Langes Warten vor dem Frauenklo: Wie sich die Kloschlange abschaffen lässt
Es ist eine Erfahrung, die Frauen verbindet. Ob beim Techno-Festival oder im Burgtheater, im Freibad oder an der Uni, ob jung oder alt, arm oder reich: „Wartet ihr auch alle?“, fragen wir, obwohl wir die Antwort schon ahnen, und stellen uns seufzend hinten an. Und schauen dabei zu, wie nebenan ein Mann nach dem anderen das Klo betritt und wieder verlässt.
Wir verpassen die ersten Songs von Konzerten, wir kalkulieren bei Veranstaltungen: Wann beginnt die Pause und wie lange davor sprinte ich raus, um nicht ewig warten zu müssen? Wir bitten männliche Begleiter, uns etwas von der Bar oder vom Essensstand mitzubringen, weil klar ist: Für Klo und Bar reicht die Pause nicht.
Manchmal müssen wir uns dann auch noch verspotten lassen: Hihi, diese Frauen, stehen ewig tratschend und sich schminkend vor dem Spiegel.
Reality Check: Nein, die Schlange vor dem Frauen-WC kommt nicht durchs Schminken oder Tratschen zustande. Sie hat fünf biologische und gesellschaftliche Gründe – und einen sechsten politischen, der auch die simple Lösung für das Problem in sich trägt.
Wie die Kloschlange entsteht
Erstens dauert es deutlich länger, eine WC-Kabine zu benutzen als ein Pissoir. Tür schließen, zusperren, aufsperren, öffnen. Hose öffnen, runterziehen, raufziehen, zumachen. Manchmal muss frau zusätzlich noch eine Tasche aufhängen, einen Mantel zusammenraffen oder eine Klobrille abwischen.
Zweitens menstruiert zu jedem gegebenen Zeitpunkt grob gerechnet jede neunte Frau. Einen Tampon oder eine Binde zu wechseln oder einen Menstruationscup zu leeren, kostet Zeit.
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Drittens: Kleine Kinder werden viel häufiger von ihren Müttern aufs Klo begleitet als von den Vätern – und nutzen daher unabhängig vom eigenen Geschlecht meist die Damentoilette.
Viertens: Frauen haben aus anatomischen Gründen öfter Blasenentzündungen und leiden durch Schwangerschaften und Geburten häufiger an Blasenschwäche. Beides führt dazu, dass sie öfter aufs Klo müssen. Auch Schwangere müssen besonders häufig auf die Toilette.
Fünftens: Ältere Menschen müssen tendenziell öfter auf die Toilette und brauchen dort länger, und die Mehrheit der älteren Menschen sind Frauen. In Österreich leben 509.000 Männer und 701.000 Frauen über 70.
Zusammengefasst heißt das: Die Damenklos werden von mehr Menschen genutzt, die sie im Schnitt auch öfter nutzen müssen, und die Nutzung dauert im Schnitt länger.
Einfache Lösung: Mehr Frauenklos als Männerklos
Die naheliegende Lösung: Eine Toilettenanlage braucht mehr Frauenklos als Männerklos, damit alle ungefähr gleich schnell drankommen. Wie viele mehr? Es gibt dazu Berechnungen von Fachleuten aus dem Feld der Warteschlangentheorie.
Belgische Forscher von der Universität Gent etwa haben 2017 ihre mathematischen Modelle auf die Klo-Warteschlange angewendet. Der Ausgangspunkt ihrer Berechnungen war eine Toiletten-Anlage, auf der Männer und Frauen aktuell gleich viel Platz zur Verfügung haben und es zehn Frauenkabinen, zwei Männerkabinen und zehn Pissoirs gibt. Dazu haben sie verschiedene Szenarien durchgerechnet.
Das sagt die Wissenschaft zur Wartezeit
Das Ergebnis: Lautet das Ziel, dass alle möglichst gleich lang oder kurz warten sollen, müssen vier Urinale zugunsten von drei zusätzlichen Damentoiletten eingespart werden. Auf 13 Frauenklos kämen dann insgesamt 8 Männerklos.
Ist das Ziel nicht die größtmögliche Gerechtigkeit, sondern eine möglichst kurze durchschnittliche Wartezeit, kämen auf 12 Frauenklos 10 Männerklos. Frauen würden bei dieser Variante immer noch drei Mal so lang anstehen wie Männer – aber nicht mal halb so lang wie in der aktuellen Situation.
Anderen Berechnungen zufolge gleichen sich die Wartezeiten überhaupt erst dann einigermaßen an, wenn Frauen doppelt so viele Toiletten zur Verfügung haben wie Männer.
Mancherorts gibt es auch längst entsprechende Vorschriften. Mehr als 20 US-Staaten, unter anderem New York, Georgia und Missouri, schreiben ein Verhältnis von zwei Damenklos pro Herrenklo vor. Texas hat schon in den frühen 90er Jahren ein solches Gesetz für große öffentliche Gebäude beschlossen. Auch in asiatischen Ländern wie Japan, Taiwan, China und Malaysia wird das Thema ernst genommen.
Auch in Österreich gibt es Gesetze und Richtlinien, die das Zahlenverhältnis von Männer- zu Frauenklos vorschreiben. Aber, und damit sind wir beim zu Beginn erwähnten sechsten Grund: sie schreiben nicht eine größere Anzahl an Frauenklos vor – sondern oft das Gegenteil, nämlich mehr Klos für Männer als für Frauen.
Die Vorschriften in Österreich: Mehr Männerklos als Frauenklos
Wie viele Toiletten an einem bestimmten Ort vorhanden sein müssen und wie die Geschlechterverteilung dabei aussehen soll, ist in Österreich nicht einheitlich geregelt.
Es gibt dazu aber eine Richtlinie des Österreichischen Instituts für Bautechnik (OIB). Die Richtlinie selbst nennt keine konkreten Zahlen; in den Erläuterungen dazu finden sich aber Tabellen, die „als Richtschnur herangezogen werden“ können.
MOMENT.at hat bei den Pressestellen der größten Bundesländer und Städte Österreichs angefragt, welche Regelungen dort für die Anzahl der Damen- und Herrentoiletten gelten. Sechs der acht Antworten beziehen sich auf diese Tabellen.
Diese Richtschnur-Tabellen schlagen für Bauwerke, die mehr als 30 Personen fassen, Frauen- und Männerklos in einem Verhältnis von 1:1 vor. Immerhin „für Veranstaltungen, bei denen mit einer Toilettenbenützung hauptsächlich in den Pausen zu rechnen ist“, empfehlen sie eine „Aufteilung zugunsten der Sitzstellen weiblich“ – konkreter wird es aber nicht. Und bei kleineren Bauwerken laufen die Tabellen auf ein Verhältnis von 1:2 zugunsten der Männer hinaus.
Vier Klos für Frauen, sieben für Männer
Eine Anfrage von MOMENT.at, welche Berechnungen und Überlegungen diesen Zahlen zugrunde liegen, konnte das OIB bis Redaktionsschluss nicht beantworten, da es sich dafür mit den zuständigen Vertreter:innen aller Bundesländer abstimmen müsse.
In den wenigen Landesgesetzen, die konkrete Vorgaben für die Toiletten-Situation in bestimmten Kontexten machen, sieht es für Frauen mit voller Blase oft ebenfalls düster aus.
Veranstaltungen in der Steiermark: für 100 Frauen zwei Klos, für 100 Männer zwei Pissoirs und eine Kabine – Verhältnis 1:1,5 zugunsten der Männer.
Schulen in Vorarlberg: Für 40 Mädchen zwei Klos, für 40 Buben zwei Urinale und eine Kabine – Verhältnis 1:1,5 zugunsten der Buben.
Gastronomiebetriebe in Wien mit mehr als 350 Plätzen: Vier Frauenklos, vier Pissoirs, drei Männerkabinen – Verhältnis 1:1,75 zugunsten der Männer.
Gastronomiebetriebe in Wien mit 26 bis 80 Plätzen: Ein Frauenklo, ein Urinal, eine Männerkabine – Verhältnis 1:2 zugunsten der Männer.
Sind Unisex-WCs die Lösung?
Unisex-Klos haben den großen Vorteil, dass sie trans, intergeschlechtlichen und nichtbinären Menschen das Leben leichter machen. Im Zug oder im Flugzeug sind sie selbstverständlich. Auch in Sachen Wartezeit können sie eine Verbesserung bringen – allerdings nicht in der Version, bei der einfach wie in manchen Lokalen und Clubs an die bestehenden Männer- und Frauen-Anlagen andere Schildchen gehängt werden.
Von den fünf Lösungsmöglichkeiten, die die belgischen Forscher durchgerechnet haben, schneidet diese Variante in Sachen Wartezeit für Frauen am schlechtesten ab. Und das, obwohl die Berechnung davon ausgeht, dass jede Frau die erste freiwerdende Kabine nutzt, egal ob sie sich dafür direkt hinter am Pissoir stehenden Männern vorbeizwängen muss oder nicht. In der Realität empfinden das wohl viele Frauen als unangenehm.
Die aus Sicht der belgischen Forscher effizienteste Lösung: eine einzige WC-Anlage für alle, mit fast doppelt so vielen Kabinen wie Urinalen.
Was muss passieren, damit die Schlange vor dem Frauenklo kürzer wird?
Alle nach den belgischen Berechnungen sinnvollen Lösungen haben zwei Dinge gemeinsam: Sie sehen ungefähr doppelt so viele Kabinen wie Urinale vor – und sie lassen sich nicht durch den Austausch von Türschildern bewerkstelligen.
In bestehenden Gebäuden die langen Schlangen vor den Damentoiletten abzuschaffen, erfordert also einen Umbau und kostet somit Geld.
Was hingegen gar nichts kosten würde: Gesetze und Richtlinien, die für Neubauten und bei großen Umbauten ein sinnvolles Verhältnis von Frauen- zu Männerklos vorschreiben.
Kürzere Wartezeiten? Bitte warten
Schnell wird sich beim Thema Kloschlangen also nicht im großen Stil etwas ändern. Aber langfristig ließen sich die elendige Warteschlange vor dem Frauenklo durchaus abschaffen.
Verantwortlich dafür sind vor allem die Landesregierungen. Sie können über ihre Bauordnungen und andere Landesgesetze Vorgaben für verschiedene Bereiche machen. Und Fachleute der Länder überarbeiten auch gemeinsam mit Vertreter:innen von Bauwesen und Wirtschaft alle vier Jahre die OIB-Richtlinien.
Es liegt also vor allem in ihrer Macht, ob die Schlange vor dem Damenklo ein scheinbares Naturgesetz bleibt und Frauen auch in Jahrzehnten noch über den strategisch besten Zeitpunkt für den Gang aufs Klo nachdenken müssen. Oder ob wir schon bald zumindest in neuen Gebäuden genauso entspannt aufs Klo gehen können wie die Männer.
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