Ein junger Student zwischen Bücherstapeln mit traurigem Blick

Die Corona-Krise setzt immer mehr StudentInnen schwer zu. Die psychologische Studierendenberatung verzeichnet einen enormen Anstieg an Anfragen. 

Pexels/Andrea Picquadio

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/ 15. Februar 2021

Die Corona-Krise setzt Studierenden schwer zu: Einsamkeit, Ängste, Depressionen oder finanzielle Sorgen führen dazu, dass die psychologische Studierendenberatung einen enormen Anstieg an Anfragen verzeichnet. Leider wurde die Einrichtung vor der Pandemie jahrelang finanziell ausgehungert. Immerhin verspricht der Wissenschaftsminister nun Besserung.

 

Roman (Name von der Redaktion geändert) ist gebürtiger Italiener und kam vor rund einem Jahr nach Wien um hier ein Wirtschaftsstudium zu beginnen. “Ich habe ein völlig neues Leben in einer neuen Stadt begonnen, was schon eine Herausforderung ist. Aber dann kam Corona - und ich kenne nicht einmal meine MitstudentInnen. Ich habe nach einem Jahr in Wien keine Freunde, bis auf ein paar alte Bekannte meiner Eltern”, erzählt Roman. Die Lehrveranstaltungen werden fast ausschließlich online abgehalten und wenn er einmal an der Uni ist, so achten alle darauf, stets Abstand zu halten und gehen nach der Veranstaltung sofort nach Hause. Roman sitzt also beinahe den ganzen Tag alleine zu Hause vor dem Computer: “Es ist einfach frustrierend. Es fällt mir wirklich schwer, mich zu motivieren.” 

Er ist nicht der einzige Student, dem die Corona-Krise zusetzt: Laut einer aktuellen Befragung der Studierenden-App Studo fühlen sich rund drei Viertel aller StudentInnen einsam und isoliert. Nur ein Viertel fühlt sich mit den StudienkollegInnen trotz Krise verbunden. Außerdem erleben laut der Umfrage viele Ängste, Depressionen und nicht wenige beklagen einen enormen Leistungsdruck. Manchen geht es sogar so schlecht, dass sie psychische Hilfe brauchen: Doch die psychologische Studierendenberatung kann aufgrund der vielen Anfragen einfach nicht mehr allen helfen.

 

Psychologische Studierendenberatung: Abgänge wurden seit Jahren nicht nachbesetzt

Schon vor der Corona-Pandemie konnte sie den Bedarf an Beratung und Therapie nicht mehr annähernd abdecken. Sind die Kapazitäten erschöpft, so versucht die Einrichtung, StudentInnen an Kassenplätze zu vermitteln. Oder an angehende PsychotherapeutInnen, die nur ein geringes Honorar verlangen. 

Die Einrichtung existiert seit fünfzig Jahren. In den letzten Jahren musste aber immer öfter für Hilfe suchende StudentInnen ein externes Angebot gefunden werden. Denn aufgrund der Sparmaßnahmen der Regierung, im öffentlichen Dienst Stellen zu reduzieren, wurden Abgänge einfach nicht mehr nachbesetzt. Franz Oberlehner, Leiter der psychologischen Studierendenberatung Wien, bedauert dies: “Seit 2017 wird das so gehandhabt und seither haben wir vier Ganztagsstellen verloren.”

Angesichts der großen Nachfrage aufgrund der Corona-Krise rächen sich diese Einsparungen nun umso mehr. Wie hoch der Bedarf an psychologischer Beratung und Therapie tatsächlich wäre, kann Oberlehner nur schwer abschätzen: “Die Bundesländer melden rund ein Viertel mehr Anfragen. Wir vergeben derzeit aufgrund der Krise nur online Termine, die alle sofort vergeben sind. Hätten wir doppelt so viele, wären wohl auch diese sofort weg.” Der Therapeut schätzt, dass jedoch viele Studierende noch immer große Hemmungen haben, überhaupt Hilfe in Anspruch zu nehmen und sich gar nicht erst melden.

Psychologische Studierendenberatung soll nun gestärkt werden

Wissenschaftsminister Heinz Faßmann hat nun angekündigt, die psychologische Studierendenberatung wieder zu stärken. Er will generell ein umfassendes Maßnahmenpaket schnüren und neben psychosozialer auch finanzielle Hilfsangebote für StudentInnen auszubauen. Auf Anfrage von MOMENT heißt es derzeit aus dem Wissenschaftsministerium aber, dass noch keine Details bekannt gegeben werden können. Die entsprechenden Konzepte müssten erst erarbeitet werden. Nach rund einem Jahr Corona kann man hier nur sagen: Spät aber doch.

Studierende schon vor Corona-Krise psychisch enorm belastet

Zahlreiche weltweite Studien belegen, dass es bereits vor der Corona-Krise nicht gerade gut um die allgemeine mentale Gesundheit der StudentInnen bestellt war. Im Jahr 2019 führte die Columbia Universität eine weltweite Studie durch, die ergab, dass rund 35 Prozent der Studierenden schon einmal von einer psychischen Krankheit betroffen und 31 Prozent akut erkrankt waren. Die Autoren folgerten daraus, dass psychische Erkrankungen unter Studierenden weit verbreitet sind. Nach Depressionen litten die meisten an Angststörungen. 

Die Vorstellung der sorgenfreien StudentInnen, die den Abschluss ewig hinauszögern und mehr Zeit auf Partys verbringen, als auf der Uni, sei einfach nicht richtig, erklärt Psychologe Urs Nater von der Universität Wien. Er erforscht die psychische Gesundheit von StudentInnen: “Das war vielleicht noch zu meiner Zeit so. Aber heutzutage stehen Studierende enorm unter Druck. Viel mehr, als es der Öffentlichkeit bewusst ist. Seit dem Bologna-Prozess und der europaweiten Vereinheitlichung sämtlicher Studiengänge hat eine Verschulung und damit eine Verdichtung der Lehrpläne eingesetzt, die einen enormen Leistungsdruck erzeugen.” 

Noch gibt es wenige Daten darüber, wie sehr die Corona-Krise zusätzlich der Psyche von Studierenden zusetzt, doch die Pandemie habe bestimmt vieles verstärkt, ist Nater überzeugt. Inwiefern, das wollen er und sein Team nun erforschen. Sie führen eine Studie zum Thema „Stress bei Studierenden in Österreich“ durch und suchen dafür noch TeilnehmerInnen.

Österreichische HochschülerInnenschaft beklagt mehr Druck auf StudentInnen statt Entlastung

Juliette Glas vom Öffentlichkeitsreferat der Österreichischen HochschülerInnenschaft ist wie Nater überzeugt, dass der Bevölkerung die Lage der StudentInnen nicht bewusst ist: “Tatsache ist, dass Studierende massiv unter der derzeitigen Situation leiden und dieser Umstand medial völlig untergeht.” Die Studierendenvertretung möchte nun eine Kampagne zum Thema mentale Gesundheit ausrollen und auch das Angebot der psychologischen Studierendenberatung bekannter machen.

Von der Politik ist die ÖH derzeit allerdings schwer enttäuscht. Anstatt Hilfe und Entlastung für Studierende, wurde nun eine neue Studienrechtsnovelle ausverhandelt, die Studierende zukünftig unter noch mehr Leistungsdruck setzen soll - wer keine Mindeststudienleistung erbringt, der kann nun vom Studienfach ausgeschlossen werden und könnte erbrachte Studienleistungen verlieren. Besonders für finanziell schwächere Studierende wie Arbeiterkinder ist das eine Belastung.

Corona-Krise wirkt wie Brennglas-Effekt auf die Psyche von StudentInnen

Psychotherapeut Gottfried Großbointner hat rund dreißig Jahre lang für die psychologische Studierendenberatung gearbeitet und ist erst vor kurzem in Pension gegangen. Er kann bestätigen, dass der Bedarf an psychologischer Beratung und Therapie im Laufe der Zeit stetig gewachsen ist und sich durch die Corona-Krise deutlich verschärft hat: “Während im ersten Lockdown vor rund einem Jahr in den Gesprächen die üblichen Probleme wie Prüfungsangst, Lerndruck oder sonstige schwierige Lebensereignisse wie der Tod eines Elternteils überwogen haben, war plötzlich im Herbst hauptsächlich Corona das Thema.”

Denn als sich abzeichnete, dass die Pandemie länger dauert, nahm die Verzweiflung bei vielen zu. “Prüfungen wurden verschoben, viele Studierende hingen in der Luft. Der Lerndruck hat enorm zugenommen, manche StudentInnen saßen elf Stunden durchgehend vor dem Computer, da manche Lehrende trotz Lockdown sehr viel verlangen oder den Studierenden sogar mehr Aufgaben aufbrummen als zuvor”, beobachtete Großbointner. 

Auch vermissten viele die Bibliotheken und die öffentlichen Plätze, um in Ruhe lernen zu können. Von sozialen Kontakten, die gerade für junge Menschen wichtig sind, einmal ganz abgesehen. Und natürlich nahmen auch die finanziellen Sorgen zu, betont der Therapeut: “Viele haben ihre geringfügigen Jobs in der Gastronomie oder dem Verkauf verloren.”

Psychologische Studierendenberatung wurde öfters infrage gestellt - und ist nun wichtiger denn je

Großbointner hat in seiner langen Berufslaufbahn bei der psychologischen Studierendenberatung oft erlebt, dass PolitikerInnen die Existenzberechtigung der Einrichtung hinterfragten. Die FPÖ stellte diesbezüglich sogar einmal eine parlamentarische Anfrage. Als Argumente wurde angeführt, dass sich Studierende einfach selbst um kassenfinanzierte Therapieplätze kümmern, Geld für private Sitzungen sparen - oder überhaupt Arbeiten gehen sollten, wenn sie ein Studium psychisch überfordern würde. 

Hier entgegnete Großbointner stets gleich: “Ich habe dann erklärt, dass dies purer Zynismus ist. Es gibt viele junge Menschen, die oft einfach aus Schüchternheit oder mangelndem Selbstbewusstsein Probleme hätten, im Studienalltag Fuß zu fassen. Hier braucht es oft nur wenige Sitzungen. Diese jungen Menschen sind nämlich meist intellektuell durchaus in der Lage zu studieren. Wenn sie aufgeben, so liegen viele Ressourcen brach, von denen schließlich die gesamte Gesellschaft profitiert.”

 

Leidest du unter Depressionen, Angststörungen, hast Suizidgedanken oder belastet dich die Corona-Krise sehr? 

Hier findest du die Kontaktadressen der psychologischen Studierendenberatung in allen Bundesländern.

Weiters kannst du dich an die Telefonseelsorge wenden, kostenlos stehen dir Experten rund um die Uhr unter 142 zur Verfügung. Es gibt auch Beratungen über Chat und Mail.

Auch die Experten des Kriseninterventionsteams stehen für eine Beratung von Montag bis Freitag unter +43 1/ 406 95 95 zur Verfügung. Auch hier ist eine anonyme E-Mail Beratung möglich.

Die psychologischen Helpline des Berufsverbandes Österreichischer PsychologInnen ist Montag bis Sonntag, 10 bis 20 Uhr unter +43 1 /504 8000 erreichbar.



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