Eine Mutter mit ihrem Kleinkind blickt in den Sonnenuntergang

Ein heute erwachsener Mann spricht über seine Kindheit mit einer psychisch kranken Mutter und einem alkoholsüchtigen Vater.

Pexels.com/Flora Westbrook

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/ 10. März 2021

Alexander* wuchs mit einer psychisch kranken Mutter und einem alkoholsüchtigen Vater auf. Er kritisiert, dass er oder seine Geschwister niemals psychologische Unterstützung bekommen haben und psychische Krankheiten in Österreich generell ein Tabu sind.


Als ich sechs Jahre alt war, wurde meine Mutter das erste Mal in die Psychiatrie eingeliefert. Ich und mein um ein Jahr jüngerer Bruder haben sie damals besucht. Was sie genau hatte, wurde uns nicht gesagt. Eine psychische Krankheit ist heute in unserer Gesellschaft noch immer ein Tabu. Die Erwachsenen wollten nicht darüber reden, oder wussten nicht wie. Es hieß nur, dass es Mama eben nicht so gut geht. Von da an wurde es immer schlimmer. Welche psychische Krankheit sie hatte, weiß ich bis heute nicht. Ich schätze, dass es etwas im manisch-depressiven Bereich war. Sie hatte Phasen, in denen sie sehr traurig war, aber dann auch welche, in denen sie aggressiv und aufbrausend wurde.

 

Verhalten der psychisch kranken Mutter war unberechenbar

Wir Kinder wussten nie, wie wir dran sind. Ich erinnere mich noch gut an einen Vorfall. Ich habe mit meinem Bruder im Kinderzimmer gespielt. Wir haben uns selbst mit einem Kassettenrekorder aufgenommen. Plötzlich platzte sie ins Zimmer und schrie uns grundlos an. Wir sind geflüchtet. Die Aufnahme lief weiter. Wir haben ihr diese später vorgespielt. Meine Mutter war selbst schockiert und meinte, das sei sie nicht.

Mein Vater ist Musiker und Tontechniker und hat bei Konzerten und Auftritten schon immer viel getrunken, wie das eben üblich war und ist. Doch dann wurde es problematisch. Er wusste wohl nicht anders mit der Krankheit meiner Mutter fertig zu werden. Doch wir Kinder hätten dringend Unterstützung gebraucht. Wir haben uns schließlich immer schuldig gefühlt und dachten, es liegt an uns, wenn Mama sich so aufgeregt hat.


Statt psychischer Unterstützung gab es nur Haushaltshilfe

Als ich 13 war und mein Bruder 12, bekam meine Mutter meine Schwester und kurz danach noch einen Buben. Ihr ging es damals schon sehr schlecht und die beiden jüngeren Kinder waren bestimmt auch nicht das, was sie damals gebraucht hätte. Meine Mutter kam dann immer öfters in die Psychiatrie. Wenn sie nicht da war, war meine Großmutter bei uns. Manchmal hatten wir auch eine Haushaltshilfe. Diese wurde wohl von der Caritas oder einer anderen karitativen Einrichtung organisiert. Später habe dann ich öfters auf meine jüngeren Geschwister aufgepasst und für sie gekocht.

Doch wir hätten nicht nur Hilfe im Haushalt gebraucht. Wir hätten vor allem einmal mit PsychologInnen, TherapeutInnen oder anderen ExpertInnen reden müssen, die uns hilft, das Verhalten und die Krankheit unserer Mutter zu verstehen. 

 

Psychisch kranke Mutter versuchte mehrmals Suizid

Als ich zwanzig Jahre alt war, musste ich zum Bundesheer. Das war gegen Ende der Neunziger Jahre. Eines Nachts kam einmal einer der Vorgesetzten zu mir und meinte, ich müsse mitkommen. Wir waren mitten in einer Übung, ich hatte Tarnfarbe im Gesicht, lag in einem Zelt und wollte nur noch schlafen. Ich wurde nach Hause gebracht zu meinen kleinen Geschwistern, denn meine Mutter hatte einen Suizidversuch begangen.

Diesen Versuch hat sie überlebt. Aber ungefähr ein Jahr später klopfte es an der Tür, als ich gerade mit meinen jüngeren Geschwistern zu Hause war. Es war die Polizei, die uns mitteilte, dass meine Mutter tot war. 

Keine professionelle Hilfe nach Suizid

Nicht einmal nach dem Suizid meiner Mutter gab es professionelle, psychologische Unterstützung. Weder für mich, noch für meine minderjährigen Geschwister. Ich fände, dass es spätestens dann das Mindeste gewesen wäre, dass jemand vom Kriseninterventionsteam nachfragt, wie es uns geht. Mein Vater hatte damals schon eine neue Beziehung und war im Ausland, als sich meine Mutter umgebracht hat. Doch er hatte uns ja schon davor im Stich gelassen.

Ich kann heute schwer einschätzen, ob mein Vater und meine Großmutter nicht den Behörden glaubhaft vermittelt haben, dass sie sich gut um uns kümmern. Vielleicht hatten sie Angst, dass das Jugendamt einschreitet und uns abnimmt. Doch hier gehört einfach einmal mit den betroffenen Kindern nachgefragt. Ich habe jedenfalls niemals mit SozialarbeiterInnen, TherapeutInnen oder PsychologInnen gesprochen. 

Kinder mussten alles mit sich selbst ausmachen

Ich habe zwar mehrfach versucht eine Therapie zu beginnen, doch aus beruflichen Gründen musste ich nach kurzer Zeit immer abbrechen. Im Grunde musste ich alles mit mir selbst ausmachen, meine Psyche zerlegen und wieder zusammenbauen. Meinen Geschwistern geht es da nicht anders.

Wenn die Mutter psychisch krank ist, dann prägt das natürlich das eigene Leben und Verhalten. Ich bin erst vor kurzem durch einen Artikel drauf gekommen, dass ich wahrscheinlich an posttraumatischen Belastungsstörungen leide. Ich werde zum Beispiel leicht aggressiv und aufbrausend. Und auch andere Symptome wurden beschrieben, die absolut auf mich zutreffen. Außerdem habe ich mich lange schuldig gefühlt, da meine Mutter uns immer das Gefühl gab, dass es ihr so schlecht geht, weil wir schlimm und undankbar sind, so dass sie sich mit uns herumärgern muss . Als die Polizei an unsere Tür geklopft hat, um uns über ihren Tod zu informieren, dachte ich im ersten Moment sogar, sie seien bestimmt meinetwegen da, denn ich hätte sicher irgendetwas falsch gemacht, auch wenn mir völlig unklar war, was.

Ich bin zum Glück mit meinem Leben immer zurechtgekommen und auch beruflich erfolgreich. Auch meine Geschwister kämpfen sich halbwegs gut durchs Leben. Doch wir sind alle mit einer psychischen Last ins Leben gestartet. Und die Erwachsenen hätten uns beim Tragen und abarbeiten besser unterstützen müssen.



Leidest du unter Depressionen, Angststörungen, hast Suizidgedanken oder belastet dich die Corona-Krise sehr? 

Hier findest du die Kontaktadressen der psychologischen Studierendenberatung in allen Bundesländern.

Weiters kannst du dich an die Telefonseelsorge wenden, kostenlos stehen dir Experten rund um die Uhr unter 142 zur Verfügung. Es gibt auch Beratungen über Chat und Mail.

Auch die Experten des Kriseninterventionsteams stehen für eine Beratung von Montag bis Freitag unter +43 1/ 406 95 95 zur Verfügung. Auch hier ist eine anonyme E-Mail Beratung möglich.

Die psychologischen Helpline des Berufsverbandes Österreichischer PsychologInnen ist Montag bis Sonntag, 10 bis 20 Uhr unter +43 1 /504 8000 erreichbar.



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