem Schlachthof im Salzburger Bergheim rund 200 MitarbeiterInnen, die bei einem Subunternehmen beschäftigt sind. 70 Prozent von ihnen kommen aus Ungarn.

Ilona ist mit ihrem Mann in Deutschland geblieben. Mittlerweile hat sie einen neuen Job bei einem Paketdienst. Das ist an sich auch nicht als Traumjob bekannt. Aber sie arbeitet weniger als in der Fleischindustrie und verdient dabei mehr, wohnt in einem Haus mit Geschirrspüler und Terrasse und zahlt weniger Miete dafür. "Das ist doch schon viel besser."

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