Eine Ärztin, wie sie einen Mund-Nasen-Schutz einpackt.
/ 14. März 2022

Auch unter Ärzten und Ärztinnen gibt es Corona-Leugner:innen. In Tirol war eine Impfgegnerin bis vor kurzem “Impfreferentin” der Ärztekammer des Landes - mittlerweile wurde sie entlassen. Mit welchen Konsequenzen haben Ärzt:innen zu rechnen, wenn sie gegen den wissenschaftlichen Konsens handeln, Patient:innen schaden und den Impffortschritt aufhalten?

Jan* ist 23 Jahre alt und Medizinstudent in Innsbruck. Für ein Praktikum in einem Spital muss er im Sommer 2021 einige Impfungen auffrischen, unter anderem gegen Diphtherie und Hepatitis A. Dafür besucht er die Praxis seines Hausarztes. Das ist Artur Wechselberger - der damalige Präsident der Tiroler Ärztekammer. In der Praxis ist allerdings nur die Vertretungsärztin des Präsidenten anwesend - und trägt keine FFP2-Maske.

Was dann kommt, bezeichnet Jan heute als „surreal“: Die Ärztin verweigert ihm die Impfungen, weil diese „unnötig“ für die Arbeit in der Klinik seien. Dennoch unterschreibt sie Jans Bogen für die Klinik, der die Impfungen bestätigt. „Das fand ich ziemlich unethisch“, erzählt er. Ohne Impfungen geht der Student nach Hause und schreibt eine Beschwerdemail an Wechselberger. Der erklärt in seiner Antwort: Die Vertretungsärztin sei „zur selbständigen Berufsausübung“ berechtigt, deren „fachlichen Aussagen ihrer Eigenverantwortung“ obliegen würden. Ihre „differenzierte Betrachtungsweise“ sei außerdem ihrer Ausbildung als Fachärztin für Mikrobiologie und Hygiene geschuldet. Jan könne aber gern in der Praxis vorbeikommen, um sich von Wechselberger persönlich doch noch impfen zu lassen.

Jan lässt das Thema allerdings nicht los. Er findet auf Google Kundenberichte zu Wechselbergers Praxis, die ihm bestätigen, dass die Vertretungsärztin eine notorische Impfverweigerin ist. Eine Frau schreibt, dass die Ärztin ihr die Grippe-Impfung aufgrund ihrer Schwangerschaft verweigerte. Ein weiterer Patient bezeichnet sie als „Gefahr für die Öffentlichkeit”: “Mir wurden 20 Minuten die wildesten Verschwörungen aufgetischt, von Menschenexperimenten durch die Impfung, bis dass in Indien keine Menschen an Corona sterben”, heißt es im Bericht. Die User:innen bestätigen Jans Erlebnis: Neben Impfungen verzichtet die Ärztin auch auf einen Mund-Nasen-Schutz.

Tiroler Ärztekammer: Impfgegnerin war gleichzeitig Impfreferentin

Wer den Namen der besagten Ärztin bei Google eingibt, kann noch mehr kurioses entdecken: Die mutmaßliche Impfgegnerin war, unter Präsidentschaft ihres Chefs Wechselberger, jahrelang “Impfreferentin” der Tiroler Ärztekammer - zumindest bis ins Jahr 2020. Erst 2021, als sich ihre Ansichten wohl auch der Kammer offenbarten, wurde sie durch ihren damaligen Stellvertreter ersetzt.

Gegenüber MOMENT möchte sich die Ärztin nicht äußern. Dr. Wechselberger gibt an, dass sie bereits in Pension gegangen sei. Aus diesem Grund verzichten wir auch auf eine namentliche Nennung. MOMENT bat stattdessen Wechselberger und die Tiroler Ärztekammer um eine Stellungnahme. Beide Seiten geben zu: Die Ärztin wurde wegen “unüberbrückbaren fachlichen Differenzen bezüglich der COVID-19-Impfungen” sowohl aus Wechselbergers Praxis als auch als Impfreferentin der Tiroler Ärztekammer entlassen.

Ersteres geschah laut Wechselbergers Angaben allerdings erst im November 2021. Kammer und Präsident beteuern jedenfalls, dass weder Praxis noch Berufsvertretung durch die Einstellung der Ärztin Schaden nahmen. Die Vertretungsärztin “war nicht in die Umsetzung der COVID-19-Impfungen, die in unserer Praxis durchgeführt wurden, eingebunden”, schreibt Wechselberger. Dass sie offenbar auch Grippe- und Hepatitis-Impfungen verweigerte und warum er nicht früher handelte, kommentiert Wechselberger allerdings nicht.

Tirol: Impfgegner:innen bilden Wahlgruppe für die Ärztekammer - und bekommen Mandate

Die ehemalige Angestellte Wechselbergers war nicht die einzige Impfgegnerin unter Tirols Mediziner:innen. Mit den „Freien Ärzten Tirol“ hat sich eine ganze Wahlgruppe zur Ärztekammerwahl zusammengeschlossen, denen Verbindungen zur „Querdenker“-Szene nachgewiesen werden kann. Auf ihrer Website fordern sie eine „Freie Ausübung ohne Druck und Angst“ und „evidenzbasierte Behandlung unserer Patienten.“

Das klingt zunächst unbefangen, doch die Kandidat:innen haben es in sich: Der Urologe und Universitätsdozent Hannes Strasser empfiehlt auf dem FPÖ-eigenen Youtube-Kanal ganz nach dem Vorbild Herbert Kickls das Entwurmungsmittel Ivermectin gegen COVID. Auch Kandidat Christian Schubert ist ein gern gesehener Gast in diversen Talkformaten verschwörungsideologischer Youtube-Channels. Gleichzeitig ist er Unterzeichner eines offenen Briefes an die Ärztekammer, in dem sich 199 Ärzt:innen gegen die Impfpflicht aussprechen.

Die “Freien Ärzte Tirols” werden auch von Benutzer:innen in einer Impfskeptiker-Gruppe auf Telegram empfohlen. Diese teilen dort nicht nur Fehlinformationen und Verschwörungsideologien, sondern auch offenkundigen Rassismus: “Um in dieser Gruppe willkommen zu sein, dürfen in deinem Vor- und Nachnamen keine arabischen Zeichen enthalten sein”, heißt es.

Bei den Wahlen der Ärztekammer in Tirol am 22. Februar errangen die Freien Ärzte Tirols bei schwacher Wahlbeteiligung drei von 49 Mandaten. Ivermectin-Befürworter:innen und Verschwörungsideolog:innen sitzen somit jetzt auch in den Vertretungsgremien. Auf Anfrage, wie die Tiroler Ärztekammer damit umgeht, heißt es:

Der Ausdruck „Impfgegner:innen“ ist eine pauschale und möglicherweise auch präjudizierende Ausdrucksweise. Österreich ist ein Rechtsstaat mit rechtsstaatlichen Verfahren, denen das Handeln der Ärztekammer unterliegt. Demzufolge gilt es, den jeweiligen Einzelfall unter der Prämisse der Rechtsstaatlichkeit zu beurteilen. Alle in der Ärztekammer von Behörden oder Einzelpersonen einlangenden Anzeigen wegen des Verdachtes eines Disziplinarvergehens sind laut Ärztegesetz zunächst dem Disziplinaranwalt zur disziplinarrechtlichen Prüfung weiterzuleiten.

Krankenkassen und Bundesärztekammer wollen handeln - aber auch vorbeugend?

Verdacht auf Disziplinarvergehen dürfte es auch bundesweit einige geben, nachdem sich bereits 199 Ärzt:innen im Dezember im erwähnten offenen Brief gegen die Impfpflicht geäußert hatten. Von der Bundesärztekammer heißt es dazu, man könne ihnen nicht das Recht auf freie Meinungsäußerung verweigern. “Beratungen und Behandlungen müssen aber dem Stand der Wissenschaft entsprechend erfolgen, dazu sind Ärztinnen und Ärzte gesetzlich verpflichtet.” Zum Stand der Wissenschaft zählen für die Österreichische Ärztekammer auch die “Empfehlungen des nationalen Impfgremiums als oberstes Expertengremium in dieser Frage.”

Um ein Disziplinarverfahren durch die Ärztekammer einzuleiten, müssen allerdings klare Verstöße gegen das Ärztegesetz vorliegen. Und die gibt es meist erst, wenn Patient:innen durch die falsche Behandlung Schäden davontragen. Die Strafen reichen von Geldstrafen bis zur Streichung aus der Ärzteliste. Das regelt das Ärztegesetz. Ob solche Verfahren aktuell aufgrund der Impfung laufen, möchte die Ärztekammer der Öffentlichkeit nicht verraten.

Die Krankenkassen sagen öffentlich, gegen die Impfgegner:innen vorgehen zu wollen. ÖGK-Obmann Andreas Huss äußerte bereits, dass er “wenig Verständnis” für Covid-Leugner:innen habe: “Wenn Patientinnen und Patienten zu Schaden kommen, könne das Strafrecht zur Anwendung kommen”, sagt er. Eine Vertragskündigung durch die Kassen kommt aber selten vor: Laut Sozialversicherungsgesetz muss ein Arzt oder eine Ärztin mehrfach wegen Vertragsverletzungen zivilrechtlich verurteilt werden, bevor die Kasse kündigen kann. Und wer von der Kassa gekündigt wird, kann auch weiterhin als Wahlarzt praktizieren.

Ärztin aus Wien: „In Österreich wird zu lasch mit unwissenschaftlichen Praktiken umgegangen“.

Nicht alle Ärztinnen und Ärzte finden das gut genug. “In Österreich wird zu lasch mit unwissenschaftlichen Praktiken umgegangen”, sagt etwa eine Ärztin aus Wien, die in ihrer Arbeit viel mit Corona-Patient:innen arbeitet, gegenüber MOMENT. Das betreffe neben der Impfung zum Beispiel auch die Homöopathie, für die die Kammer selbst Zertifikate und Diplome ausstellt. “Damit lässt sich gutes Geld machen”, so die Gynäkologin. Die Kammer argumentiere dabei stets, dass Mediziner:innen nun mal einem freien Beruf nachgehen. Wenn niemand zu Schaden kommt, greife niemand ein. Diesen Schaden nachzuweisen, sei aber sogar im Fall des Falles denkbar schwer.

Um bei seinem Praktikum nicht zu Schaden zu kommen, hat sich Medizinstudent Jan seine Hepatitis-Impfung mittlerweile woanders geholt und den Hausarzt gewechselt. Wechselbergers ehemalige Stellvertreterin ist seit Jahresbeginn in Pension - das bedeutet zumindest eine Impfgegnerin weniger in der Ärzteschaft. Drei weitere sitzen aber jetzt ganz offiziell in der Vertretung der Ärztekammer Tirol und haben dafür 170 Stimmen von wahlberechtigten Ärzt:innen bekommen. Die Bundesärztekammer möchte diese Wahl nicht kommentieren. Übrigens: Bald wird die Impfgegner:innen-Partei MFG auch bei der Wiener Kammerwahl antreten.

*Name von der Redaktion geändert

 

 

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