Das Foto zeigt Veronika Bohrn-Mena im Gespräch. Sie hat die Hände ineinander gelegt und lauscht ihrem Gegenüber.

Veronika Bohrn-Mena hat über Frauen als eigene "Leistungsklasse" in der Krise ein Buch geschrieben. Foto: Julia Pabst

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/ 2. November 2020

Frauen zwischen Kinderbetreuung, der Pflege von Angehörigen, Job und Haushalt - wer hält das aus? Veronika Bohrn-Mena schreibt in ihrem neuen Buch "Leistungsklasse" darüber, wie Frauen unter der Krise leiden und die Maßnahmen der Regierung daneben gehen. Im Interview mit MOMENT spricht sie über Kurzarbeit, die Müllabfuhr und was uns im zweiten Lockdown erwartet.

MOMENT: Am Anfang der Pandemie war die Befürchtung groß, staatliche Maßnahmen würden Männern zugutekommen und Frauen vergessen. Ist das passiert?

Veronika Bohrn-Mena: Auf jeden Fall. Die größte staatliche Maßnahme ist die Kurzarbeit. Sie wurde vor allem von Betrieben in Branchen und Berufen umgesetzt, die von Männern dominiert werden und kommt vor allem der Kernbelegschaft zugute. Atypische Beschäftigte, also jene, die keine unbefristete Vollzeitstelle haben, wurden eher zum AMS geschickt. Die Hälfte der Frauen arbeitet aber nicht Vollzeit. Einkommensverluste mussten ArbeitnehmerInnen in Kurzarbeit auch hinnehmen. Viele Menschen verdienen so wenig, dass sie 20 Prozent weniger Lohn ans Limit bringen. Und wegen der enormen Lohnschere sind das wiederum verstärkt Frauen.


Es gibt ja auch andere Maßnahmen und Hilfstöpfe. Den Familienhärtefallfonds zum Beispiel.

Veronika Bohrn-Mena: Das ist eine rein kosmetische Maßnahme. Der Fonds ist so gering dotiert, dass nicht einmal alle Familien, die Anspruch hätten, etwas bekommen können. Für jene, die Geld aus dem Familienhärtefallfonds bekommen haben, ist das eher ein Taschengeld. Eine einmalige Zahlung hilft nicht bei der Planung, schafft keine Sicherheit. Das ist ein Tropfen auf dem heißen Stein. Eltern, die im März ihren Job verloren haben, warten teilweise immer noch auf eine Antwort.


Wieso ist das ein Frauenthema?

Veronika Bohrn-Mena: Egal, welchen Bereich wir uns ansehen: Frauen trifft es härter. Wer springt ein, wenn Kindergärten und Schulen geschlossen sind? Wer kümmert sich um Angehörige, wenn die 24-Stunden-Betreuerinnen und die mobile Altenpflege in der Pandemie ausfallen? Ich erzähle im Buch "Leistungsklasse" etwa die Geschichte von Verena, die eigentlich an einer deutschen Universität unterrichtet, im Lockdown dann bei ihrer Mutter in Österreich gewohnt und sie auch betreut hat. Verena hat ihre pflegebedürftige Mutter gewaschen, für sie gekocht. Das waren zusätzlich zu ihrem Vollzeitjob 35 Stunden unbezahlte Arbeit jede Woche. Wir sehen also: Sogar Frauen mit einem guten Einkommen trifft die Krise hart.
 

Weil du die Pflege ansprichst: Im Grunde können wir sie ins Private verschieben, schlecht bezahlte scheinselbstständige Betreuerinnen aus Rumänien nach Österreich holen oder unsere Angehörige in ein Altersheim stecken, in dem die Arbeitsbedingungen oft ebenfalls stark belasten.

Veronika Bohrn-Mena: Das sind alles keine nachhaltigen Optionen. Wir müssen Pflege staatlich so organisieren wie Bildung oder alle anderen dringend notwendigen Leistungen der staatlichen Infrastruktur. Wir alle werden spätestens im Alter Pflege brauchen und es ist eine Frechheit, dass sie zum Großteil in den privaten Raum und auf Frauen abgeschoben wird. Zusätzlich kaufen wir Frauen aus armen Ländern quasi zu. Für Hungerlöhne ab 40 Euro pro Tag betreuen sie einen Menschen rund um die Uhr. Frauen halten das System unbezahlt oder unfassbar schlecht bezahlt am Laufen, weil sie es müssen. Das entspricht nicht unserem Anspruch an eine fortschrittliche Gesellschaft.


Dass Frauen die Gesellschaft am Laufen halten ist eine Phrase, die wir in der Krise oft gehört haben, wir haben sie bei MOMENT auch selbst verwendet. Was ist mit zum Beispiel mit den Männern, die in der Müllabfuhr arbeiten?

Veronika Bohrn-Mena: Natürlich haben auch Männer wichtige Jobs. Aber ich muss schon sagen: Ein Kleinkind darf nicht einmal eine Stunde allein gelassen werden. Wenn der Müll eine Woche lang nicht geholt wird, dann stinkt es eben. Das ist schon ein Unterschied.


In deinem letzten Buch ging es um die neue ArbeiterInnenklasse. Wieso jetzt ein Buch speziell über und für Frauen? Lenkt das nicht von der Klassenfrage ab?

Veronika Bohrn-Mena: Innerhalb aller Klassen gibt es zusätzliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Egal in welcher Gruppe, Frauen sind immer am stärksten benachteiligt. Sie sind stärker von Armut, Arbeitslosigkeit und Gewalt betroffen. Viele Frauen werden zusätzlich diskriminiert, etwa aus rassistischen Motiven. Klassenkampf und der Kampf um die Gleichberechtigung sind kein Widerspruch. Sie ergänzen einander.

Frauen sind eine Leistungsklasse für sich. Daher auch der Titel des Buchs. Das Schreiben war diesmal anders für mich. Ich bin als Frau und Mutter unmittelbar von den Themen betroffen, die ich in "Leistungsklasse" behandle. Die Geschichten der Frauen, mit denen ich gesprochen habe, haben mich berührt. Ich muss sagen, ich war zwischendurch auch wirklich angefressen, weil die Regierung meiner Meinung nach kaum sinnvolle Maßnahmen gesetzt hat. Ich habe das Buch für Frauen geschrieben, für Mütter wie mich, die während der Arbeit nebenbei versuchen, ihre Kleinen zu beschäftigen. Das Buch wendet sich an Betroffene, die sich in der Krise in der Luft zerreißen müssen und gleichzeitig das Gefühl haben zu versagen. Aber es sind keine einzelnen Entscheidungen, keine individuellen Probleme bei der Planung des Familienlebens, die für die extremen Mehrfachbelastungen verantwortlich sind. Frauen sind strukturell benachteiligt.


Trotzdem heißt es immer, Frauen sollen sich eben einen Partner suchen, der sich bei Haushalt und Erziehung beteiligt. Sie sollen das alles unter einen Hut bekommen.

Veronika Bohrn-Mena: Das ist leicht gesagt. Damit wird so getan, als ob Frauen die Möglichkeit hätten, sich die Vereinbarkeit von Beruf und Familie selbst zu organisieren. In Wirklichkeit können sie das nicht. Gleichstellung zu ermöglichen ist die Aufgabe der Politik. Sie kann sich nicht vor dieser Verantwortung drücken. Männer verdienen mehr Geld, deswegen sind es Frauen, die für die Kinder die Stunden reduzieren, weswegen sie wiederum weniger Geld verdienen. Das ist ein unerträglicher Zustand, den wir nicht akzeptieren dürfen.


Ein zweiter Lockdown steht vor der Tür. Mit welchen Auswirkungen rechnest du?

Veronika Bohrn-Mena: Diesmal stehen keine Schulschließungen auf dem Plan. Ich hoffe, dass die Kindergärten und Schulen tatsächlich offen bleiben können. Sehr viele Eltern, besonders Mütter, haben schon ihren gesamten Urlaub aufgebraucht. Anspruch auf die Sonderbetreuungszeit gibt es nicht, die müssen die ArbeitgeberInnen bewilligen. Keine 5.000 Menschen durften die Sonderbetreuungszeit in den ersten Monaten in Anspruch nehmen. Wieso müssen Eltern darum betteln, auf ihre Kinder aufpassen zu dürfen? Das ist entwürdigend.

In Deutschland sehen wir schon, dass Frauen sich langsam aus der Erwerbstätigkeit zurückziehen. Ich befürchte, soweit könnte es in Österreich auch kommen. Wer jetzt die Arbeitszeit reduziert, darf nach der Krise vielleicht nicht mehr aufstocken. Viele Eltern sind schon längst am Ende ihrer Kräfte. Auch der neuerliche Anstieg der Arbeitslosigkeit und die Betriebsschließungen werden Frauen wieder hart treffen, besonders im Dienstleistungsgewerbe.


Welche konkreten Maßnahmen muss die Regierung jetzt umsetzen, um Schlimmeres zu verhindern?

Veronika Bohrn-Mena: Den Anfang muss ein Rechtsanspruch auf Sonderbetreuungszeit machen. Außerdem eine Rückkehrgarantie für alle, die jetzt aus familiären Gründen ihre Arbeitszeit reduzieren müssen. Sie sollen einen Anspruch darauf haben, sie wieder zu erhöhen, sobald die Pandemie vorbei ist. Wer wegen Betreuungspflichten oder Pflegeleistungen innerhalb der Familie weniger arbeitet, muss den Einkommensverlust vom Staat abgegolten bekommen. Das ist das absolute Minimum, um Frauen nicht weiter in die Armut zu treiben.

Um die Lebensqualität von Frauen tatsächlich zu verbessern und Gleichstellung zu ermöglichen, brauchen wir eine verpflichtende Offenlegung der Gehälter in jedem Unternehmen, eine ordentliche Arbeitszeitverkürzung und einen massiven Ausbau der kostenlosen Kinderbetreuung. Frauen haben ein Recht darauf, nicht länger unerkannt und unbedankt das Versagen der Regierung im Krisenmanagement abfedern zu müssen.

Das Buchcover: Leistungsklasse. Wie Frauen uns unbedankt und unerkannt durch alle Krisen tragen von Veronika Bohrn-Mena

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