Elon Musk will eine weiße Odyssee. Dahinter steht eine rassistische Vorstellung von Geschichte

Es gibt vieles, was Historiker:innen an Christopher Nolans Verfilmung der Odyssee kritisieren können. Dass die Frauenrollen noch platter als die Dialoge sind, etwa. Dass Odysseus’ Charakter kaum noch etwas mit dem der Vorlage zu tun hat. Oder dass für die Geschichte wesentliche Rollen einfach nicht vorkommen.
Der Einsatz einer Schwarzen Schauspielerin gehört auf jeden Fall nicht dazu. Lupita Nyong’o spielt in der Verfilmung Helena und deren Schwester Klytaimnestra. Historiker:innen zucken mit den Schultern. Elon Musk und andere besorgte Rechte beschweren sich deswegen monatelang über den Film, freilich ohne ihn gesehen zu haben. Zu woke sei er und überhaupt nicht historisch korrekt. Musk plant deswegen eine eigene Verfilmung mittels KI. Erste Ausschnitte davon sehen genau so lächerlich aus, wie man sich eine rassistische Verfilmung der Odyssee mittels KI eben vorstellen kann.
Die vermeintlich fehlende historische Authentizität ist für Historiker:innen wirklich sehr, sehr weit unten auf der Liste der Kritikpunkte. Der Begriff der “historischen Authentizität” an sich lässt bei den meisten Historiker:innen schon alle Alarmglocken schrillen. Die Idee, dass Geschichte bloß zeigen soll, “wie es eigentlich gewesen” ist, entstammt dem 19. Jahrhundert und einem sehr verstaubten Verständnis von Geschichtswissenschaften. Das uns allerdings immer noch prägt, denn sehr lange Zeit wurden auch diese Wissenschaft und der Blick auf die Vergangenheit von weißen Männern geprägt. Seitdem hat sich zum Glück sehr viel verändert.
Dass Menschen wie Musk historische Korrektheit gerade bei einem Stoff wie der Odyssee so sehr einfordern, offenbart aber nicht nur ihr Unwissen. Es zeigt vor allem wieder einmal: “Historisch korrekt” ist nur dann wichtig, wenn es um eine vermeintlich “weiße” Vergangenheit geht, die nur von Männern bestimmt wurde. Und die es so nie gegeben hat.
Die Vergangenheit ist das, was wir daraus machen
Wir konstruieren Vergangenheit, um die Gegenwart zu verstehen. Sie dient als Erklärung, Sinnstiftung und Selbstlüge.
Natürlich geht es auch darum in Homers Odyssee. Sie ist ein Gedicht, das über lange Zeit durch mündliche Weitergabe geformt, immer wieder an das Publikum der jeweiligen Zeit angepasst und erst später niedergeschrieben wurde. Sie ist ein Gedicht, dessen Handlungszeitraum bereits damals vermutlich Jahrhunderte in der Vergangenheit lag (eine Frage, die Historiker:innen noch beschäftigt) und das schon bei der Niederschrift nicht “historisch korrekt” war. Und, nicht zu vergessen: Sie ist ein Gedicht, in dem Odysseus' Mitstreiter in Schweine verwandelt werden und er in der Unterwelt mit den Schatten von Verstorbenen spricht, um gar nicht erst mit den Seemonstern Scylla, Charybdis oder den Kyklopen zu beginnen. Von historischer Authentizität kann hier sowieso keine Rede sein.
Die Odyssee ist Magie, Mythologie und Fiktion – natürlich auch mit historischem Kern. Doch dass Musk und seine Meute sogar hier nach einer Darstellung schreien, “wie es wirklich gewesen ist”, zeigt: Es interessiert solche Menschen nur dann, wenn es ihrer naiven Vorstellung einer stolzen Vergangenheit widerspricht, auf die sie verweisen können. Das wird besonders deutlich an einem anderen Beispiel der griechischen Antike, auf das Musk sich gerne beruft: Sparta mit seinen vermeintlich “greatest warriors in history”, wie er sie beschrieben hat.
Sparta ist für Verlierer
Besonders für rechte Männer ist Sparta ein feuchter Traum voll gestählter Körper, Disziplin und der Herrschaft des edlen Starken. Popkulturell hat dazu der Film “300” aus dem Jahr 2006 beigetragen. In der Comic-Verfilmung über die Schlacht bei den Thermopylen verteidigen sich 300 – sehr weiße – Spartaner gegen eine Übermacht aus dem Osten, die als monströs, abartig und fremd gezeigt wird. Die Spartaner sterben am Ende einen heldenhaften Tod, nachdem sie verraten werden.
“300” ist faschistoide Fantasie in Reinform. Eine kleine, weiße, kulturell überlegene (westliche) Gruppe kämpft einen Verteidigungskampf gegen eine groteske Horde aus dem Osten. Aber der Film sah eben gut aus.
Die darin gezeigten Konzepte von Männlichkeit und Stolz haben viele junge Männer geprägt. Jahrzehntelang hallte “This is Sparta!” als Meme durch das Internet. Die Szene basiert übrigens auf einer echten historischen Begebenheit: Tatsächlich sollen Spartaner eine diplomatische Abordnung der Perser in einen Brunnen gestoßen und getötet haben. Im echten Leben hat Sparta das später bereut und als Wiedergutmachung eine eigene Abordnung zu den Persern geschickt. Die Perser sollten als Ausgleich alles mit ihnen machen. Deren Antwort: Sie seien eine zivilisierte Gesellschaft, die keine Diplomaten umbringt. Die Abordnung kam unverletzt wieder zurück nach Sparta.
Historiker:innen haben das klischeehafte Bild Spartas längst komplett über den Haufen geworfen. Das vermeintlich stolze militärische Bollwerk hat so nie existiert, das soziale Gefüge hat sich auf Bestrafung und Unterdrückung gestützt. Bis zu 85 Prozent der Bevölkerung waren Sklav:innen. Die vermeintliche militärische Übermacht war ein Fantasiegebilde, das vor allem durch seinen Ruf lebte. Der Militärhistoriker Bret Deveraux fasst es in einem Artikel über Sparta so zusammen: “Spartans were losers”. “Spartaner waren Verlierer”, also.
Die Vergangenheit war bunt
Die Geschichtswissenschaft ist sich über Sparta sehr einig, Musk sieht das natürlich anders. Menschen wie er tun Geisteswissenschaften gerne als lästiges und lächerliches Beiwerk ab. Gleichzeitig sind sie von (ihrer Vorstellung der) Geschichte fasziniert – verstehen sie aber konsequent falsch. Das entbehrt auch nicht einer gewaltigen Portion an Ironie.
Musk gräbt wiederholt Vorstellungen der Antike aus, um sie auf die Gegenwart zu projizieren. Dabei ist sein Geschichtsverständnis veraltet, verschoben und vor allem an seine rechte Ideologie angepasst. Seiner Vorstellung nach war die antike Welt der Ursprung einer vermeintlich weißen, westlichen Zivilisation.
Das alles ist nicht mehr als Zuschreibung. Internet-Krieger haben keine Ahnung von “historischer Authentizität”. Aber darum geht es auch nicht. Egal, ob der Aufschrei bei Filmen wie der Odyssee oder bei Computerspielen wie Assassin’s Creed Shadows (in dem – Himmel hilf! – ein Schwarzer Samurai vorkommt) erfolgt: Es geht um rechten Kulturkampf. Doch: Die Vergangenheit war bunt. Die Wertungen von Hautfarbe und Ethnizität waren gänzlich andere. Frauen nahmen viel mehr Rollen ein, als ihnen traditionell zugeschrieben wurden. Und die Vergangenheit war auch sehr queer.
Menschen wie Musk sehen diese Tatsachen als “woke” an, weil sie für sie nicht sein dürfen. Sie widersprechen der Konstruktion ihrer Identität. Diese Menschen rufen auch deswegen immer wieder zum Boykott von Filmen und Spielen auf. Blöd nur, dass Nolans Odyssee bereits am ersten Wochenende die Produktionskosten wieder eingespielt hat. (Auch wenn er vom Autor absolut nicht empfohlen werden kann.)







