Kreuzung in Paris ohne Autos
Photo by chloe s. on Unsplash
/
/ 1. Juli 2020

Hauptstraßen für den Autoverkehr sperren, Parkplätze entfernen, Stinkerautos aus der Stadt verbannen: Bürgermeisterin Anne Hidalgo will aus der Staustadt Paris eine verkehrsberuhigte Zone machen, mit Fahrrad-Highways und Platz zum Flanieren. Die WählerInnen danken es ihr, andere Städte versuchen ihr nachzueifern – auch Wien. Macht Paris etwas besser beim Versuch, der Stadt das Auto auszutreiben? Und wo liegt Wien vorne?


Paris entscheidet sich für den Wandel, und bleibt seiner Bürgermeisterin treu. Mit fast 50 Prozent der Stimmen bestätigten die WählerInnen von Frankreichs Hauptstadt Anne Hidalgo am Sonntag im Amt. Sie kämpft dafür, die Staustadt Paris in ein Paradies für FußgängerInnen und Fahrräder zu verwandeln.

Ihre Methoden werden teils als brachial empfunden und sorgen für Aufsehen: In ihrer ersten Amtsperiode seit 2014 sperrte sie die von täglich 40.000 Autos befahrene Magistrale am rechten Ufer der Seine. Dazu gibt es autofreie Sonntage, flächendeckend Tempo 30, Cityverbot für alte Autos, mehr Radwege und Flanierflächen.

Ich möchte auf der richtigen Seite der Geschichte stehen.
Anne Hildago, Bürgermeisterin Paris

Ihr Antrieb: „Ich möchte auf der richtigen Seite der Geschichte stehen“, sagte die Sozialistin Hidalgo einmal. Und: „Wir müssen endlich auf Grün schalten.“ In den kommenden sechs Jahren will sie den begonnenen Weg fortsetzen. Das ist auch bitter nötig: Die Qualität der Luft in Paris ist schlecht, deutlich schlechter als in Wien. Feinstaub- und Stickstoffwerte sprengen regelmäßig die Grenzen dessen, was noch als gesundheitlich wenig bedenklich gilt und liegen im Mittel über den EU-Grenzwerten. Hauptverursacher für beides ist der Autoverkehr. In einem Vergleich landete Paris auf dem 12. Platz von 13 untersuchten Städten in Europa. Was die Luftqualität angeht erreichte Wien den zweiten Rang (Studie als pdf).

Dabei „hat sich der Autoverkehr in Paris seit 1992 halbiert“, sagt der Ökonom und Stadtplaner Frédéric Héran zu MOMENT. Der Professor der Universität Lille forscht darüber, wie sich die Mobilität in Paris verändert. Die Zahlen sind eindrucksvoll: Allein im vergangenen Jahr sank der Autoverkehr um 8,1 Prozent. Dagegen „ist der Fahrradverkehr in den vergangenen 25 Jahren um den Faktor zehn gestiegen“, so Héran (Studie als pdf).

Autoverkehr halbiert, Radverkehr verzehnfacht

Allerdings von sehr niedrigem Niveau aus: In den achtziger Jahren traute sich kaum jemand mit dem Fahrrad auf die Straßen von Paris. Erst im Jahr 1996 begann die Stadt überhaupt systematisch Radwege zu bauen. In Hidalgos erster Amtszeit sollte das Wegenetz von 700 auf 1.400 Kilometer verdoppelt werden. Für ihre nächste Amtszeit verspricht sie 650 weitere Kilometer.

Das wird auch in Wien registriert. „Ich finde super, was Hidalgo gemacht hat“, sagt Hermann Knoflacher, ehemaliger Verkehrsplanungs-Professor der TU Wien und Koryphäe der Wiener Stadtplanung. Pläne dafür, das Seine-Ufer für den Autoverkehr zu sperren, seien zwar nicht neu gewesen. „Aber es hat eine politische Persönlichkeit gefehlt, die das praktisch umsetzt“, sagt er.

In der Innenstadt war Wien Vorbild für Paris.
Hermann Knoflacher, TU Wien

Knoflacher sieht Wien im Vergleich nicht so schlecht; in der Innenstadt zum Beispiel. „Da war Wien eher Vorbild für Paris“, sagt er. „Wir haben mit der Fußgängerzone in der Innenstadt den Verkehr reduziert und dazu die Plätze der Stadt freigeräumt von parkenden Autos.“ Das war bereits in den 1970er Jahren. Paris dagegen habe damals „den Fehler gemacht, an der autogerechten Stadt festzuhalten.“

Die Folge: Paris ist noch immer eine der Stau-Metropolen der Welt. Auf der langen Liste der am meisten verstopften Städte belegt Frankreichs Hauptstadt den 7. Platz. Laut den Daten der Verkehrsanalysten von Inrix standen AutofahrerInnen dort im vergangenen Jahr 165 Stunden im Stau. Zum Vergleich: In Wien waren es 41 Stunden.

Ziel: Ab 2030 keine Autos mit Auspuff mehr in der Stadt

Bürgermeisterin Hidalgo will nach ihrem Wahlsieg weiter dagegen ankämpfen: Ganze 60.000 der derzeit 83.000 Parkplätze auf den Straßen sollen in den kommenden sechs Jahren weichen. Das sei ein Schlüssel für weniger Verkehr in der Innenstadt sagt Knoflacher. "Sie müssen die Parkplätze wegnehmen, dann ändert sich das Verhalten", sagte er im großen MOMENT-Interview im März. Ab dem Jahr 2025 sollen in Paris keine Diesel-Pkw fahren dürfen, ab 2030 überhaupt keine Autos mit Verbrennungsmotor. Es sind radikale Einschnitte, doch das Wahlergebnis hat gezeigt: Die BürgerInnen der Stadt ziehen mit.

In Wien werden Parkplätze mehr wertgeschätzt als BürgerInnen, die zu Fuß gehen.
Christian Gratzer, Verkehrsclub Österreich

Warum? „Die offensive Kommunikation der Bürgermeisterin führte zu starker Zustimmung durch die Bevölkerung“, sagt Christian Gratzer vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ) zu MOMENT. In Wien dagegen würden „von großen Teilen der Politik Parkplätze mehr wertgeschätzt als BürgerInnen, die zu Fuß gehen oder mit dem Fahrrad unterwegs sind“ – sogar in innerstädtischen Bezirken.

Und das, obwohl dort die WienerInnen bereits heute 85 Prozent der Wege zu Fuß, mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Fahrrad zurücklegen. Die Wiener Bevölkerung sei auch "gegen eine Zunahme des Autoverkehrs, gegen verstopfte Straßen, gegen mehr Abgase", so Gratzer. Zumindest bei den EinwohnerInnen „ist die Abkehr vom Auto schon da“, sagt auch Knoflacher.

Wien will weniger Autoverkehr. Nur wie?

Angelika Winkler von der für Stadtplanung zuständigen Magistratsabteilung MA18 blickt beinahe neidisch auf die weitreichende Pläne von Hidalgo. „Städte wie Paris sind da sehr progressiv. Das ist eine andere politische Kultur“, sagt sie zu MOMENT. Hier sehe das etwas anders aus: „In Wien wird sehr kontroversiell diskutiert, mehr als in anderen Städten.“

Das Auto ist nicht das logische Verkehrsmittel in der Stadt.
Angelika Winkler, Stadtplanerin MA18 Wien

Dabei ist für sie klar, dass das Auto „nicht das logische Verkehrsmittel in der Stadt ist“. Der Platzverbrauch sei enorm und dazu „steht ein Auto zu 98,5 Prozent der Zeit nur links und rechts der Straße herum“, sagt Winkler. Auch Wien möchte den Autoverkehr reduzieren. Im Jahr 2025 sollen nur noch 20 Prozent aller Wege motorisiert zurückgelegt werden. Zuletzt waren es noch 27 Prozent.

Wie das funktionieren soll? Für Winkler sind Begegnungszonen wie in der Mariahilfer Straße ein Mittel. „Andererseits ist die Parkraumbewirtschaftung ein effizientes System, um Menschen zu motivieren, mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Stadt zu fahren“. Wie in Paris, sei es einen Versuch wert, Straßen temporär zu sperren. „Wenn die Zeit reif ist, werden wir das machen“, sagt sie. Aber: „Es gibt noch ungelöste Probleme, die jetzt geklärt werden müssen.“

Paris: Millionenstadt auf engsten Raum

In Paris legen die EinwohnerInnen heute nur 16 Prozent ihrer Wege motorisiert zurück. Das ist im Vergleich sehr wenig. Es ist allerdings eine Zahl, die mit Vorsicht zu genießen ist. Denn die Kernstadt Paris ist ein relativ kleines Gebiet. Auf nur 105 Quadratkilometern drängen sich 2,2 Millionen Menschen. Die Einwohnerdichte ist die höchste in Europa.

Wien dagegen ist flächenmäßig vier Mal so groß, hat aber rund 300.000 Einwohner weniger. Eins zu Eins vergleichen lassen sich die Angaben also nicht. Aufgrund der Dichte der Innenstadt sind hier viele Ziele zu Fuß erreichbar. 47 Prozent ihrer Wege legen die EinwohnerInnen so zurück.

In Paris steigt der Anteil des Autoverkehrs, je weiter weg es vom Stadtzentrum geht. Laut Zahlen von Deloitte legen die 7,2 Millionen EinwohnerInnen der Métropole du Grand Paris, ein Gebiet doppelt so groß wie Wien, ein Viertel ihrer Wege mit dem Auto zurück, das ist leicht unter dem Niveau von Wien.

Bei den Öffis hat Wien die Nase vorn.
Christian Gratzer, VCÖ

Spitze sind Wien und Paris gleichermaßen, wenn es um den öffentlichen Nahverkehr geht. Die WienerInnen legen 38 Prozent ihrer Wege in Bus und Bahn zurück. „Wien hat da die Nase vorn“, sagt Christian Gratzer. Das öffentliche Verkehrsnetz sei „moderner, das Preis-Leistungs-Verhältnis mit dem Jahresticket um 365 Euro ausgezeichnet.“

In Wien gebe es zudem deutlich mehr Öffi-Jahreskarten als zugelassene Pkw. „Soweit uns bekannt, ist das in Europa einzigartig“, sagt Gratzer. „Wien hat hier im Vergleich mit anderen Städten ein herausragendes Angebot“, sagt Angelika Winkler von der MA18.

Reißnägel auf Pop-Up-Radwegen in Wien

Dennoch, gerade jetzt in der Zeit der Coronavirus-Pandemie, zeigte Wien sich eher von seiner beharrenden Seite. Paris errichtete in dieser Zeit des stark reduziertem Autoverkehrs 60 Kilometer sogenannter Pop-Up-Radwege. In Wien tauchten diese nur in vier Straßen auf. Und während Paris schon darüber nachdenkt, die temporären Fahrradwege in reguläre zu verwandeln, gab es in Wien gefährlichen Widerstand: „Hier hatten wir Reißnägel auf den Pop-Up-Radwegen. Das war in Paris kein Thema“, sagt Winkler.


Was meinst du? Was sollten Städte tun, um den Autoverkehr zu reduzieren?

Dir gefällt unsere Arbeit?

Das freut uns! Wir sind unabhängig von Parteien und Konzernen. Unterstütze unsere Arbeit mit deiner Spende. Jeder Beitrag, ist er noch so klein, ist wichtig!

Ich bin einverstanden, einen regelmäßigen Newsletter zu erhalten. Mehr Informationen: Datenschutz.