Langzeitarbeitslose Karin bei der Arbeit in einem Second Hand Job der Volkshilfe: So könnte eine Jobgarantie aussehen

Wie eine Jobgarantie aussehen könnte und was sie bringt, zeigt das Beispiel von Karin. Die Langzeitarbeitslose bekam die Chance, an einem staatlichen Beschäftigungsprogramm teilzunehmen. Durch dieses bekam sie eine reguläre Vollzeitanstellung in einem Second Hand Shop der Volkshilfe Wien.

MOMENT

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/ 17. März 2021

Eine Jobgarantie bedeutet, das Menschen ein Recht auf bezahlte Arbeit haben. Das geht nur, wenn der Staat Arbeitsplätze schafft. In Österreich gibt es noch keine Jobgarantie, aber bereits einige ähnliche Versuche mit Langzeitarbeitslosen. Was für Jobs sind das? Drei Menschen erzählen von ihren Erfahrungen.

Karin ist 52 Jahre alt und hat jahrzehntelang als Verkäuferin im Lebensmittelhandel gearbeitet. Irgendwann kündigte sie einvernehmlich, da es “einfach nicht mehr gepasst hat”. Karin war optimistisch, bald wieder etwas zu finden. Doch Fehlanzeige. “Ich habe Bewerbung um Bewerbung geschrieben. Meistens bekam ich nicht einmal eine Absage. In anderen Fällen wurde mir klar vermittelt, dass ich zu alt bin”, so Karin.

Die Geschichte von Karin: Die schwere Arbeitssuche für Menschen über 50

Arbeitsmarktdaten zeigen eindeutig, dass die Aussicht auf eine Beschäftigung mit der Dauer der Arbeitslosigkeit immer aussichtsloser wird. Irgendwann werden solche Menschen vom AMS als “schwer vermittelbar” oder “arbeitsmarktfern” geführt. 

Mit steigendem Alter wird es noch schwieriger. Während 16-24-jährigemit einer Wahrscheinlichkeit von 30% innerhalb von 15 Monaten wieder eine Arbeit finden, sind es bei den 45-54-jährigen nur noch 14,5% und bei den 55-65-jährigen nur noch 4,4%. 

Psychische Folgen für Langzeitarbeitslose

Karin hat diese Altersdiskriminierung am eigenen Leibe erfahren. “Es schlägt vor allem sehr auf die Psyche, wenn man alles tut und sich so bemüht, einen Job zu finden, aber nicht einmal eine Absage bekommt”, erklärt sie. 

In vielen Studien sind die gesundheitlichen Auswirkungen von Langzeitarbeitslosigkeit genau beschrieben: Das Selbstwertgefühl sinkt, neben Depressionen und einem Verlust der Tagesstruktur findet oft ein Rückzug aus dem sozialen Leben statt. Vorhandene Erkrankungen werden schlimmer, oft erhöht sich das Körpergewicht, der Blutdruck und Cholesterinspiegel und das Risiko auf einen Schlaganfall oder Herzinfarkt. Auch das Immunsystem wird schwächer - Langzeitarbeitslose haben sogar ein erhöhtes Risiko eine schwere Corona-Infektion zu erleben.

Karin konnte sich beweisen - und hat jetzt eine Arbeit

Um Langzeitarbeitslosen die Möglichkeit zu geben, wieder Fuß am Arbeitsmarkt zu fassen, wurden sogenannte Transferarbeitsplätze geschaffen. Sie sind vom AMS, also dem Staat, finanziert und  für eine Dauer von drei Monaten gedacht, können aber fallweise auch verlängert werden. Die Teilnehmer erhalten umfassende Beratung, Trainingseinheiten und ein Coaching, um nach oder während dieser Zeit eine reguläre Arbeit zu finden.

Karin bekam eine solche Stelle bei der Volkshilfe. “Es war schön, wieder eine Aufgabe zu haben. Auch ältere Menschen wollen arbeiten und sich beweisen”, meint Karin. Nachdem ihr Transferarbeitsplatz sogar auf neun Monate verlängert werden konnte, war sie aber wieder arbeitslos. “Ich habe wieder so viele Bewerbungen geschrieben, aber es war aussichtslos”, meint Karin. Als sie die Hoffnung schon aufgegeben hat, wurde ihr eine dauerhafte Beschäftigung bei der Volkshilfe als Verkäuferin in einem Second-Hand-Shop  angeboten. Sie hatte sich in der Zeit als Transferarbeitskraft bewährt. “Ich war überglücklich”, berichtet Karin.

Eine überglückliche Karin, die lange arbeitslos war und nun einen fixen Job bei der Volkshilfe Wien hat

Karin ist überglücklich, nun einen fixen Job zu haben. Geschichten wie ihre zeigen, warum eine Jobgarantie Sinn macht - und für viele ältere Langzeitarbeitslose die einzige Chance sein kann.

Die Geschichte von Niko: Wenn junge Menschen schwer Fuß am Arbeitsmarkt fassen können

Niko hat im Dezember 2019 eine Ausbildung zum Gärtner abgeschlossen. In dieser Branche sind im Winter viele arbeitslos - da es aufgrund der kalten Jahreszeit einfach wenig zu tun gibt. Der 22-jährige begann dann als “Dialoger” - oft “Keiler” genannt - zu arbeiten und sammelte mit einem Tablett Unterschriften auf der Straße. Diese Arbeit verlor er aber auch nach kurzer Zeit. 

Nachdem er fast vier Monate arbeitslos war, erhielt er das Angebot für einen Transferarbeitsplatz bei den Wiener Stadtgärten. “Auch hier ist im Winter wenig los, ich mache jetzt hauptsächlich Mülldienst und gehe mit einem Greifer und einem Sack durch Parks und sammle Mist auf”, erzählt Niko. Er macht diese Arbeit gerne - und hofft auf eine baldige, dauerhafte Anstellung.

Er ist froh über den Transferarbeitsplatz: “Es ist gut, dass es solche Programme gibt. Viele haben nicht die Kraft oder den Mut, das selbst anzupacken. Manche können so eine Hilfe gar nicht annehmen, aber es ist so wichtig, das jemand da ist, der sagt, wir schaffen das gemeinsam.”

Niko sammelt Müll in einem Park ein

Niko arbeitet nun vorübergehend für die Wiener Stadtgärten und sammelt im Winter Müll in Parks ein. Auch er hofft, bald einen fixen Job zu bekommen.

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Arbeitslosigkeit in jungen Jahren kann lebenslange Folgen haben

In einem Interview mit MOMENT erklärte Wirtschaftswissenschaftler Dennis Tamesberger ausführlich, warum die Politik alles unternehmen muss, um junge Menschen schnellstmöglich in eine Beschäftigung zu bringen: “Die Forschung zeigt eindeutig, dass eine Arbeitslosigkeit von sechs Monaten bei Jugendlichen zu weitreichenden negativen Folgen führt. Das sind die berühmten Narben, die bleiben: Ihr gesamtes Leben haben sie ein höheres Risiko, ihren Job zu verlieren, wenn sie einen haben verdienen sie relativ gesehen weniger als andere und ihr Gesundheitszustand ist generell schlechter.”

In der Coronakrise rächt sich hier auch ein Kahlschlag der früheren türkis-blauen Regierung bei Projekten gegen Jugendarbeitslosigkeit.

Die Geschichte von Kurt: Ein Opfer der Digitalisierung

Kurt hat im August 2019 sein Schuhgeschäft in Gramatneusiedl schließen müssen. Der Betrieb wurde von seinen Urgroßeltern gegründet, Kurt hat hier 1984 seine Schusterausbildung begonnen. “Natürlich wiegt man lange ab. Aber wir können nicht mit dem Online-Handel und den günstigen Angeboten konkurrieren. Wir haben es zwar mit hoher Qualität und orthopädischen Schuhen versucht, aber es war aussichtslos”, erzählt Kurt. Zu dem Zeitpunkt war er 51 Jahre alt. Da Kurt auch Feuerwehrkommandant ist, war er zuversichtlich, im Bereich Brandschutz eine Arbeit zu finden. Doch dies gestaltete sich schwieriger als angenommen - und dann kam auch noch Corona.

Kurt vor seinem ehemaligen Schuhgeschäft

Kurt vor seinem ehemaligen Schuhgeschäft, das er 2019 zusperren musste. Nun sollen Produkte, die während des MAGMA-Beschäftigungsprogramms entstehen, hier ausgestellt werden.

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Chance dank Pionierprojekt MAGMA: So könnte Jobgarantie aussehen

Kurt hat Glück im Unglück. Ausgerechnet in Gramatneusiedl findet seit vergangenem Herbst ein österreichweit einzigartiges Arbeitsprojekt für Langzeitarbeitslose statt. Bei MAGMA sind Langzeitarbeitslose sogar bis zu drei Jahre angestellt. “Nicht nur die Dauer ist außergewöhnlich, sondern auch die Tatsache, dass die TeilnehmerInnen hier nicht vordefinierte Jobs antreten müssen, sondern ihre Fähigkeiten einbringen, erkunden und eigene Projekte umsetzen können”, erklärt MAGMA-Projektleiterin Daniela Scholl. 

Das AMS rechnet mit rund 150 TeilnehmerInnen über den gesamten Projektzeitraum, drei haben bereits reguläre Jobs gefunden. Nach Ende 2024 wird das Projekt evaluiert.

Die Kreativität der TeilnehmerInnen sei überwältigend. So ist derzeit sogar ein Buchprojekt mit einem Branchenverzeichnis und Ausflugszielen in und um Gramatneusiedl in Planung. Weiters wird es Bautrupps und eine Alltagsbetreuung für ältere Menschen geben. Ein Gartenprojekt ist in Planung, weiters gibt es Werkstätten, in denen Holz und Textilien verarbeitet werden, die am wöchentlichen Markt in der Gemeinde verkauft werden sollen.

Kurt zieht es in die Werkstätten: “Ich habe ja jahrzehntelang bereits mit Textilien und Leder gearbeitet. Ich war schon immer ein Bastler und bin gut im Heimwerken. Das ist mir also vertraut”. Sein altes Schuhgeschäft liegt direkt an dem Platz, an dem auch der wöchentliche Markt stattfinden soll, sobald die Pandemie es zulässt. In den Schaufenstern werden Produkte ausgestellt, die in der Werkstätte produziert werden. So lebt Kurts Geschäft in gewisser Weise weiter.

Kurt bei Schleifarbeiten eines Holztisches in der MAGMA-Werkstatt

Kurt wird bei dem Beschäftigungsprogramm MAGMA in den Werkstätten arbeiten.

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Vergangene Arbeitsprojekte für Langzeitarbeitslose waren erfolgreich 

All die drei Beispiele zeigen, wie wichtig Arbeit den Menschen ist und wie erfolgversprechend eine Jobgarantie sein könnte. Karin etwa glaubt nicht, dass sie ohne den Transferarbeitsplatz jemals wieder eine reguläre Arbeit gefunden hätte. 

In der Vergangenheit gab es bereits ähnliche Projekte wie das von MAGMA. Die “Aktion 20.000” war ein Prestige-Projekt des SPÖ-Kanzlers Christian Kern, bei dem ältere Langzeitsarbeitslose ebenfalls staatlich finanzierte Jobs bekamen. Das Projekt wurde zwar frühzeitig von der Folgeregierung eingestellt, doch eine wissenschaftliche Auswertung zeigt, dass es durchaus erfolgreich war.

Dreimal so viele Menschen, die an dem Projekt teilnahmen, fanden einen Job, als jene einer Vergleichsgruppe, die nicht teilgenommen hatte. Auch konnten indirekte, positive Auswirkungen gezeigt werden, so nahmen etwa Vorurteile gegen ältere ArbeitnehmerInnen ab. Gerade Karins Beispiel zeigt, dass vielen Menschen ab fünfzig Jahren einfach keine Chance gegeben wird. “Viele sind motiviert, verfügen über viel Erfahrung und Fachwissen, sie können Betriebe bereichern. Ich verstehe nicht, warum älteren BewerberInnen so viel Misstrauen entgegenschlägt”, meint Karin.

Corona-Krise: Warum es eine Jobgarantie braucht  

Die Arbeitslosigkeit ist aufgrund der Corona-Krise auf einem Rekordhoch. Fast 509.000 Menschen waren im Februar arbeitslos. Und hier sind jene, die derzeit in AMS-Schulungen oder Kurzarbeit sind, noch gar nicht eingerechnet. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen wird ansteigen - und angesichts der Lage der Wirtschaft gestaltet sich für sie die ohnehin schon schwierige Jobsuche noch aussichtsloser.

Die Pandemie wird noch andauern und der Arbeitsmarkt sich auch nach Corona nicht so schnell erholen können. Derzeit gibt es also viel weniger Jobangebote der Firmen als Menschen, die Arbeit suchen. Deshalb plädieren ExpertInnen für staatlich geförderte Beschäftigungsprogramme. 

Die SPÖ setzt sich derzeit für eine Wiederbelebung der “Aktion 20.000” ein und möchte die TeilnehmerInnenzahl in einer “Aktion 40.000” sogar verdoppelt. Die Volkspartei lehnt solche Projekte jedoch ab, die Begründung ist von sämtlichen ÖVP-Ministern reihum zu hören: “Die Wirtschaft muss die Jobs schaffen.” Dass eine von Corona geschwächte Privatwirtschaft das in den nächsten Jahren aber leisten kann, ist sehr unwahrscheinlich. Denn laut Vorhersagen der Wirtschaftsforscher könnte es bis Mitte oder Ende 2022 brauchen, bis die krisenbedingte Arbeitslosigkeit wieder abgebaut ist. “Und auch dann hätte Österreich immer noch 400.000 Arbeitslose”, bemerkt Oliver Picek, Chefökonom des Momentum Instituts. 

Es gibt genug zu tun

Derzeit gibt es mit Transferarbeitsplätzen nur wenige staatlich finanzierte Jobs und das Prestigeprojekt MAGMA. ExpertInnen des Momentum Instituts plädieren für dauerhafte, staatlich geförderte Jobs - zumindest so lange die Langzeitarbeitslosigkeit hoch bleibt. 

Die Jobs von Karin, Kurt und Niko sind nur drei Beispiele, was für eine Arbeit das sein kann. Aber es gibt viele gesellschaftliche Bereiche, die mehr Unterstützung brauchen. In vielen Gemeinden liegen Verwaltungsjobs brach. In Schulen könnten Schreib- und Organisationskräfte die LehrerInnen entlasten. Eine Alltagsbegleitung für ältere, noch nicht voll pflegebedürftige, Menschen wird aufgrund der steigenden Zahl der PensionistInnen in vielen Regionen immer wichtiger. Und die Klimakrise sorgt für immer mehr Schäden, deren Behebung auch immer aufwendiger wird. BeraterInnen und Ansprechpersonen, die den Menschen in Österreich beim CO2-Sparen helfen, indem sie Wissen um eine klimafreundliche Lebensart vermitteln, könnte jede Gemeinde gut vor Ort brauchen.

Eine Jobgarantie kann für eine bessere Versorgung dieser Bereiche sorgen. Und sie gibt Menschen Perspektiven und Chancen, die ihnen sonst verwehrt bleiben würde.

 

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