Autos auf einer Landstraße bei Haag, Im Hintergrund ist ein Kirchturm zu sehen. Bäume säumen die wenig befahrene Straße.

Autos auf einer Landstraße bei Haag in Niederösterreich. Ohne Auto am Land zu leben, ist für viele nicht denkbar. Der Preis dafür ist hoch. Photo by Dimitry Anikin on Unsplash

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/ 7. August 2020

Weil sie in der Corona-Krise weniger Geld verdienen, fällt vielen plötzlich auf: Hoppla, ich zahle viel zu viel für mein Auto. Wir unterschätzen massiv, wie teuer Autofahren wirklich ist. Dazu kommt: Viele externe und indirekte Kosten des Autofahrens werden auf die Allgemeinheit abgewälzt. Wüssten wir genau Bescheid, wie viel von unserem Geld das Auto tatsächlich verschlingt, würden viele aussteigen. Aber: Für sehr viele Menschen ist das selbst dann nicht machbar - weil (noch) die Alternativen fehlen.


Für Anna war es einfach zu viel: Sie hat sich getrennt – von ihrem Auto. „Die Leasingraten, die Versicherung, das allein hat mich monatlich 270 Euro gekostet“, sagt sie zu MOMENT. In der Corona-Krise hat Anna gemerkt, wie teuer Autofahren für sie eigentlich ist. Die studierte Event-Managerin ist in Kurzarbeit geschickt worden, bekommt jetzt weniger Gehalt als zuvor.

Und plötzlich schmerzte das Auto. Immer wieder musste sie auf ihr Erspartes zurückgreifen, um die laufenden Kosten zu begleichen. Die rund 60 Euro monatlich für Benzin eingerechnet, gab sie mehr als 20 Prozent ihres Verdienstes nur fürs Auto aus. Schwer vorsehbare Ausgaben für kleinere Schäden und auszutauschende Teile  waren da noch nicht einmal dabei.

470 Euro zahlen wir monatlich für Mobilität. Dieser Betrag wird wesentlich durch den Pkw-Besitz bestimmt.
Wirtschaftsforschungsinstitut WIFO

„Ich habe geschaut, wo ich Fixkosten einsparen kann und bin beim Auto gelandet“, sagt Anna. Sie ist nicht allein: Dafür zu zahlen, von A nach B zu kommen, ist der zweitgrößte finanzielle Klotz am Bein der Menschen in Österreich. Im Durchschnitt geben wir 470 Euro unseres monatlich verfügbaren Einkommens für Mobilität aus. Das entspricht 15 Prozent. Nur fürs Wohnen bezahlen wir noch mehr. Dieser Betrag „wird wesentlich durch den Pkw-Besitz bestimmt“, heißt es in einer umfassenden Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts WIFO zu Kosten von Mobilität (Studie als pdf).

Wer weniger verdient, spürt die Autokosten besonders

Besonders weniger gut verdienende Personen merken es am Loch im Börserl, dass sie ein Auto vor der Tür stehen haben. Zwar besitzen sie seltener überhaupt ein Auto und fahren in der Regel kleinere, nicht ganz so teure Pkw. Dennoch geben Personen mit einem verfügbaren Einkommen von maximal 1.500 Euro einen noch höheren Anteil für ihre Mobilität aus. Und: Fast ein Drittel von ihnen stecken sogar mehr als ein Fünftel ihres Geldes ins Auto, so wie Anna.

Aber: Vielen Menschen ist überhaupt nicht klar, dass sie so viel für ihr Auto zahlen. In Österreich sind es laut WIFO-Studie im Schnitt 50 Cent pro gefahrenen Kilometer. Einmal von Wien nach Graz zu fahren kostet so also 100 Euro – und eben nicht nur den Benzinpreis. Auch eine jüngst in Nature veröffentlichte Studie zeigt: AutofahrerInnen unterschätzen massiv, wie viel sie dafür ausgeben mit dem eigenen Pkw zu reisen.

Im Schnitt um 52 Prozent weniger hoch schätzten die 6.000 in Deutschland befragten Personen die Kosten dafür ein, ein Auto zu besitzen. Das entspricht 221 Euro pro Monat. Viele von ihnen nehmen zwar sehr genau wahr, wie teuer Benzin und Diesel sind. Sie vergessen aber auf alle anderen wichtigen Ausgaben wie für Reparaturen, Steuern und Versicherungen sowie den über die Jahre sinkenden Wert des Autos.

Würden wir richtig rechnen, wären fast vier von zehn Autos nicht da

Das Problem, so die StudienautorInnen: „Wenn sie die Gesamtkosten systematisch unterschätzen, könnte dies den Fahrzeugbesitz und die damit verbundenen Emissionen erhöhen.“ Heißt: Wir legen uns Autos zu, weil wir nicht ahnen, wie teuer diese wirklich sind. Alternativen wie öffentliche Verkehrsmittel werden seltener erwogen. Stattdessen setzen wir uns doch wieder in den Pkw.

Die Studie kommt zum Schluss, dass allein in Deutschland  17,6 Millionen Pkw – 37 Prozent des Bestandes – weniger auf den Straßen unterwegs sein könnten, wenn die KonsumentInnen alle Kosten im Blick hätten. Das würde die CO2-Emissionen des Landes auf einen Schlag um 4,3 Prozent oder 37 Millionen Tonnen pro Jahr verringern. Die AutorInnen erwarten, dass die Ergebnisse ihrer Studie auf alle europäischen Länder anwendbar sind.

Doch zu diesen aktuell tatsächlich zu zahlenden Geldbeträgen, die die wenigsten AutofahrerInnen richtig kalkulieren, kommt noch mehr: Die nicht eingepreisten Kosten des Autofahrens. Das sind etwa der Bau neuer Straßen und die Reparatur altersschwacher Autobahnen. Das sind Folgeschäden von Unfällen und negative gesundheitliche Auswirkungen von Lärm und Abgasen. Und das sind die schon heute spürbaren Kosten der Treibhausgase, die Autos verursachen. Sofern wir nicht gewaltige Anstrengungen unternehmen, werden diese in Zukunft immer weiter ansteigen.

EU-weit 500 Milliarden Euro externe Kosten pro Jahr

Diese sogenannten externen Kosten des Verkehrs betragen EU-weit derzeit rund 500 Milliarden Euro pro Jahr. Fast 93 Prozent davon gehen aufs Konto des Kfz-Verkehrs. In Österreich verursachte der Pkw-Verkehr im vergangenen Jahr 12,1 Milliarden Euro an externen Kosten, so der Verkehrsclub Österreich (VCÖ). Diese werden nicht von AutofahrerInnen, sondern von allen Menschen in Österreich getragen. Pro im Auto gefahrenen Kilometer sind das 16 Cent, die eigentlich fällig werden müssten. Zum Vergleich: Bei der Bahn sind es nur 2,9 Cent.

Würden wir diese Kosten tatsächlich einpreisen, käme es uns noch teurer, mit dem Auto die 200 Kilometer von Wien nach Graz zu fahren. Statt 100 Euro wie oben angeführt, wären es plötzlich schon 132 Euro. All das durchgerechnet zeigt sich: Alternativen wie öffentlicher Verkehr oder Car Sharing würden weitaus attraktiver. Viele AutofahrerInnen würden wohl auf den privaten Pkw verzichten.

Dazu kommen weitere schwer zu kalkulierende Folgekosten: Seit 1990 habe sich die für den Verkehr zubetonierte, asphaltierte und anderweitig versiegelte Fläche in Österreich um 447 Quadratkilometer vergrößert, so eine VCÖ-Publikation von 2017. Das entspricht der Fläche von Wien. 90 Prozent aller Verkehrsflächen in Österreich gehören dem Straßenverkehr. Öko-Systeme werden so zerstört und gehen verloren. Was das kostet sei unklar, so der VCÖ.

AutofahrerInnen können nicht immer frei wählen. Pkw-Besitz ist vielerorts fast unvermeidlich.
Wirtschaftsforschungsinstitut

Doch es gibt ein großes Aber: Den AutofahrerInnen „stehen bei ihren Wegen nicht immer Verkehrsmittelalternativen zur Verfügung, so dass sie nicht frei wählen können“, schreiben die AutorInnen der WIFO-Studie. „Pkw-Besitz ist vielerorts damit wiederum fast unvermeidlich“, heißt es. Das träfe besonders auf den ländlichen Raum zu. Am Land fernab großer Städte ohne Auto zu leben „ist fast nicht machbar“, sagte die Verkehrsforscherin und Ökonomin Astrid Gühnemann jüngst im MOMENT-Interview. Ganz anders sieht es in großen Städten wie Wien aus. „Hier bietet es keinen Vorteil mehr ein Auto zu haben.“

Anna, die sich jetzt von ihrem Auto trennen musste, wohnt nicht in Wien. Sie lebt in Oberösterreich, pendelt zur Arbeit. „Es geht nicht ohne Auto“, sagt sie. Zwar könnte sie öffentlich in die Arbeit fahren, „aber dann bräuchte ich sieben Mal mehr Zeit“. Nur wenige Tage nachdem sie ihr altes Auto abgegeben hat, hat sie sich schon für ein neues entschieden. Nur dass es jetzt eine Nummer kleiner ist: Statt in einem Ford Focus fährt sie demnächst im Ford Fiesta.

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