Ein Mann mit verzweifeltem Blick

Immer mehr Menschen in Österreich sind aufgrund der Corona-Krise von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen. Der Staat muss nun dringend gegensteuern.

Pexels.com/Andrea Piacquadio

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/ 14. Januar 2021

Rund 171.000 Langzeitarbeitslose waren Ende Dezember 2020 gemeldet. Noch nie waren in Österreich so viele Menschen länger als ein Jahr auf Jobsuche. Der Staat muss nun dringend öffentliche Jobs schaffen, um der hohen Langzeitarbeitslosigkeit entgegenzuwirken. Betroffene erzählen von der aussichtslosen Jobsuche.

 

Thomas Fackler bezeichnet sich selbst als Gastro-Urgestein. 42 Jahre lang hat er als Kellner oder selbstständiger Lokalbesitzer gearbeitet. Doch dann kam Corona - und seit dem ersten Lockdown ist der Wiener arbeitslos gemeldet. “Ich arbeite derzeit geringfügig in einem Lokal, das Essen ausliefert. Sonst kämen wir nicht über die Runden”, erzählt Thomas. Denn auch seine Frau ist arbeitslos, die wie er vor Corona in der Gastro gearbeitet hat. 

Arbeitslosengeld reicht nicht

Auch sie sucht verzweifelt einen Job und würde zumindest gerne geringfügig arbeiten. “Das Grundgehalt in der Gastronomie ist gering. Wir leben ja eigentlich vom Trinkgeld, doch das wird ja bei der Berechnung des Arbeitslosengeldes nicht berücksichtigt”, erklärt Thomas. Längst ist bekannt, dass es ein Problem ist, wenn zu viel Einkommen vom Trinkgeld abhängt - durch die Krise sind vor allem FriseurInnen, KellnerInnen und Hotel-MitarbeiterInnen besonders betroffen.

Langzeitarbeitslose haben derzeit kaum Hoffnung auf Job

Thomas ist nun 58 Jahre alt und weiß, dass es in seinem Alter schwer bis unmöglich wird, einen Job außerhalb der Gastronomie zu finden. Er würde auch gerne wieder in der Branche arbeiten, doch er macht sich Sorgen, ob er etwas finden wird, sobald Restaurants und Bars wieder aufsperren dürfen: “Wenn dieser Lockdown wirklich noch Wochen lang so weiter geht, dann werden viele Betriebe Pleite sein und nie wieder aufsperren. Und dann suchen auch die SaisonarbeiterInnen Arbeit in Wien. Da wird es dann einen Kampf um die wenigen Jobs geben.”

Betroffene enttäuscht von AMS-Schulungen

Seine Ehefrau versucht derzeit Fuß in einer anderen Branche  zu fassen. Aufgrund von Rückenproblemen ist ihr die Arbeit in der Gastronomie zu anstrengend geworden. Sie schreibt zahlreiche Bewerbungen, bekommt aber nur Absagen oder gar keine Antwort. 

“Das AMS hilft ihr überhaupt nicht. Statt einer sinnvollen Umschulung muss sie den gefühlten zwanzigsten Englischkurs machen. Da wird viel Geld für sinnlose Kurse ausgegeben,” zeigt sich Thomas verärgert.

So viele Langzeitarbeitslose wie noch nie

Thomas und seine Ehefrau sind nicht die einzigen in Österreich, die aufgrund der Corona-Krise arbeitslos geworden sind. Eine neue Analyse des Momentum Instituts zeigt, dass rund 171.000 Menschen in Österreich Ende Dezember 2020 länger als ein Jahr auf Jobsuche waren. Diese Zahl beinhaltet auch jene, die sich derzeit in AMS-Schulungen oder anderen Maßnahmen befinden. Die Anzahl jener Menschen, die seit mehr als fünf Jahren keine Arbeit finden, hat sich seit 2012 auf fast 22.000 Personen verfünffacht. Noch nie waren in Österreich so viele Menschen so lange arbeitslos. Und es könnten noch viel mehr werden.

Staat muss Kampf gegen Langzeitarbeitslosigkeit aufnehmen

Doch was könnte die Politik tun? Tatsächlich kann der Staat öffentliche Jobs schaffen - was vielen Menschen den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt ermöglicht. Das zeigte ein Prestigeprojekt, das 2017 von der SPÖ-ÖVP umgesetzt wurde: Bei der “Aktion 20.000” bekamen 20.000 ältere Langzeitarbeitslose Jobs, die mit Steuergeld finanziert wurden.

Sie wurden etwa für Verwaltungsjobs in Gemeinden eingesetzt, oder bekamen Arbeit bei gemeinnützigen Unternehmen. Die Volkshilfe betreibt etwa Werkstätten, Shops oder eine Putzerei. Die Beschäftigung ist nicht nur für die finanzielle Absicherung der Betroffenen wichtig - auch die Gesundheit leidet bei Langzeitarbeitslosen. Viele Jobabsagen zermürben und setzen der Psyche zu, die existenzielle Sicherheit ist bedroht und die Tagesstruktur geht verloren.

Die staatlichen Jobs sollen im besten Fall nur vorübergehend sein und den Langzeitarbeitslosen helfen, wieder Fuß am Arbeitsmarkt zu finden. Eine Studie zur “Aktion 20.000” belegt etwa, dass nach Beendigung des Projekts jeder oder jede dritte TeilnehmerIn in einem regulären Beschäftigungsverhältnis war. Das waren dreimal so viele wie in der Vergleichsgruppe. Leider wurde die Aktion nicht verlängert, sondern sogar frühzeitig von der türkis-blauen Folgeregierung beendet.

 

Wirtschaftskrise wird uns nach Pandemie noch lange beschäftigen

Die Wirtschaft liegt darnieder und die Pleitewelle, die nach dieser Pandemie folgen wird, ist noch nicht einmal abschätzbar. Noch mehr Arbeitsplätze könnten wegfallen. 

Ohne öffentliche Jobs wird es nicht gehen, dessen sind zahlreiche ExpertInnen überzeugt, wie etwa Soziologin Trude Hausegger, die eine Studie über die Effekte der “Aktion 20.000” durchführte: “Vor allem Personen über 55 Jahre finden oft trotz hoher Qualifikation einfach keinen Job. Nur durch so ein Projekt bekommen sie die Möglichkeit zu zeigen, was sie können.” Die “Aktion 20.000” erwies sich als eine gute Maßnahme gegen Altersdiskriminierung insgesamt: So werden Vorurteile abgebaut und die Hürden am Arbeitsmarkt für zukünftige, ältere Langzeitarbeitslose abgebaut.

Lehren aus der Finanzkrise 2008: Nur öffentliche Jobs helfen

Vor der Corona-Krise gab es nur im Jahr 2017 mehr Langzeitarbeitslose als bisher. Warum das? Einerseits, weil die wirtschaftliche Erholung nach der Finanzkrise nie stark genug war. Andererseits, weil die Arbeitsmarktöffnung 2011 bewirkt hat, dass mehr Menschen aus den EU-Ostländern nach Österreich kommen. Dies wird vor allem im Handwerk, der Pflege aber vor allem der Gastronomie deutlich - der Wintertourismus in Österreich wäre ohne SaisonarbeiterInnen aus dem Ausland nicht denkbar.

Oft setzen Unternehmen auf junge Arbeitskräfte in den Nachbarstaaten, anstatt heimische Arbeitslose anzustellen. Und auch hier kann eine Jobgarantie helfen, die Vorurteile gegenüber Langzeitarbeitslosen abzubauen. Auch Tanja Wehsely, Geschäftsführerin der Volkshilfe Wien, glaubt nicht, dass in dieser Krise der Weg an staatlichen Jobs vorbeiführen wird: "Wenn die Wirtschaft keine Arbeitsplätze schaffen kann, hat der Staat gegenüber allen Menschen, die in Österreich leben die Verpflichtung, es zu tun."

 

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