Alfred Pritz, Rektor der Sigmund Freud Privat-Universität

Alfred Pritz, Psychotherapeut und Rektor der Sigmund Freud Privat-Universität, warnt vor Long Covid.

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/ 14. April 2021

Was ist Long Covid? Manche PatientInnen haben auch noch Monate nach einer Corona-Infektion Symptome. Dazu gehören nicht nur körperliche Beschwerden, sondern auch psychische, neurologische und psychiatrische Folgen. Das passiert sind nicht nur als eine Nebenwirkung der psychisch anstrengenden Pandemie, sondern wird auch direkt von der Krankheit verursacht. Psychotherapeut Alfred Pritz, Rektor der Sigmund Freund Universität, warnt vor den massiven psychischen Belastungen durch die Pandemie. Er fordert den neuen Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein auf, dringend die psychosoziale Versorgung in Österreich auszubauen.

MOMENT: Eine Studie aus Oxford legt nahe, dass eine Covid-Infektion auch direkt psychisch relevante Langzeitfolgen auslösen kann. Was macht das Virus denn in unserem Gehirn?

Pritz: Das ist leider noch nicht restlos geklärt. Sehr viel im Bezug auf Corona ist noch immer unklar. Wir sehen, dass es anfälligere Gruppen gibt und andere stecken eine Infektion besser weg, da sie eine andere genetische Grundausstattung haben. So haben auch junge und kerngesunde Personen mitunter einen schweren Verlauf und ältere Personen bemerken nur durch einen zufälligen Test eine Infektion.

In Oxford wurden knapp 240.000 PatientInnen für eine Studie untersucht und das Ergebnis war, dass rund ein Drittel in den ersten sechs Monaten nach einer Corona-Infektion eine einschlägige psychische, psychiatrische oder neurologische Symptomatik aufwiesen. Neben Angststörungen und Depressionen traten auch Schlaganfälle häufig auf.

MOMENT: Doch die Pandemie hat uns ja eine ganze Bandbreite an psychischen Belastungen beschert: Social Distancing, Lockdown, Homeoffice, Homeschooling, eine hohe Arbeitslosigkeit … Wie kann man diese von direkten Covid-Folgen unterscheiden?

Pritz: Gar nicht. Das kann man nicht auseinanderdividieren. Wir leben gerade in einer bleiernen Zeit, wie ich das nenne. Die Belastung legt sich über alle Lebensbereiche. Wir sehen, dass es neben der Virus-Pandemie auch eine Angst-Pandemie gibt. Viele Menschen haben aus gutem Grund enorme Angst, dass sie sterben könnten, oder schwer krank werden. Das ist auch nachvollziehbar. Trotzdem ist das Risiko, einen schweren Corona-Verlauf zu erleben, im Grunde gering. Wir sehen schon seit letztem Jahr, dass sich der psychische Gesundheitszustand in der allgemeinen Bevölkerung massiv verschlechtert hat. Dazu gibt es schon unendlich viele Studien und in jeder Gegend, in der eine gemacht wurde, gibt es massive Verschlechterungen.

Wir sehen es ja auch selbst als eine der größten psychosozialen Versorgungseinrichtungen in Wien mit einer psychologischen und zwei psychotherapeutischen Ambulanzen. Wir haben lange Wartelisten von sechs bis acht Wochen.

 

MOMENT: Bei der psychischen und psychiatrischen Versorgung gibt es in Österreich ja massive Lücken. Rudolf Anschober hat während seiner Amtszeit oft versprochen, dass er hier eine Verbesserung schafft. Ist das nicht passiert?

Pritz: Wollen und tun sind zweierlei Dinge, leider. Aufgrund von Corona ist diesbezüglich im Gesundheitsministerium nichts weiter gegangen. Ich habe Rudolf Anschober sehr sympathisch gefunden, aber er hat da leider überhaupt nix weiter gebracht.

 

MOMENT: Aber er hat ja sogar in seiner Abschiedsrede erwähnt, dass ihm eine Versorgung von PatientInnen mit Long Covid ein Anliegen ist. Gibt es nicht für sie wenigstens einige Gruppentherapieplätze?

Pritz: Das war auch wieder nur eine reine Ankündigungspolitik. Es gibt zwar mittlerweile einige Einrichtungen für die körperliche Mobilisierung von Covid-Kranken, also quasi einen Kurbetrieb. Aber für die psychisch Erkrankten gibt es noch viel zu wenig Angebote, weil es einfach noch gar keine Struktur gibt. Das war schon immer so: Psychische Krankheiten sind ja oft nicht zu sehen und finden im Stillen statt. Sie sind eben nicht so sichtbar und auffallend wie jemand, der akut keine Luft bekommt.



MOMENT: Man hört immer, dass es zu wenige Kassenplätze für Psychotherapie gibt. Wie viele müssten da aufgestockt werden?

Pritz: Das kann niemand sagen. Da müsste ich jetzt eine Fantasiezahl nennen. Es gibt ja wie gesagt gewisse Versorgungsstrukturen noch gar nicht. Es fehlt an grundsätzlichen, bundesweiten Bedarfserhebungen. Aber ich möchte nicht nur klagen. In den letzten 30 Jahren, die ich aufgrund meiner langen Tätigkeit gut übersehe, ist viel geschehen. Die Krankenkassen haben ihre Therapieleistungen ziemlich ausgeweitet. Aber sollte sich der Verdacht erhärten, dass zusätzlich zu der allgemeinen psychischen Belastung durch die Pandemie, die Erkrankung selbst auch zu psychisch relevanten Langzeitfolgen führen kann, so könnte das die psychosoziale Versorgung in Zukunft noch stärker belasten. Es muss hier einfach schnell mehr passieren. Und ich hoffe, dass der neue Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein dieses Thema ernst nimmt.

 

MOMENT: Was passiert im schlimmsten Fall, wenn all diesen Menschen nicht zeitgerecht geholfen wird?

Pritz: Dann könnten wir vielleicht bald eine steigende Suizid-Rate sehen.

 

MOMENT: Psychische Krankheiten sind ja immer noch ein Tabu. Glauben Sie, dass Rudi Anschober hier eine Lanze gebrochen hat, da er offen über sein Burnout spricht?

Pritz: Ja, Corona trägt hier bestimmt viel zur Entstigmatisierung bei. Vor allem, weil ja nun weltweit so viele Menschen betroffen sind und vor allem die soziale Isolation mit vielen psychischen Problemen einhergeht. Der Mensch ist eben ein soziales Tier. Corona hat auch positive Folgen, wie eben diese Entstigmatisierung. Oder die Digitalisierung. Die Online-Therapie boomt und sie funktioniert, das hätte man davor nicht für möglich gehalten.

An Rudolf Anschober sieht man, was mit Menschen in dieser Pandemie passiert. Er hatte ja ein extremes Belastungsprofil, hat 14 Monate durchgearbeitet, wie er selbst gesagt hat. So etwas tut niemandem gut. Aber wir haben hier auch Menschen, die ganz andere Probleme haben. Die etwa ihre Jobs verloren und deshalb enorme Existenzängste haben. Ängste und Depressionen können ganz unterschiedliche Ursachen haben, jeder reagiert nochmals anders auf solche Belastungen. Und deshalb muss es ein individuelles Angebot geben, um all diesen Menschen bestmöglich helfen zu können. 



Hast du Long Covid? In Wien gibt es hier ein ambulantes Programm für Covid-PatientInnen mit Langzeitsymptomen.

Hier gibt es eine Long Covid Selbsthilfegruppe

Leidest du unter Depressionen oder hast Suizidgedanken? Bitte wende dich an die Telefonseelsorge, kostenlos stehen dir Berater rund um die Uhr unter 142 zur Verfügung. Es gibt auch Beratungen über Chat und Mail.

Auch die Experten des Kriseninterventionszentrums stehen für eine Beratung und therapeutische Gespräche von Montag bis Freitag unter +43 1/ 406 95 95 zur Verfügung. Auch hier ist eine anonyme E-Mail Beratung möglich.

Die psychologischen Helpline des Berufsverbandes Österreichischer PsychologInnen ist Montag bis Sonntag, 10 bis 20 Uhr unter +43 1 /504 8000 erreichbar.

 

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